OECD-Bildungsstudie : Uns geht’s noch zu gut

Von Anja Kühne

Schade für Hanna. Gerade lächelt das Mädchen bei seiner Einschulung noch zuversichtlich in die Kamera seiner Eltern, da wird es auch schon zum Risikofall für die OECD-Statistiker: zu Hanna Mustermann, einer statistischen Durchschnittsdeutschen auf der Verliererseite. Für die individuelle Förderung in Hanna Mustermanns Grundschule gibt Deutschland deutlich weniger Geld aus als andere OECD-Länder. Zwar ist Hanna aufgeweckt, aber als Arbeiterkind hat sie in Deutschland so schlechte Bildungschancen wie in keinem anderen vergleichbaren europäischen Land. So kommt sie nicht aufs Gymnasium und studiert, sondern lernt Schneiderin. Hanna verdient wenig, ihr Risiko, arbeitslos zu werden, steigt. Schade für Deutschland.

Der Wirtschaftsmacht gelingt es der neuen OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ zufolge nicht, ausreichend menschliche Ressourcen für die Zukunft zu erschließen. Wohlstand und sozialer Fortschritt erscheinen gefährdet. Deutschland gehen die Ingenieure und Lehrer aus. Überhaupt kommen zu viele seiner begabten Schüler nie an der Hochschule an, während sich Staaten wie Korea, Irland oder Spanien dynamisch zu Wissensgesellschaften entwickeln. Die deutschen Bildungsausgaben dümpeln vor sich hin.

Übt sich die OECD vielleicht nur in Alarmismus? So sehen es manche Politiker: Angesichts einer flotten Konjunktur sind die derzeitigen Engpässe bei den Ingenieuren noch kein großer Fachkräftemangel. Und mag Deutschland auch weniger Akademiker haben als andere Staaten – dafür hat es ja seine weltweit berühmte duale Berufsausbildung. Hier kann man Wissen erwerben, für das man im Ausland an die Uni muss. Schließlich: Masse ist nicht Klasse.

Es wäre schön, könnte Deutschland sich diese heile Bildungswelt bewahren. Aber die Fülle der statistischen Gegenbeweise ist erdrückend. Die demografische Entwicklung wird die Lage nur noch verschlechtern. In Deutschland kommen nur 32 Ingenieure auf 1000 Absolventen, im OECD-Mittel hingegen 44. Die Arbeitslosenquote Geringqualifizierter hat sich in anderthalb Jahrzehnten verdreifacht. Anders als befürchtet, werden in Ländern mit einer wachsenden Zahl von Hochqualifizierten weniger gut gebildete Menschen nicht vom Arbeitsmarkt verdrängt – im Gegenteil, die Zahl der Arbeitslosen unter ihnen sinkt.

Unterdessen lässt man in Deutschland wertvolle Zeit verstreichen. Wie schwerfällig das Land ist, zeigen ungezählte Beispiele: Für die Kindergärten gibt es Bildungspläne, doch die Gruppen wachsen. In den Schulen gibt es Bildungsstandards, aber mehr Zeit, die Schüler zu fördern, haben die Lehrer nicht. Ähnlich bei den Unis: Der Exzellenzwettbewerb verliert an Akzeptanz bei Wissenschaftlern, weil die Politik das Hochschulsystem in der Breite finanziell im Stich zu lassen scheint. Und was nutzt ein Pakt für Studienplätze, wenn die Betreuung damit auch in den neuen Bachelorstudiengängen nicht verbessert werden kann?

Nationale Offensiven für die Bildung sind nach der Föderalismusreform noch schwieriger geworden, Bildung nur noch Sache der Länder. Doch der statistische deutsche Durchschnittsfinanzpolitiker Thilo Mustermann und sein Durchschnittsbildungskollege Jürgen Mustermann kommen allzu langsam vom Fleck. Es ist daher unwahrscheinlich – und Hannas Pech –, dass Deutschland die Folgen seiner schwächelnden Bildungspolitik aus eigener Kraft wird lösen können. Es braucht intelligenten Zustrom aus dem Ausland. Doch um das zu erkennen, geht’s uns einfach noch zu gut.

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