Zeitung Heute : Oben auf

Nur feiern ist auch öde – heute geht es in besseren Kreisen ums Engagement

Elisabeth Binder

Das alte E-Werk in der Wilhelmstraße erstrahlt in tiefem Pink. Hinter einem schicken Glas-Counter stehen junge Hostessen mit offensivem Lächeln. Wer seine Einladungskarte vergessen hat, wird höflich um den Personalausweis gebeten, zwecks Abgleich des Namens mit der Gästeliste. Die Partys, die Manfred Schmidt für Unternehmen wie die Telekom organisiert, sind begehrt. Dabei legt der Kölner Kommunikator Wert darauf, dass es sich um Arbeitspartys handelt. Von den Gästen erwartet er, dass sie den Abend dazu nutzen, die Räume gründlich durchzuarbeiten. Das tun Politiker und Manager ebenso wie Serienstars.

Anders als die homogene Hamburger Society und die geschlossene Münchner Bussi-Schickeria, gilt die Berliner Gesellschaft als ausgesprochen dynamisch, immer in Bewegung, sehr offen für Neuzugänge. Man trifft sich gern an ungewöhnlichen Orten auf Partys, die von Profis wie Theaterstücke inszeniert werden. Tatendrang, neuerdings gern auch auf gemeinsame soziale Initiativen gerichtet, kennzeichnet die Gespräche, die häufiger das unverbindliche Terrain des reinen Small Talks verlassen.

Der Appetit auf Erfolg schimmert aus den Augen der jungen Manager und Künstler, wenn sie durch die dunklen Räume streifen, auf perfekte Loungelandschaften mit weißen Couches blicken und immer wieder aufgehalten werden von hochmotivierten Kellnern, die auf schweren Tabletts Köstlichkeiten des trendigen Caterers Kofler anbieten: gelierte Bouillabaisse mit Gambas oder gekühlten Blumenkohlschmand. Dazwischen schlängeln sich Zigarettenmädchen in langen, hoch geschlitzten Abendkleidern. Die üblichen Bewohner der Gästelisten begrüßen sich, als wenn sie alte Freunde wären, die ein grausamer Sommer vorübergehend auseinandergerissen hat. Durch die dichter werdende Nachtluft schwirren die Ferienziele der letzten Wochen, Toskana, Cape Cod, Alaska. Den Bussi-Attacken können höchstens unvernetzte Debütanten entgehen. Komplimente fliegen durch die Gegend wie Blütenpollen. Heuchel-Allergiker ziehen schon mal die Schnupftücher.

Zwischen den Gästen laufen hochkonzentriert blickende junge Leute mit Knöpfen im Ohr herum, stressgefüllte Schweißtropfen auf der Stirn. Ihre Aufgabe ist es, Prominente zu erkennen und in die VIP-Ecke zu führen. Oder einen Gast, der einen anderen treffen möchte, von dem er nicht weiß, wie er aussieht, mit diesem zusammenzuführen.

Vor allem die Jüngeren und nicht ganz so Erfolgreichen haben in vermeintlich unbeobachteten Momenten diesen hungrigen Dschungelblick drauf, der sagt, dass sie sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, beziehungsweise den tasmanischen Pfeffer nicht vom Rinderlendentatar. In der Regel wissen sie, dass Ellbogen für die großen Ziele nicht ausreichen, dass man „was zusammen machen muss“, um oben zu bleiben, dass man witzig und unterhaltsam sein muss und von unerschütterlich positivem Denken getragen. Ohne Energie kann man nicht mithalten. „Peking 2008“, sagt Manfred Schmidt, der als Society-Netzwerker mittlerweile global denkt. Klar, da sind Olympische Spiele in China, jede Menge Möglichkeiten für Medientreffs mit unternehmungsfreudigen Europäern. Wer keine Visionen hat, fliegt raus aus dem Karussell der Kreativ-Verdiener. Ganz oben ist es weniger anstrengend, als man glaubt. Aber auch weniger kuschelig.

Beim Bundespräsidenten geht es gesetzter zu. Aus den Fenstern des Schlosses Bellevue schimmert es einladend golden in den Abend hinaus, brennende Fackeln heißen die Gäste des Staatsbanketts willkommen. Die mit dem Taxi kommen, müssen am Eingang zum Bundespräsidialamt aussteigen. Das heißt aber nicht, dass der Spitzensaum des langen Kleides unnötig strapaziert wird. Limousinen mit Chauffeuren am Steuer warten, um die Gäste die wenigen Meter bis zum roten Teppich zu bringen, der über die Freitreppe ins Schloss führt. Am Fuß der Treppe, die in die oberen Salons führt, gibt es zwei Kärtchen. Eins trägt die Nummer des Tisches, an dem der Gast sitzen wird, das zweite, das Vorstellkärtchen, trägt seinen Namen. Später, beim Defilee, wird er es dem Protokollchef in die Hand drücken, damit der den Namen laut vorlesen kann, auf dass der zu Gast weilende Staatschef und seine Delegation wissen, wer da gleich mit ihnen zum Essen Platz nimmt. Es mag ungerecht erscheinen, aber ganz oben gibt es unendlich viele hochqualifizierte, überaus engagierte und zu allem Luxus in der Regel auch noch richtig nette Geister, die einen vor Fehlern bewahren, die man in der Aufregung eventuell machen könnte. Und es gehört unter den Gästen zum guten Ton, dass man einander über jede Stolperstelle hinweghilft und Gesprächspartner nicht unnötig in Verlegenheit bringt.

