Zeitung Heute : oder keine Die

Er ist der wichtigste junge Schriftsteller Israels. Jetzt erzählt er in seinem Debütfilm „Jellyfish“ Episoden aus seiner Heimatstadt Tel Aviv. Etgar Keret über den einzigen Ort der Welt, an dem er leben möchte.

Herr Keret, wie würden Sie Tel Aviv jemandem beschreiben, der die Stadt nicht kennt?

Tel Aviv hat keine Geschichte. Die Stadt wurde einfach in den Sand gebaut, sie ist wie ein kleines Kind, das seine Identität sucht, chaotisch und anarchisch. Städte werden ja von ihrer Lage geprägt: Jerusalem zum Beispiel liegt auf einem Berg, dort ist man höher als alle anderen, muss zu ihnen hinabsteigen und ist selbst nur schwierig zu erreichen. Tel Aviv dagegen liegt am Meer: Jederzeit kann ein Schiff anlegen, das bringt eine Offenheit dem Leben gegenüber. Tel Aviv ist zwar voller Gegensätze, aber liberal.

Welche Gegensätze sind das?

Dieselben, die ganz Israel charakterisieren: ein Land, das so traditionell ist, dass am Sabbat keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren, und so liberal, dass es einen Transvestiten zum Grand Prix schickt. Wir sind gleichzeitig Iran und San Francisco. Während diese Gegensätze in Jerusalem immer extremer werden, lebt Tel Aviv friedlich mit ihnen. In Jerusalem leben Orthodoxe, Liberale und Araber in verschiedenen Vierteln, in Tel Aviv im selben Haus.Wenn man überhaupt Hoffnung hat für den Nahen Osten, dann ist Tel Aviv das Arbeitsmodell.

Ihr Film „Jellyfish“ spielt in Tel Aviv. Welches Bild der Stadt wollen Sie zeigen?

Ich hatte gar nicht die Absicht, ein bestimmtes Bild zu zeigen. Tel Aviv ist ein Teil von mir, es gehört zu meinem Körper, und manchmal fehlt einem ja das Bewusstsein, was den eigenen Körper angeht. Dann sagt einem jemand: Du hast zugenommen, und man sagt, oh, das habe ich noch gar nicht bemerkt. Und so zeigt der Film natürlich ein Bild von Tel Aviv, es ist aber unabsichtlich entstanden.

Die Schlüsselszenen des Films spielen am Meer.

Tel Aviv hat eine sehr starke Beziehung zum Meer, für mich ist das fast ein Krieg: Die Stadt versucht, durch die hohen Gebäude am Strand das Meer zu blockieren, und zugleich frisst das Meersalz die Bausubstanz an und macht sie mürbe, alles wird rostig, die Farbe blättert ab.

Ihr Tel Aviv sieht im Film fast schäbig aus.

Ja, denn für mich symbolisiert dieser Kampf zwischen Stadt und Meer das Zusammenprallen von Rationalem und Unterbewusstem. Wenn man träumt, dass man ertrinkt, sinkt man ja ganz tief ab ins Unterbewusste, Wasser symbolisiert alles, was man nicht kontrollieren kann, auch die Gefühle. Die Stadt dagegen ist konstruiert, da gibt es also eine ständige Spannung: Die Gebäude am Strand, diese Betonklötze aus den 60ern und 70ern – die passen gar nicht zum Meer. Darum habe ich extra solche Locations ausgesucht wie den Atarim-Platz, der direkt am Meer liegt, aber mit all seinem Beton zu arrogant ist, um sich zu integrieren.

Es gibt in Tel Aviv an jeder Ecke Postkarten dieser nicht gerade hübschen Gebäude und Plätze.

Seltsamerweise gelten sie in Tel Aviv als romantisch, Menschen treffen sich zu ihrem ersten Date an diesen betonierten Plätzen. Und in einem fast perversen Sinn sind wir stolz auf sie.

Dabei wird Tel Aviv wegen seiner schönen Bauhausarchitektur auch „Die weiße Stadt“ genannt.

Wir Tel Aviver sind dem gegenüber völlig blind, unser stärkstes Gefühl ist die Anarchie: Da steht das schönste und klarste Bauhausgebäude direkt neben einem schrecklichen Klotz, der dem Kommunismus zu entstammen scheint. Das Gefühl eines großen Plans gibt es nicht, die Dinge geschehen einfach. Das macht die Stadt nicht gerade schöner.

Hat diese Anarchie auch positive Seiten?

