Zeitung Heute : Oben das Unten vergessen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man soll ja nicht undankbar sein, aber das mit den Dächern ist wirklich dumm gelaufen. Da hatte der Osten dem Westen doch einiges voraus – und was tut der Osten, kaum, dass er Westen geworden ist? Er riegelte die Dächer ab, so wie es im Westen Sitte ist.

Vielleicht lag es ja an einem chronischen, bislang wenig kritisierten Dachtürschlossmangel, vielleicht auch am unbedingten Drang der totalitär Unterdrückten, dem Regime aufs Dach zu steigen. Merkwürdig, dass dem Regime das nicht aufgefallen ist. Denn da jedermann in der DDR immerzu aufs Dach konnte, konnte jedermann auch immerzu seine Dachantenne fürs Westfernsehen nachjustieren und so den Blick in die freie Welt rauschfrei halten.

Außerdem konnte man sich auf den Dächern sonnen, damals, man konnte da frühstücken, mittagessen, abendbroten, ums Karree spazieren (alberne Trennwände zwischen den Dächern der einzelnen Häuser gab es nicht), man konnte seine Höhenangst kurieren, man konnte über die anderen Dächer hinweg in die Ferne starren. Das war sehr schön, aber es war auch schlecht. Denn wer seine Freizeit auf dem Dach verbringt, der fragt nicht: Moment mal, was ist eigentlich untenrum los? Warum haben wir keinen Balkon? Warum bröselt die Fassade meines Hauses? Sollte man nicht einen Regimewechsel herbeiführen, hin zu einer Staatsform, die Balkons ermöglicht und Fassaden intakt hält? Wer weiß, vielleicht war das das perfide Kalkül des Honecker-Regimes: Lass sie auf die Dächer, lass sie um Himmels Willen ihre Antennen Richtung SFB ausrichten, aber lass sie niemals diese Fragen stellen.

Letztlich hat das nichts genützt, es kam der Herbst 1989, das Volk sagte: Fürs Dach ist’s jetzt zu kalt, Zeit für einen Systemwechsel.

So ein Volk kann ja nicht an alles denken. Dass sie im Westen auch nicht überall Südbalkons haben, damit hat keiner gerechnet. Dass sie im Westen eine Heidenangst vor Dachstuhlbränden haben und dafür jede Menge Dachtürschlösser, wer hätte das gedacht? Und dann noch die Sache mit den Dachwohnungen. Sie bauen die Dächer zu schweineteuren Bleiben um, und schwupps darf niemand mehr oben drauf. Vorbei ist’s mit dem schönen Leben obenrum, aber da es untenrum so dumm war, will man den Osten ja auch nicht wiederhaben. Was bleibt, ist ein Besuch in Zürich. Da halten die Herr- und Frauchen nicht nur die Straßen sauber, indem sie die Hundekacke selbst wegmachen, da haben sie auf ihren Häusern auch überall Dachgärten oben drauf. Dachgärten für alle. Dort hoch flüchten sich die Zürcher, wenn sie’s untenrum zu ordentlich und harmonisch finden. Da grillen sie wie die Verrückten, überall dampft’s, und man fühlt sich ein bisschen wie im alten Osten im Winter, wenn die Essen qualmten. Nur dass es in Zürich warm ist im Augenblick, dass die Dächer Dachgärten sind mit putzigen Geländern drumherum, und dass der Qualm nach Würst- und Steakli riecht. Und was untenrum los ist – ach, da muss man sich hier keine Sorgen machen.

Täglich fliegen Flugzeuge ab Tegel nach Zürich. Allerdings ist es sinnvoll, das Grillgut in Berlin zu besorgen; wenn’s um Grillgutpreise geht, sind wir hier echt im Vorteil.

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