Öko-Mode : Frau trägt Grün – und Mann auch

Das Spektrum der Öko-Mode reicht von Alltagskleidung bis zu Haute Couture.

Auch auf der Berliner Fashion Week Anfang 2013 war grüne Mode ein Thema – hier bei einer Show von Lavera mit prominenten Models. Foto: Jens Kalaene, picture-alliance/dpa
Auch auf der Berliner Fashion Week Anfang 2013 war grüne Mode ein Thema – hier bei einer Show von Lavera mit prominenten Models....Foto: picture alliance / dpa

Es gab eine Zeit, das war Öko-Mode kein Spaß. Jutetaschen und kratzige Wollpullover, unförmige Walle-Kleider und knitterige Schlabberhosen waren eher etwas für Überzeugungstäterinnen. Die Kulturmanagerin Claudia Schurz ist froh, dass diese Zeiten vorbei sind: „Für mich ist Öko-Mode auf jeden Fall ein Thema. Manche Label oder Läden wie ,wertvoll‘ in Prenzlauer Berg sind leider zu teuer für mich. Aber die Philosophie gefällt mir. ,Wertvoll‘ verkauft nur Sachen von Herstellern, die ihren Beschäftigten Mindesteinkommen und gesundheitliche Grundversorgung garantieren.“

Immer größere Teile der Modewelt sind von organischer und fair gehandelter Fashion beseelt. Denn Öko ist nicht nur für eine wachsende Zahl von Firmen ein attraktives Verkaufsargument, sondern für Produzenten, Verkäufer und Konsumenten ein moralisches Statement. Aber der Markt ist undurchsichtig. Um sich im Dschungel der Versprechen zu orientieren, nutzt Claudia Schurz ein interessantes Hilfsmittel: „Ich kaufe oft im Internet ein und habe mir ein Plug-in namens ,aVOID‘ installiert. Das zeigt mir bei Firmen wie Amazon, Zalando, Otto oder Google-Shopping an, welche Produkte möglicherweise durch die Arbeit von Kindern hergestellt wurden.“ Die „aVOID“- Internetseite spricht eine deutliche Sprache: „Mehr als 73 Millionen Kinder arbeiten unter inhumanen Bedingungen. Die meisten von ihnen produzieren Kleidung. Unsere Kleidung.“

Die Redakteurin Conny Schulze geht einen anderen Weg. „Ich interessiere mich für Mode. Aber ich habe weder Zeit noch Lust, mich intensiv mit Labels oder Marken zu beschäftigen. Deswegen kaufe ich Second-Hand ein und leiste damit einen winzigen Beitrag zum Umgang mit den Ressourcen. Das Angebot ist groß. Gerade in Charlottenburg gibt es eine Menge guter Läden.“ Für viele andere Frauen ist Öko hingegen kein Kriterium – wie die Betriebswirtschaftlerin Rita Passwig: „Ich kaufe, was mir gefällt und passt. Allerdings meide ich Ketten wie H&M oder Zara. Für zehn Euro kann man kein hochwertiges T-Shirt produzieren.“

Julia Knüpfer steht als Designerin auf der anderen Seite des Verkaufstresens. Sie findet es großartig, mit schönen und moralisch einwandfreien Produkten Geld zu verdienen. „Einfache Basics designen, das kann ich gar nicht“, sagt die 25-jährige Absolventin der Modeschule Esmod: „In einem konventionellen Modebetrieb hätte ich nicht arbeiten können. Da wäre ich eher zur Tierschutzorganisation Peta gegangen.“

Julia Knüpfer ist Teil einer Szene, die mit Alltagskleidung, aber auch mit zum festlichen Ball tragbaren Modellen ihre Nische am Markt sucht. Und der Markt für Öko-Mode wächst. Das zeigte auch die diesjährige Berliner Fashion Week mit dem Schwerpunkt Eco-Fashion und der steilen These „Wer auf sich hält, trägt Grün“. Was hier gezeigt wurde, hatte mit Müsli-Look nichts mehr zu tun. Es gab Roben der Berliner Haute-Couture-Designerin Nanna Kuckuck und üppige Kleider des südafrikanischen Labels Sluvin Trading. Insgesamt präsentierten ein Dutzend Labels in einer aufwendigen Schau ihre grünen Kollektionen.

Die Nachfrage nach Öko-Mode hat auch das alteingesessene Label Grüne Erde nicht untätig gelassen. Die österreichische Firma, die mit Matratzen, Bettwäsche und knorrigen Naturholzmöbeln seit langem auf dem Markt ist, bietet jetzt unter dem Label „Organic Fashion“ eine Öko-Modelinie an. Die Pullover, Shirts, Jacken, Hosen und Kleider sind einfach geschnitten und in dezenten Erdtönen gehalten. Eine Jeans kostet 99 Euro, ein Rock ab 80 Euro.

Das ist zwar nicht viel mehr, als konventionelle Hersteller verlangen. Aber zweifellos liegen die Preise zumindest im mittleren Segment. Andererseits kann ein T-Shirt für fünf Euro weder qualitativ befriedigend noch unter akzeptablen Produktionsbedingungen hergestellt werden. Das wurde der Öffentlichkeit in diesem Jahr in diversen Horrorszenarien vor Augen geführt. Nach mehreren Bränden in pakistanischen Manufakturen mit Hunderten von Toten wurden bei dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh im Mai 1127 Menschen getötet und 2438 verletzt.

In diesem Spannungsfeld zwischen der Produktion für einen Massenmarkt und einer modischen grünen Avantgarde, zwischen dem Verbraucherwunsch nach Niedrigpreisen und der Notwendigkeit, für anspruchsvolle Produkte angemessene Preise zu verlangen, bewegt sich eine ganze Industrie. Magdalena Schaffrin, Mitbegründerin der Greenshowroom auf der Fashion Week, ist zuversichtlich: „Öko-Mode ist keine Frage des Einkommens, sondern eine Frage des Bewusstseins. Dieses Bewusstsein wird in der Gesellschaft größer, das merkt man bei Lebensmitteln, bei Kosmetik und immer mehr auch im Bereich Kleidung.“

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