Zeitung Heute : Öffentliche Kettenreaktion

Eine Störung im slowenischen Atommeiler Krsko versetzte Europa in Angst. Was passierte in dem Kraftwerk?

Albert Funk Fabian Leber

Die ersten Meldungen klangen wenig beruhigend. Am Mittwoch um 15 Uhr 07 Ortszeit entdeckten Techniker im primären Kühlkreislauf des slowenischen Atomkraftwerks Krsko ein Leck. Sie stuften den Vorfall als „ungewöhnliches Ereignis“ ein. Auch die slowenische Atomsicherheitsbehörde war alarmiert. Während der Reaktor manuell heruntergefahren wurde, informierte Slowenien über ein spezielles Mailsystem die EU-Kommission. Die slowenischen Beamten bezeichneten den Zwischenfall darin zunächst als „sehr gefährlich“. Deshalb wurde in Brüssel um 17 Uhr 38 automatisch das europäische Frühwarnsystem „Ecurie“ aktiviert. Zum ersten Mal seit seiner Einführung 1987 kam es mit einer direkten Mitteilung an die Öffentlichkeit zum Einsatz.

Wohl auch deshalb war die Verunsicherung am Mittwochabend in ganz Europa groß. In manchen Medien war von einem „europaweiten Atomalarm“ die Rede, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wurde sogleich in den „Tagesthemen“ befragt und betonte, dass in Deutschland keine erhöhte Radioaktivität gemessen werde. Zugleich kritisierte er Pressemeldungen über den angeblichen „Atomalarm“, schließlich sei nach Angaben der slowenischen Behörden keine Radioaktivität ausgetreten und einen derart allgemeinen Warnalarm gebe es nach den Regeln der EU auch gar nicht.

Tatsächlich sprach der Chef der slowenischen Atomsicherheit, Marjan Tkavc, am Donnerstag davon, dass seine Behörde den Vorfall „vorschnell als sehr gefährlich“ eingestuft habe. Nach seinen Angaben war in der Geschichte des Kraftwerks Krsko zum ersten Mal ein Leck im Primärkreislauf gefunden worden. „Deshalb schien die Besorgnis zunächst berechtigt.“ Später sei „Ecurie“ dann mündlich über die Entwarnung informiert worden. Um 21 Uhr 05 gab auch die EUKommission bekannt, die Situation sei „unter Kontrolle“.

Nach Tagesspiegel-Informationen war das Leck in der Nähe der Hauptkühlpumpe aufgetreten. Es war etwa einen Quadratzentimeter groß, weshalb insgesamt zehn bis 15 Kubikmeter Kühlmittel austraten. Das gesamte Kühlmittel sei innerhalb des Sicherheitsbereichs geblieben, Radioaktivität sei nicht ausgetreten. Man habe auch kein Wasser in das Kühlsystem nachspeisen müssen. Das System habe keine weiteren Sicherheitsanforderungen gestellt, der Reaktor wurde heruntergefahren und war um 17 Uhr 30 abgeschaltet. Auslöser für den Zwischenfall war offenbar ein defektes Ventil. Die slowenischen Behörden kündigten an, der Schaden werde heute repariert. Dann könne das Kraftwerk Anfang nächster Woche wieder in Betrieb gehen.

In Berliner Regierungskreisen hieß es am Donnerstag, es habe sich um einen Vorfall der niedrigsten Notfallstufe gehandelt, „weit entfernt von einem Störfall“. Vermutet wurde, dass die slowenische Seite die Daten ungenau nach Brüssel übermittelte. Deshalb sei eine Alarmstufe ausgelöst worden, die eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre. Auch Umweltminister Gabriel sagte, die EUMitteilung sei „eigentlich“ ein Alarm, der dann nur dann ausgelöst werden solle, wenn es zu „grenzüberschreitenden Radioaktivitäten“ komme. Einen Vorwurf wollte er der slowenischen Seite trotzdem nicht machen: „Mir ist es lieber, jemand löst einen Alarm unnötig aus, als dass man einmal zu wenig alarmiert.“ Möglicherweise reagierten die slowenischen Behörden auch deshalb so schnell, weil das Land zurzeit die EU-Ratspräsidentschaft wahrnimmt und die Regierung in Ljubljana den Vorwurf vermeiden wollte, sie vertusche etwas.

Das „Ecurie“-Warnsystem war 1987 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl eingerichtet worden. Es besteht nach Angaben einer EU-Sprecherin aus einer Kommissionsangestellten in Brüssel, die die Aufgabe hat, eine eintreffende Meldung an alle anderen Staaten weiterzuleiten. Nach 21 Jahren kam „Ecurie“ mit dem Zwischenfall in Krsko nun erstmals mit einer öffentlichen Warnung zum Einsatz. Zwar hatte es im laufenden Jahr schon drei andere Meldungen über Vorkommnisse in europäischen Atomkraftwerken gegeben. Doch diese betrafen nur jeweils ein Land – und enthielten keine Warnung an alle EU-Staaten. Die EU-Kommission hatte außerdem erst vor kurzem nach einer Debatte beim Nuklearforum in Prag beschlossen, Warnmeldungen an „Ecurie“ zu veröffentlichen. Die Informationen werden in Brüssel nicht geprüft, sondern nur weitergeleitet. Angeschlossen sind die 27 EU-Staaten, die Schweiz und Kroatien. „Das war ein gutes Beispiel von Transparenz im Fall eines Atomereignisses“, sagte der Sprecher von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs.

Für zusätzliche Verwirrung hatte die slowenische Behörde gesorgt, weil sie mit einem gesonderten Fax auch die Nachbarländer Österreich, Ungarn und Italien informierte und dabei zunächst von einer „Übung“ die Rede war. Wie sich am Donnerstag herausstellte, hatten die slowenischen Beamten aber einen Formfehler gemacht. Auf dem Formular, das an die Nachbarländer ging, hatten sie vergessen, das Wort „Übung“ zu streichen. Österreichs Umweltminister Josef Pröll reagierte deshalb verärgert. Er forderte eine genaue Klärung, „wie es zu diesem Wirrwarr an Informationen kam“.

Das Atomkraftwerk in Krsko ist das einzige auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Auf Betreiben des früheren Staatschefs Josip Broz Tito war es Ende der 70er Jahre nicht mit sowjetischer, sondern mit amerikanischer Technik gebaut worden. Inzwischen wird es je zur Hälfte von einer slowenischen und einer kroatischen Gesellschaft betrieben. Der Meiler mit einem Druckwasserreaktor liefert zurzeit mit einer Leistung von 630 Megawatt rund ein Fünftel des slowenischen Strombedarfs. Er soll mindestens bis 2023 in Betrieb bleiben.

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