Zeitung Heute : Oberes Mittelrheintal: Die Felsen schroffer, die Gegend wilder

Peter de Groot

Schroffe Riffe und felsige Höhen, Mäuseturm und Marksburg, Schlingnattern und Segelfalter. Vorbei an Rebhängen, mittelalterlichen Stadtmauern, altehrwürdigen Kirchen windet sich der Rhein. An seinen Ufern führen Bundesstraßen entlang: links die B 9, rechts die B 42. In den Orten kommen sich Dächer und Bahngleise bedrohlich nahe.

Ortsnamen wie Assmanshausen, Lorch, Bacharach, Oberwesel, St. Goarshausen, Kaub, Boppard, Braubach. Kioske, Kneipen, Gaststätten, Hotels heißen "Zur Landebrücke", "Anker", "Zum Rebstock", "Rheinlust" und "Vater Rhein". Auf dem Motorschiff "Felix" erklingt des Komponisten Friedrich Silchers (1789-1860) Melodie zu Heinrich Heines (1797-1856) Loreley-Lied: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin: Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn."

Offenbar auch nicht der hessischen und schon gar nicht der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Ende vergangenen Jahres beantragten sie bei der in Paris ansässigen Unesco, das Obere Mittelrheintal in die Liste des Welterbes aufzunehmen. Begründung: Das Tal vom linksrheinischen Bingen und dem vis-a-vis liegenden Rüdesheim bis zu dem sich auf beide Seiten des Flusses erstreckenden Koblenz sei ein weltweit herausragendes Beispiel für eine Kulturlandschaft, "die sich organisch entwickelt hat und deren Entwicklungsprozess noch im Gange ist, die herausragende Zeugnisse der Kunst, Geschichte und der Interaktion zwischen Mensch und Natur aufweist und deren Rezeptionsgeschichte eng verknüpft ist mit dem geistigen, insbesondere künstlerischen und literarischen Leben Europas".

Kommt der Antrag durch, befände sich das Obere Mittelrheintal in guter Gesellschaft: etwa mit den Reisterrassen der philippinischen Kordilleren, mit Lappland oder beispielsweise mit dem Loire-Tal zwischen Sully und Chalonnes. Die Entscheidung fällt in Budapest, im Juni 2002. Dort und dann wird das Welterbe-Komitee der Unesco, bei der es sich um eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN) für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation handelt, über den Antrag befinden. Die Chancen stehen offenbar gut. Die Feier werde schon vorbereitet, sagt der Regierungsbeauftragte für das Anerkennngsverfahren, der rheinland-pfälzische Kultur-Staatssekretär Joachim Hofmann-Göttig.

Was da Welterbe werden und also künftig besonderen Schutz genießen soll, zählt derzeit rund 170 000 Einwohner und ist etwa 620 Quadratkilometer groß. Der größte Teil des Gebiets gehört zu Rheinland-Pfalz, ein kleinerer zu Hessen. Vom Rhein selbst, der im Schweizer Kanton Graubünden entspringt und nach 1320 Kilometern auf niederländischem Gebiet in die Nordsee mündet, kämen 65 Kilometer zu Welterbe-Ehren: angefangen von Stromkilometer 527 beim so genannten Binger Loch bis hin zu Stromkilometer 592 bei Koblenz.

Zum anvisierten Welterbe gehören auch die Mündungen von Nahe, Lahn und Mosel in den Rhein, Inseln wie der kleine und der große Lorcher Werth oder der Bacharacher Werth. Manchmal verengt sich der hier sonst 300 bis 400 Meter breite Strom auf etwa 130 Meter. Und am Schieferfelsen Loreley, der kurz vor St. Goarshausen 132 Meter hoch aus dem Rhein aufsteigt, behindern einerseits Felsriffe die Schifffahrt, erreicht der Fluss andererseits aber auch mit - bei mittlerem Wasserstand gemessenen - 20 Metern seine größte Tiefe überhaupt.

Seit altersher verbindet der Rhein den Süden mit dem Norden Europas, ist er ein wichtiger Handelsweg. Viele der rund 40 Burgen am Oberen Mittelrhein fungierten einst als Zollstätten. 1827 nimmt - zwischen Köln und Mainz - die Dampfschifffahrt auf dem Rhein ihren Anfang. Neben Fluss und Straße wird Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn zum wichtigsten Verkehrsträger. 1856/59 wird die linksrheinische Eisenbahnstrecke zwischen Bingerbrück und Koblenz, 1862 die rechtsrheinische zwischen Rüdesheim und Oberlahnstein eröffnet. Die Portale der Eisenbahntunnels zieren noch heute Zinnen und Türme, die an die benachbarten mittelalterlichen Burgen erinnern.

Lange nur Durchgangsstation

Bereits im 17. Jahrhundert, vor allem dann im 18. und 19. Jahrhundert liegt der Rhein im Brennpunkt des Ringens zwischen Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich. "Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze" und "Ohne den Rhein kann die deutsche Freiheit nicht bestehen", schrieb anno 1813 Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Bei Rüdesheim das Niederwalddenkmal, eine über zehn Meter große Germania auf einem 25 Meter hohen Sockel. In Kaub erinnert ein Denkmal daran, dass der preußische Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819) hier in den so genannten Freiheitskriegen gegen Frankreich an der Spitze der schlesischen Armee in der Neujahrsnacht 1813/14 den Rhein überschritt. In Koblenz auf dem Deutschen Eck das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal, gegenüber auf der rechten Rheinseite die von den Preußen errichtete Festung Ehrenbreitstein.

