Zeitung Heute : oder schlampig Flauschig

Die einen lieben das Trödelhafte am Morgen, die anderen betrachten ihn als untrügliches Zeichen von Weltangst. Ganz klar: Der Bademantel spaltet die Menschheit. Ein Pro & Contra

Susanne Kippenberger

Gemütlich, das Wort ist ungefähr so verboten wie lecker. Dabei sehnen sich alle danach, deshalb sehen ja so viele Berliner Bars aus wie bei unser Oma zu Hause. Dabei gibt es einen Weg, es sich gemütlich zu machen, ohne gleich seine Wohnung mit Polstermöbeln zu verunstalten: Bademantel anziehen.

Den ganzen Tag zwängen wir uns in enge Hosen, ziehen Reißverschlüsse hoch, knöpfen Blusen zu. Da muss ein bisschen Freiheit mal sein. Nudisten würden raten: Laufen Sie doch einfach nackt rum. Waren Sie schon mal an einem FKK-Strand? Mehr sage ich nicht dazu. In einem weißen Bademantel dagegen sieht jeder gut aus. Und man genießt Freiheit ohne zu frieren. Bademäntel sind nämlich wie Wolldecken, nur schöner: Sie kratzen nicht, sind sie doch von Natur aus weich und kuschelig. In der Kleidung sind sie das, was das comfort food beim Essen ist: Instant-Balsam für die Seele.

Mit Schlamperei hat das nichts zu tun. Das englische Wort bathrobe deutet schon die noble Herkunft des Kleidungsstücks an. Früher konnten sich nur Adelige einen Morgenmantel leisten, dem gewöhnlichen Arbeiter fehlte dazu erstens das Geld und zweitens die Muße. Selbst im Zeitalter der Demokratie ist der Bademantel noch ein Luxusbarometer. Je teurer ein Hotel, desto dicker und weicher die Robe. Umgekehrt gesagt: Je flauschiger der Bademantel, desto teurer das Hotel. Manche Gäste holen den Preis wieder raus, indem sie die Robe mitgehen lassen.

Sehnsüchtig blättern Bademantelhasser in Wellnesshotel-Prospekten, in den en lauter strahlende Bademantelträger zu sehen sind. Dabei könnten sie sich für den Preis einer halben Nacht dort ein Luxusexemplar für zu Hause kaufen. Nur: Das trauen sie sich nicht. Feiglinge. Weil dann jemand kommt und sagt: Ungewaschen am Frühstückstisch, igitt! Als wäre nicht, wer sich abends im Straßenanzug nach einem hektischen Tag im Büro an den Tisch setzt, erheblich waschbedürftiger.

Frühstücken im Bademantel, das ist ein Gefühl wie in der Rama-Werbung: jeden Morgen Urlaub. Als würde der Ernst des Tages noch ein bisschen aufgeschoben. So wie man mit ihm früher, als Kind, das Ins-Bettgehen rauszögern konnte. Im Bademantel ticken die Uhren langsamer, er ist wie die Dämmerung: Sanft gleitet man von einem Zustand in den anderen. Morgens muss man nicht hektisch die Träume abschütteln, abends nach einem entspannenden Bad oder was man sonst so nackt in der Wohnung treibt, sich nicht sofort wieder in die Jeans stopfen. Nach dem letzten Tropfen eines guten Weins springt man ja auch nicht gleich auf, um sich die Zähne zu putzen.

Wie sexy Bademäntel sein können, kann man sich in den Hollywood-Klassikern abgucken. Denn natürlich muss man gewisse No-Nos beachten. Nicht erlaubt sind alle schmutzigen Farben, vor allem Brauntöne, möglichst noch gemustert und gestreift. Die erinnern sofort an Krankenhaus und alte Männer. Oder Partnerlook: geht gar nicht.

