Zeitung Heute : Oberlimberg

Die letzten Tage vor der Wahl:

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auf Deutschlandtour Heute:

„Guten Tag, Herr Lafontaine. Ich komme vom Tagesspiegel. Kennen Sie den?“

„Ich bitte Sie. Ich lese durchaus Zeitungen.“

„Ich dachte, kaum jemand weiß, dass Oskar Lafontaine einen Zwillingsbruder hat, nämlich Sie, Hans Lafontaine. Ich habe gelesen, dass Sie fast die ganze oder sogar die ganze Schulzeit zusammen in der Klasse waren, unzertrennlich. Und da dachte ich…“

„Ich äußere mich seit 15 Jahren nicht mehr über meinen Bruder. Das ist bekannt.“

„Sind Sie denn auch politisch engagiert?“

„Das könnte man sagen.“ Es ist wirklich genau die gleiche Stimme!

„Und, denken Sie denn ähnlich wie Ihr Bruder?“

„Auf Wiederhören.“ Wahnsinn. Ich habe das seit 15 Jahren erste Interview mit Hans Lafontaine gemacht. Schade, dass es relativ kurz ist.

Oberlimberg, wo Oskars Villa steht, erreicht man von Saarlouis aus über ein enges Sträßlein, das in Serpentinen bergauf durch einen dampfenden, verwunschenen Wald führt. Es ist eines dieser typischen Dörfer, die bis vor einer Generation aus ein paar Bauernhäusern bestanden, nun liegt ein Ring von neuen Einfamilienhäusern rund um den Bauernhauskern herum.

Die einzige Kneipe hat geschlossen. Das Bauland ist hier billig, erzählt die Taxifahrerin. Zwei Dörfer weiter fängt Frankreich an. Oskars Haus, der von Spöttern so genannte Palast der sozialen Gerechtigkeit, wirkt tatsächlich wie das Schloss des Dorfes. Seine gewaltige Größe und sein toskanischer Stil unterscheiden sich radikal von sämtlichen Nachbarn. Direkt vor dem Eingang hängt ein Plakat der FDP, ein paar Meter weiter eines mit dem Kopf von Oskar Lafontaine.

Über das Haus ist geschrieben worden, dass seine Architektur schlecht sei, dass es protzig sei, dass es etwas Mussolinimäßiges habe, das alles leuchtet einem sofort ein, wenn man davor steht, genauso wie es andererseits stimmt, dass Linke nicht arm sein müssen. Das Haus ist lächerlich riesig, viel größer zum Beispiel als das Haus von Gerhard Schröder.

An der Côte d’Azur, auf Sardinien oder auf Mallorca würde so ein Haus nicht auffallen, aber dort wäre es für Lafontaine wahrscheinlich zu teuer, wegen der Bodenpreise. Auch ein mittelgroßes Haus in einer etwas belebteren Gegend des Saarlandes wäre vermutlich teurer. Lafontaine hat sich lieber in einer billigen Gegend ein Schloss gebaut, weit weg von allem, weil er sich dort ein Schloss leisten kann. Lieber ein Palast auf dem Oberlimberg am Ende der Welt als etwas Kleineres dort, wo die Restaurants und die Theater sind, die er doch liebt. Es kam auf die Größe an. Auf die Bruttoregistertonnen. Wie beim Fünf-Jahres-Plan. Ich denke: auf den ersten Blick 150-prozentige Lebensplanerfüllung, auf den zweiten Blick: einer, der sich mit seinen finanziellen Möglichkeiten nicht abfindet.

Lafontaine hat seinen Vater nie gekannt und kam von ganz unten, genau wie Gerhard Schröder. Aber er hatte Hans, den Zwillingsbruder. In einer Biografie steht, dass der extrovertierte Oskar den schüchternen Hans immer dominiert und gleichzeitig beschützt hat, auch mit seinen Fäusten. Wenn du von ganz unten kommst, kannst du dir Understatement eben nicht leisten.

In Saarbrücken gehe ich in ein paar Kneipen. Überall lieben sie Lafontaine, auch wenn sie ihn nicht alle wählen. Ein Stehaufmännchen, sagen sie. Ein Kämpfer. Er war mit 25 Jahren im SPD-Landesvorstand, mit 27 im Landtag, mit 28 Vorstandsmitglied der Saartal AG, mit 33 Oberbürgermeister. Einer sagt: „Ich treff den immer im Schwimmbad.“ Richtig, einen Pool hat man bei dem Haus nicht gesehen.

Es geht in die Zielgerade, immer Richtung Süden. In München werde ich den Dichter treffen.

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