Zeitung Heute : Obst opfern

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner geht zu selten einkaufen. Darauf weist ihn seine Lebenspartnerin von Zeit zu Zeit hin. Die Lebenspartnerin hat subtile Methoden entwickelt, um den Neuberliner zum Einkaufen zu motivieren.

Die Lebenspartnerin hat einen Teller mit Kirschen auf den Küchentisch gestellt. Sie kann sich sicher sein, dass der Neuberliner davon probiert. „Diese Kirschen sind ganz außergewöhnlich gut und schmecken wie die kurpfälzischen Kindheitskirschen“, sagt der Neuberliner. Die Lebenspartnerin sagt, die Kirschen seien von der Vietnamesin in der Winsstraße. Ob er übrigens noch schnell Salat holen könne bei der Vietnamesin? Der Neuberliner sagt: „Hm“. Eigentlich geht er gerne zur Vietnamesin. Nicht wegen des frischen Grünzeugs, sondern wegen der fantasievollen Beschriftungen der Obst– und Gemüsekästen. „Süpeguner“ bedeutet Suppengrün, „Manko“ heißen die Mangos, und Zitronen sind „Zitonen“.

Bevor sich der Neuberliner eine Ausrede ausdenken kann, erzählt die Lebenspartnerin von dem kleinen buddhistischen Hausaltar, den sie jüngst bei der Vietnamesin entdeckt habe. Er sei ihnen bislang nicht aufgefallen, weil er links hinter der Tür auf Bodenhöhe installiert sei. Vor einer Schale mit vielen Räucherstäbchen und einigen kleinen Kultgegenständen befinde sich ein Tellerchen mit etwas Obst. Gestern seien Kirschen auf dem Tellerchen gewesen. Man könne davon ausgehen, dass die Götter nur das beste bekommen. Also habe sie Kirschen gekauft, und die seien ja in der Tat vorzüglich gewesen.

Der Neuberliner ist sofort Feuer und Flamme und studiert wenig später den Hausaltar der Vietnamesin. Heute bekommen die Hausgötter Mango. Der Neuberliner kauft nicht nur Salat (Typ „Loller Rosser“), sondern auch zwei „Mankos“. Wieder zu Hause informiert er sich, während er köstliche Mankostückchen verzehrt, über vietnamesische Hausaltäre. Er beschließt beim nächsten Gemüsekauf taktvoll nachzufragen, ob mit dem Hausaltar die Ahnen der Gemüsehändlerin oder aber die altvietnamesischen Naturgötter verehrt würden. Beides, so liest der Neuberliner im Lexikon, sei im vietnamesischen Buddhismus üblich.

Der vietnamesische Obst- und Gemüseladen mit Hausaltar befindet sich Winsstraße16.

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