Aber der Bademantel kann ja nichts für den schlechten Geschmack seiner Besitzer, so wenig wie für die Schlampen, die noch am Nachmittag die Tür im Schlabberlook öffnen. Denn merke: Der Bademantel ist keine Ganztagesbekleidung. Er ist das Sahnehäubchen. Man ernährt sich ja auch nicht von morgens bis abends von Eiskrem. Außer man hat gerade Mandelentzündung. Dann darf man auch den ganzen Tag im Morgenrock verbringen. Susanne Kippenberger

Als es abends an der Wohnungstür schellte, war sofort klar: Das konnte nicht gut ausgehen. Das Ding da draußen auf dem Fußabtreter war schmeißfliegengrün. Unten stachen zwei käseweiße, dünnliche, haarige Unterschenkel heraus, oben ein graumeliertes Brusttoupet und noch weiter oben ein Schnauzbart. Zusammengehalten wurde das Ganze von einem lasch verknoteten Gürtelband, das vor zwei, drei Jahrzehnten wahrscheinlich mal flauschig gewesen war. Jetzt fluselten nur noch ein paar Fäden traurig hinaus. Das alles mit einem Blick halb erfasst, schon ging’s los. Unter dem Schnauz drang lautstarke Empörung hervor. Was dem neuen Obermieter eigentlich einfalle! Krach mit Schuhen auf Parkett! Gefälligst! Teppich! Man wird doch wohl noch in der eigenen Wohnung seine Ruhe! Hausordnung! Hausschuhe!

Mein Psychiater meint, ich hätte seither einen Dachschaden, Bademantelphobie, wissenschaftlich sehr interessanter Fall – ob sich das auch bei anderen Flauschwaren bemerkbar mache? Pullover? Stricksocken? Nein? Merkwürdig.

Dabei ist das überhaupt nicht merkwürdig. Der Bademantel ist unter den Kleidungsstücken das, was der Grottenolm im Tierreich ist: ein lichtscheues, lächerliches Wesen von beklagenswerter Antriebsarmut. Grottenolme planschen lauwarm. Bademantelträger auch. Historisch ist das Ding ein Zwitter aus missverstandenem Morgenland und bürgerlicher Prüderie. Morgenmäntel gibt es in Europa, seit die Türken vor Wien standen, gerne mit Arabesken bestickt, was auf ihre Herkunft aus dem Land der Muselmanen hinweist. Als um 1900 der Bürger die Sommerfrische am Meer entdeckte, wurde der Hausmantel zweckentfremdet, um den fröstelnden Sportsmann aufzuwärmen, nachdem er tollkühn bis zu den Knien in die Wellen gewatet war.

Der Bademantel steht für den Unwillen, mit der Welt, wie sie ist, in Berührung zu kommen. Wenn Wilhelm Busch einen arglosen Trottel zeichnen wollte, hat er ihn in einen Morgenmantel eingehüllt. Gontscharows Oblomow, dieses literarische Urbild aller Schlaffis, verdämmert seine Tage auf dem Sofa in einem Chalat, einem Schlafrock aus persischer Seide. In den frühen 60er Jahren taucht der Bademantel reklamehalber wieder auf als „eleganter“ vor echt britischem Kaminfeuer. Aber sogar die Deutschen haben irgendwann gemerkt, dass der Gentleman in Flausch genau so eine Fälschung war wie Whisky Marke „Racke rauchzart“.

Obendrein ist das Ding nicht mal bequem. Wenn man sich hinsetzt, spannt es. Der Gürtel schlüpft ständig aus seinem Knoten. Ist es kühl, zieht es oben und unten rein. Bademäntel kommen infolgedessen nur in chronisch überheizten Räumen vor oder im Freibad über dicken Bäuchen. Es gibt bloß eine einzige Entschuldigung für einen Bademantel. Das ist eine hübsche Frau, wenn sie drinsteckt. Aber eine hübsche Frau entschuldigt sowieso fast jedes Kleidungsstück.

Wobei, selbst das ... Es gibt da nämlich diese Anzeige im Modekatalog: „Für die kleine Marilyn Monroe oder den kleinen Hugh Hefner. Superbequemer Bademantel aus hochwertigem Frottier. Ideal nach einem entspannenden Bad.“ Klingt gut, nicht wahr? Es gibt nur ein Problem. Wer in dem Katalog eine Seite weiter blättert, findet Halsbänder und Leinen angepriesen. Es ist ein Modekatalog für den verwöhnten Hund.Robert Birnbaum

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