Das hebräische Wort „balagan“, das wir sehr oft benutzen, kommt aus dem Jiddischen und bedeutet Unordnung, Chaos, Anarchie. „Balagan“ hat in unserer Mentalität eine positive Konnotation, wir setzen es mit Lebendigkeit gleich. Wenn ich in eine Wohnung komme, und alles steht sauber glänzend an seinem Platz, wirkt das tot. Wenn aber Kinderzeichnungen an der Wand sind und ein halb gegessenes Sandwich auf dem Tisch liegt, weiß ich: Hier wird gelebt. Chaos und Widersprüche berühren die Essenz des Lebens.

Und deshalb toleriert man Architektursünden?

Ja, für uns ist das eine ideologische Wahl, in dieser Stilmischung und dieser Hässlichkeit zu leben. Das ist wie die Kraft des Lebens, gegen die man nicht ankommt.

Welchen Klang verbinden Sie mit Tel Aviv?

Es klingt nach jüdischen Gebeten und Techno, es riecht nach salziger Meerluft und Abgasen, immer alles zugleich, ineinander verwoben.

Wenn man nach Tel Aviv kommt, hat man Angst, in den Bus zu steigen, weil er ja explodieren könnte – dabei ist es bei dem chaotischen Verkehr viel gefährlicher, vor einem Bus die Straße zu überqueren ...

Israelis sehen Verkehrsregeln mehr als Empfehlungen an, sie fahren bei Rot, und wenn man nur rechts abbiegen darf, dann sagen sie: Ach nein, ich biege lieber links ab. Ich fahre nie Auto in Israel, in Europa schon. Ich gehe zu Fuß, fahre Fahrrad oder Taxi.

Wie ist eine typische Taxifahrt in Tel Aviv?

Dir wird sofort Intimität aufgezwungen. Der Taxifahrer könnte dir sagen: Du solltest dir mal die Haare schneiden! Oder: Geh und diene in der Armee! Zwei Minuten später bietet er dir die Hälfte seines Sandwichs an, das seine Frau gemacht hat, oder er versucht, dich mit dem Mädchen aus dem Stockwerk drunter zu verkuppeln. Vielleicht hasst er dich, vielleicht liebt er dich, verachtet oder bewundert dich – aber garantiert fährt er dich nie bloß von einem Ort zum nächsten.

Tel Aviv ist berühmt für sein Nachtleben.

Wenn du willst, kannst du um vier Uhr morgens in der Partygegend rund um die Allenby Straße im Stau stehen, weil alle von einer Party zur nächsten fahren. Tel Aviv ist sicher eine der besten Partystädte der Welt, hier ist die Lautstärke immer voll aufgedreht: In Europa feiern die Leute, in Tel Aviv feiern sie exzessiver, in Europa sind Leute aggressiv, in Tel Aviv aggressiver, in Europa ist die Gesellschaft sexualisiert, in Israel sexualisierter.

Warum?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir spüren: Die Zeit ist nur geliehen. Dann hältst du dich nicht zurück, du hast ja nichts zu verlieren. In anderen Ländern kommuniziert man mehr mit Anspielungen und Codes, in Israel ist alles viel direkter und schriller. Wenn an einem Samstagabend in Tel Aviv Soldaten ein Mädchen abschleppen wollen, dann ist es ihnen egal, ob sie sich lächerlich machen.

Tel Aviv hat den Spitznamen „The Bubble“: Der Nahostkonflikt wird ausgeblendet, man trinkt Kaffee in der Sonne, während ein paar Kilometer südlich die Armee den Gazastreifen bombardiert.

Nicht nur die Tel Aviver trinken Kaffee, während die Armee Gaza und die Palästinenser Sderot bombardieren – in Ramallah ist es genauso. Auch während des Libanonkriegs waren die Cafés in Tel Aviv voll. Ich glaube, es liegt in der menschlichen Natur, schreckliche Dinge zu verdrängen, gerade wenn sie schon seit langem Realität sind. Ich will das nicht rechtfertigen, aber es ist eben so, dass in den meisten Kriegen die Menschen, die nicht unmittelbar in Gefahr waren, die Realität zur Seite geschoben und so getan haben, als sei alles ok. Und dieses Verdrängen funktioniert selbst dann, wenn Menschen in Gefahr sind: Das Orchester der Titanic soll ja auch bis zum Ende gespielt haben.

Vergangenen Donnerstag erschoss ein Palästinenser acht Israelis in einer Religionsschule. Wie präsent ist die Angst vor Anschlägen im Alltag?

Wenn man in seiner vertrauten Umgebung immer Angst hätte, wäre das Leben unmöglich. Von außen wird Israel als gefährlich gezeichnet, aber wenn man hier lebt, fühlt es sich nicht so an. Ich bin mal nach Australien geflogen, meine Mutter wurde hysterisch, sie hatte Angst, ich könnte von einem Hai gefressen werden. Für sie ist der Hai etwas Unbekanntes, das man fürchten muss, aber dass einen Bombe explodieren könnte, daran hat sie sich gewöhnt.