Die Tischgepräche handeln gern von dem, was sich ändern muss in diesem Land, vom alles lähmenden Würgegriff der Bürokratie, von der Furchtsamkeit der politischen Klasse (solange die nicht selbst mit am Tisch sitzt), von der dringenden Notwendigkeit zu mehr ehrenamtlichem Engagement. Wer es bis hierher schafft, sieht überall Chancen und Einsatzmöglichkeiten.

Engagement zeigt man zum Beispiel durch die Teilnahme an einer der großen Charity Galas, deren Zahl ständig wächst, obwohl Tickets durchaus 500 Euro kosten können. Isa Gräfin von Hardenberg ist so eine Art Zeremonienmeisterin der Berliner Gesellschaft und organisiert solche Galas. Ihre Adressenliste umfasst weit mehr als 10 000 Namen, ihre Kontakte reichen in alle Welt. Der gemütlich eingerichtete Wintergarten in ihrer Villa in Nikolassee war lange Zeit der wichtigste Schauplatz für ihr Gästelisten-Puzzle. Die Mutter von vier Kindern zog 1984 nach Berlin. Ihre privaten Einladungen zum „Open House“ waren bald so beliebt, dass Freunde ihr vorschlugen, so etwas auch für andere zu organisieren und ein Geschäft draus zu machen. Open House, das bedeutet im Hause Hardenberg, dass sich die Gäste, darunter vermögende Mäzene und erfolgreiche Moderatorinnen, vom Wintergarten zwanglos auch mal in die Küche hinein verteilen, wo bodenständige Gerichte mit edlen Tupfern aus der Haute Cuisine doppelt zünftig schmecken. In so einem seelenwärmenden Ambiente kann ein erfolgreicher Unternehmer gleich viel entspannter von der Bärenjagd erzählen, als wenn man ihn im Smoking am Ehrentisch eines Ballsaales schmoren lässt.

Nach dem Fall der Mauer eröffnete sich für das Event-Geschäft ein Markt von bis dahin unerahnten Ausmaßen. Bald organisierte Isa von Hardenberg in ihrem Wintergarten große Feste, darunter die Eröffnung des Jüdischen Museums mit Prominenz aus aller Welt. Hinzu kamen Kultur-Events, zum Beispiel der erste, mit Grandezza umrahmte Auftritt der Mailänder Scala in Berlin und selbstinitiierte Galas wie „Innocence in Danger“. Auf manche Leute wirkt die Society-Gräfin ein bisschen versnobt, was daran liegen mag, dass sie den Titel durchaus selbstbewusst im Namen trägt. Allerdings ist sie eben auch eine große Perfektionistin und kann ihre berufliche Vergangenheit als Lehrerin nicht leugnen. Ihr oft leicht besorgt kritischer, von charmantem Lächeln immer wieder aufgelockerter Blick ist Legende.

Besonders seit dem Regierungsumzug bekommt sie viele Briefe von Leuten, die ganz scharf darauf sind, auf ihrer Gästeliste zu landen. Die meisten haben keine Chance. Leichter ist es, wieder runterzufliegen. Prominente, die unentschuldigt fehlen, bekommen beim dritten Mal unwiderruflich die Rote Karte. Inzwischen beschäftigt ihr Unternehmen 15 Angestellte in einem eleganten Altbau in der Fasanenstraße. Isa von Hardenberg macht neben den veröffentlichten Glamour-Galas auch abseits aller Scheinwerfer große Feste für die Industrie.

Angesichts der bunten Bilder von veröffentlichten Partys vergisst man leicht, dass auch die Vielfotografierten gern mal die Abgeschiedenheit strikt privater Räume suchen. Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen etwa gilt als großherzige Gastgeberin, in deren Villa schon manches gute Projekt abseits aller Kameras angeschoben worden ist.

Die hedonistischen Feste, mit denen sich vor allem Neu-Berliner rund um die Jahrtausendwende präsentierten und inszenierten, sind out. Zu den ganz frühen Musterexemplaren des diszipliniert arbeitenden Partygängers gehörte ausgerechnet der wegen seines Nachtlebens so viel gescholtene Klaus Wowereit. Um all die Politiker und Wirtschaftsbosse ans Telefon zu kriegen, die beispielsweise bei einem Medientreff auf kleinstem Raum versammelt sind, muss eine Sekretärin lange Nummern wählen. Und wenn es dann geklappt hat, kann man beim Telefonieren nie so leicht Themen anspielen und austesten wie bei einem guten Glas Rotwein in einer Atmosphäre, in der nichts passieren muss, aber alles möglich werden kann.

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