Lange nur Durchgangsstation, wird das Rheintal im späten 18. Jahrhundert als Reiseziel entdeckt, vor allem von Reisenden aus England. Bereits im 17. Jahrhundert hatten niederländische Künstler idealisierte Flusslandschaften mit Motiven des Oberen Mittelrheintals gemalt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dann nahmen sich des neuen Reiseziels vor allem die deutschen Romantiker an und besangen es: Clemens von Brentano (1778-1842) etwa, der als Erfinder des Loreley-Mythos gilt, und Achim von Arnim (1781-1831), der im Sommer des Jahres 1802 gemeinsam mit Brentano - mal auf einem Post-, mal auf einem Marktschiff - den Rhein bereiste. Oder Friedrich Schlegel (1772-1829), der nach einer Rhein-Reise, die er im Jahre 1804 unternommen hatte, schrieb: Von Koblenz bis St. Goar und Bingen "wird das Tal immer enger, die Felsen schroffer, und die Gegend wilder; und hier ist der Rhein am schönsten."

In den vergangenen drei Jahrzehnten ging es mit dem Oberen Mittelrheintal eher bergab. Immer mehr junge Menschen zog es fort, immer weniger Menschen fanden hier Arbeit, und selbst der Tourismus ging zurück. "Weitermachen wie bisher kann keine Antwort sein", sagt denn auch der Mainzer Kultur-Staatssekretär Hofmann-Göttig. Der Regierungsbeauftragte für das Unesco-Anerkennungsverfahren betont, es müsse ein "Ruck" durch die Bevölkerung gehen. Er ist sich zugleich gewiss, dass es einen solchen Ruck bereits gebe.

Etwa in Gestalt des "Forums Mittelrheintal", zu dem sich Vertreter der Gemeinden und Städte in der Region, der Wirtschaftszweige, der Denkmalpflege und von Umweltverbänden zusammengeschlossen haben. Sie wollen Projekte in Gang bringen, "die die Kulturlandschaft fortentwickeln, das Erbe schützen und nutzbar machen". In den vergangenen Jahren sei der Problemdruck gewachsen und mit ihm die Erkenntnis, "dass wir nur gemeinsam da raus kommen", sagt der Forums-Vorsitzende, Boppards Bürgermeister Walter Bersch.

Hauptfeind Lärm

Natürlich gibt es auch im Oberen Mittelrheintal nicht nur geschichtsträchtige Burgen wie Katz und Maus, wie Rheinstein und Rheinfels, Stahleck, Sooneck und Pfalzgrafenstein, nicht nur sehenswerte Kirchen, etwa die hochgotische Pfarrkirche Sankt Martin zu Lorch, die Liebfrauen- und die Sankt-Martin-Kirche in Oberwesel oder Sankt Severus in Boppard. Es gibt auch das, was man gemeinhin einen Schandfleck nennt. Unter diese Rubrik fallen etwa ein Steinbruch, manche Campingplätze, auch das Verwaltungsgebäude einer Brauerei. Der Hauptfeind des Tourismus in der Region aber ist der Lärm, wie Bersch weiß. In erster Linie verursacht durch hunderte Eisenbahnzüge, die tagtäglich durch das Rheintal rollen. Der Lärmschutz steht denn auch ganz oben an, wo es darum geht, etwas für den Aufschwung der Region zu tun.

Ein "Managementplan", Teil des bei der Unesco eingereichten Antrags auf Aufnahme des Oberen Mittelrheintals in die Welterbe-Liste, sieht vor: "Im Rahmen einer integrativen Vorsorgeplanung müssen wirtschaftliche Entwicklungen und soziale Sicherheit mit der langfristigen Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang gebracht werden.

Ängste in der Bevölkerung, mit einer Aufnahme des Oberen Mittelrheintals in die Welterbe-Liste könnte das Tal unter eine "Käseglocke" gestellt werden, hält Hofmann-Göttig für unbegründet. Mit der Hoffnung auf eine Aufnahme in die Welterbe-Liste verbindet er diejenige auf einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Region. Es werde rund zehn Jahre brauchen, um den Niedergang der zurückliegenden Jahrzehnte auszugleichen, schätzt Hofmann-Göttig. Es gelte, die Region wirtschaftlich und kulturell zu beleben. Das müsse sensibel geschehen, denkmal- und umweltverträglich.

Verträglich auch für seltene Tier- und Pflanzenarten, die sich hier finden. Für die Smaragdeidechse und die Gottesanbeterin, für den Französischen Ahorn und verschiedene Federgräser. Und für den Rhein: Vor allem Abwassereinleitungen hatten dem Artenreichtum des Flusses zugesetzt. Doch Anstrengungen, die schädlichen Stoffe zu mindern, blieben nicht ohne Erfolg: Fischarten, die als vermisst galten, tauchten wieder auf, auch die Große Teich- und die Dicke Flussmuschel sind wieder da.

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