Ist das in Jerusalem, wo der Konflikt spürbarer ist, anders?

Angst habe ich dort nicht, aber ich bin in Jerusalem immer müde. Man sagt, das liege an der Luft, aber ich glaube, das hat auch mit der Aura zu tun. Es ist wie in Weimar: zu viel Geschichte.

Es bleibt kein Platz für die Gegenwart?

Die Stadt selbst bedeutet schon so viel, dass es keinen Platz für Neues gibt. Ich glaube: Tel Aviv ist die Stadt der Menschen, die Antworten suchen, Jerusalem ist die Stadt der Menschen, die Antworten haben und sich diese nur anhören wollen.

Ihre Schwester lebt in Jerusalem, in Mea Schearim, dem Viertel der ultraorthodoxen Juden.

Meine Schwester und ich waren seit gut 20 Jahren nicht mehr allein in demselben Raum, das ist nicht erlaubt und macht es schwierig, ein privates Gespräch zu führen. Außerdem wuselt ja auch immer eines ihrer elf Kinder um sie herum. Und wir haben grundsätzlich andere politische Einstellungen: Meine Schwester würde gerne in einer Theokratie leben. Ich bevorzuge die Demokratie.

Ihre Familie ist eine Art israelischer Mikrokosmos.

Meine Eltern haben den Holocaust überlebt, meine Schwester ist ultraorthodox und hat mal in einer Siedlung in den besetzten Gebieten gelebt. Mein Bruder ist ganz weit links, er hat in Israel die Bewegung zur Legalisierung von Cannabis gegründet. Mein Schwiegervater ist ein sehr bekannter Dichter und Journalist, er ist der Neffe vom früheren Verteidigungsminister Mosche Dajan. Mein Schwager ist Aviv Geffen, Israels berühmtester Rockstar. Aviv sagt immer: Wir sind die israelischen Kennedys, nur ohne das Geld.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Tel Aviv?

Der Strand, zwischen der Frischmann- und der Gordonstraße. In den meisten Städten sind Strand und Stadt getrennt, du gehst oder fährst an den Strand, aber in Tel Aviv hast du einen Geldautomaten, daneben eine Anwaltskanzlei, dann gehst du drei Schritte und bist am Strand. Du siehst die Menschen aus den Büros, die Mittagspause machen, Männer im Anzug, die sich das Hemd ausgezogen haben, ein Sandwich essen und dabei telefonieren, vielleicht ist ihr Büro nur 20 Meter weit weg.

Am Strand sind alle gleich.

Ja, Grenzsoldaten, Araber, Hightech-Ingenieure, Arbeitslose – wenn sie ihre Badehose anhaben, kannst du sie nicht auseinanderhalten. In der Stadt würden sie sich an einem guten Tag aus dem Weg gehen, an einem schlechten würden sie sich vielleicht beschimpfen oder prügeln.

In einem Interview haben Sie gesagt: Israel ist wie ein Bagel.

Israel ist das einzige Land, das um einen ideologischen Kern gebaut wurde: die zionistische Idee. Juden kamen von überall her nach Israel, und die Ideologie war das Einzige, was sie gemeinsam hatten. Mit den Jahren wurde die zionistische Idee immer unwichtiger, aber die Konstruktion blieb die gleiche. Und jetzt sitzen wir alle wie auf dem Rand eines Bagels und blicken ins Nichts.

Was hält die Gesellschaft zusammen?

Nichts. Wir teilen keine Ideologie mehr, sondern die Ideologie teilt uns. Für meine Eltern war der Zionismus das Einzige, was sie mit Juden aus Syrien verband. Ich teile mit meiner Generation Sprache, Kultur und Geschichte – aber wir sind darauf gepolt, über Ideologie zu kommunizieren und können uns nur schwer davon lösen. Wir müssten uns auf menschlicher Ebene nähern: Meine Schwester und ich haben ideologisch nichts gemeinsam, aber wir sind uns menschlich nahe.

Würde Ihre Schwester Sie denn in Tel Aviv besuchen?

Nein, sie fährt nicht mehr nach Tel Aviv. Sie liest auch nicht meine Bücher.

Könnten Sie sich vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben?

Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem ich lieber leben möchte. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt in einer anderen israelischen Stadt leben könnte.

Weil Ihnen Tel Aviv so vertraut ist, oder weil es Sie immer wieder überrascht?

Es ist eine Kombination aus beidem. In Tel Aviv ist nichts vorhersehbar, anders als in London oder Paris, die ihre Identität gefunden haben und wie Museen sind. Also sind es die Überraschungen, die ich liebe – aber ich bin sie gewohnt. Wenn es sie nicht gäbe, dann wäre ich überrascht.

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