OECD-Studie : Wer hat, dem wird gegeben

In Deutschland werden die Reichen reicher und die Armen ärmer, zeigt eine OECD-Studie. Woran liegt das?

Stefan Kaiser

Es ist noch nicht lange her, da galt Deutschland als Sinnbild für Wohlstand und sozialen Ausgleich. Anfang der 90er Jahre waren die Einkommen hierzulande so gleichmäßig verteilt wie sonst nur noch in den klassischen skandinavischen Wohlfahrtsstaaten. Armut galt allenfalls als Randerscheinung. Doch dieses Bild hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Armut und Einkommensungleichheit haben in Deutschland deutlich stärker zugenommen als in anderen Industriestaaten.

Belegt wird dies durch eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie hat die Entwicklung in den 30 OECD-Ländern zwischen 1985 und 2005 untersucht. Demnach haben Armut und Ungleichheit in dieser Zeit zwar in den meisten Staaten zugenommen. In Deutschland war dieser Trend jedoch besonders stark - vor allem in den Jahren 2000 bis 2005. So lag die Armutsquote, also der Anteil der Personen, die weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens haben, im Jahr 2005 in Deutschland sogar mit elf Prozent leicht über dem OECD-Durchschnitt. In Dänemark und Schweden waren es dagegen nur rund fünf Prozent.

Und bei der Einkommensungleichheit kommt Deutschland mittlerweile zumindest nahe an den Durchschnittswert heran (siehe Grafiken). "Trotz anhaltender staatlicher Umverteilung durch Steuern und Transfers erhöhte sich die Kluft zwischen Reich und Arm", heißt es im OECD-Bericht. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Die Reichen sind reicher geworden

"Seit 1995 hat die Spreizung der Bruttolöhne und -gehälter in Deutschland um 15 Prozent zugenommen", sagt Michael Förster, einer der Autoren der Studie. Dieser Trend geht vor allem auf steigende Einkommen bei den Top-Verdienern zurück. So sind die Haushaltseinkommen der oberen 20 Prozent zwischen 1995 und 2005 um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen, während die der unteren 20 Prozent im Schnitt um 0,3 Prozent zurückgingen. Die Zunahme bei den oberen Einkommen wird häufig mit der stärkeren internationalen Konkurrenz um Manager und gut ausgebildete Spezialisten begründet. Dagegen geht der Bedarf für einfache Tätigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt immer stärker zurück.

Mehr Haushalte ohne Arbeit

Die hohe Arbeitslosigkeit hat die Tendenz zu Ungleichheit und Armut in Deutschland klar verstärkt. So ist hier der Anteil der Haushalte, in denen gar niemand erwerbstätig ist, so hoch wie in keinem anderen Land der OECD. Zwischen 1995 und 2005 ist er von 15,2 auf 19,4 Prozent gestiegen - das ist fast jeder fünfte Haushalt, Rentnerhaushalte werden dabei nicht mitgezählt. Für diese Gruppe von Menschen ist auch das Armutsrisiko besonders hoch: 40 Prozent der Haushalte ohne Arbeitseinkommen gelten nach Definition der OECD als arm - ihr Einkommen lag also unter der Hälfte des mittleren Einkommens aller Haushalte.

Hier liegt jedoch auch eine Schwäche der Studie: Sie erfasst die Entwicklung der vergangenen drei Jahre nicht. Seit 2005 hat sich aber die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich verbessert. Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen ist von rund fünf auf rund drei Millionen gesunken. Dass sich dieser Aufschwung bei Armut und Ungleichheit bemerkbar machte, zeigen die neuesten Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach hat sich die Einkommensungleichheit 2006 zwar noch einmal verschärft, 2007 ist sie aber wieder gesunken. Ähnliches gilt für die Armutsquote. "Der zentrale Indikator ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt", sagt DIW- Forscher Markus Grabka. Wenn sich die Lage dort im Zuge des drohenden Konjunktureinbruchs aber wieder verschlechtere, werde sich wohl auch die Ungleichheit wieder erhöhen.

Hohes Risiko für Alleinerziehende

Bestimmte Gruppen sind von Armut deutlich stärker betroffen als andere. Laut OECD-Studie hat sich das Armutsrisiko in den vergangenen 20 Jahren generell von den Älteren auf die Jüngeren verlagert. In Deutschland ist dieser Trend besonders ausgeprägt. So ist die Armutsquote bei Menschen über 65 in der Zeit von 1995 bis 2005 stabil bei rund neun Prozent geblieben und liegt damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 13 Prozent. Bei Kindern ist die Quote im gleichen Zeitraum von elf auf 16 Prozent nach oben geschnellt. Betroffen sind vor allem Kinder von Alleinerziehenden. Sie leben in Deutschland so häufig in Armut wie sonst in nur fünf anderen OECD-Ländern.

Dass es auch anders geht, zeigen zum Beispiel die skandinavischen Staaten, in denen Haushalte mit Kindern ein geringeres Armutsrisiko haben als Haushalte ohne Kinder. Dies gilt dort sogar für Alleinerziehende. OECD-Experte Michael Förster sieht dies als "Resultat gezielter Transfers" und eines "umfassenden Betreuungsangebots, dass auch Alleinerziehende in die Lage versetzt, einer Erwerbsarbeit nachzugehen".

Dem deutschen Steuer- und Transfersystem fehlt es dagegen nach Meinung der OECD-Forscher an Zielgenauigkeit. Zwar verringere es die Einkommensungleichheit und Armut in durchschnittlichem Maße. Dafür wende Deutschland aber ungewöhnlich viel Geld auf. "Das deutsche System ist mittelschichtenzentriert", sagt Förster. Es ziele zudem auf das klassische Familienbild mit einem Ernährer ab. Deshalb sei Nachdenken gefordert, ob dieses System geeignet sei, auf neue Strukturen zu reagieren.

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