Zeitung Heute : Obdachlosen-Mord 87. rechte Gewalttat

Der Tagesspiegel

Potsdam. Das Innenministerium will die Zahl der 2001 festgestellten rechten Gewaltverbrechen korrigieren. Nach dem Urteil des Landgerichts Potsdam zum Mord an dem Obdachlosen Dieter Manzke sei von 87 statt 86 Delikten auszugehen, sagte am Donnerstag der Sprecher des Ministeriums, Heiko Homburg. Damit wäre in der Statistik auch ein vollendetes Tötungsverbrechen registriert. Bundesweit stiege die offizielle Zahl der Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung auf 39. Das Landgericht Potsdam hatte am Mittwoch, wie berichtet, den Überfall fünf junger Männer auf Manzke als politisch motivierte Tat gewertet und hohe Haftstrafen verhängt.

Der alkoholkranke Mann war am Abend des 8. August 2001 in Dahlewitz zu Tode geprügelt worden. Das Motiv der Mörder lautete „Penner und Suffis klatschen“. Der Angriff habe sich „gegen den gesellschaftlichen Status eines Menschen gerichtet“, sagte der Vorsitzende Richter, Klaus Przybilla, in der Urteilsbegründung. Przybilla berief sich auf Richtlinien des Bundeskriminalamts.

Das BKA hatte maßgeblich an der Reform des Erfassungssystems rechter Kriminalität mitgewirkt. Die Innenminister von Bund und Ländern beschlossen 2001 einen erheblich ausgeweiteten Kriterienkatalog. So kann der Überfall auf einen Obdachlosen als politische Tat gewertet werden, wenn das Opfer wegen seines „gesellschaftlichen Status’“ attackiert wird – auch wenn die Täter keine extremistische Motivation äußern. „Es wäre zu begrüßen, dass Brandenburg den Fall als politisch motivierte Kriminalität wertet“, sagte gestern der Sprecher Bundesinnenministeriums, Rainer Lingenthal. „Dies ginge genau in die Richtung, die wir mit der Neuformulierung der Kriterien angestoßen haben“.

Tagesspiegel und „Frankfurter Rundschau“ nahmen 2001 den Fall Manzke in ihre Dokumentation über Todesopfer rechter Gewalt auf. Beide Zeitungen kamen indes auf 97 Tote seit 1990. Frank Jansen

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