Zeitung Heute : Ökologisch korrekt: In Werne entsteht eine Erdwärme-Siedlung mit 120 Häusern

Ralf Köpke

Schlamm, überall nur Schlamm. Doch Nordrhein-Westfalens (NRW) Bauminister Michael Vesper ließ sich davon nicht abhalten. Gerüstet mit gelben Gummistiefeln und einem weißen Helm schritt er Mitte März zur Tat: Beherzt griff er zur Schippe, denn es galt, den offiziellen Spatenstich für Europas größte Erdwärme-Siedlung im Nordwesten von Werne bei Dortmund zu feiern. Der um Medienauftritte nie verlegene Vesper setzte dann einen Bohrer in Gang, der bis zu 150 Meter tief in das Erdreich vorstoßen sollte und sagte: "Hier entsteht etwas Einmaliges." An die 260 Bohrlöcher sind für das Baugebiet "Fürstenhof" geplant.

Passend zur damaligen Wahlkampfzeit hatte der bündnisgrüne Bauminister nicht nur schöne Worte mit im Gepäck, sondern den Bewilligungsbescheid für einen ersten Zuschuss von rund 200 000 Mark für das Bauvorhaben. Insgesamt wird das Land NRW die Erdwärme-Siedlung, in der rund 130 Einfamilien- und Doppelhäuser entstehen, mit 1,43 Millionen Mark fördern.

Dadurch hatte auch Wolfgang Behr gleich doppelte Freude an dem leicht verregneten Tag: "Wir haben die Installation der notwendigen technischen Anlagen mit gut 41 000 Mark pro Bohrloch kalkuliert, was im Vergleich zu einer herkömmlichen Gasheizung etwa doppelt so teuer ist." Deshalb könne er jede Mark Förderung gut gebrauchen. Behr, geschäftsführender Gesellschafter der Entwicklungsgesellschaft Behr + Partner mit Sitz in Schwerte, ist der Motor der ungewöhnlichen Neubausiedlung. 30 Jahre lang ist der stämmige Westfale schon im Bauträgergeschäft tätig, hat Wohn- und Gewerbeimmobilien en gros entwickelt. Aber nicht immer ökologisch korrekt.

Doch Gespräche mit seiner Tochter, einer Sozialarbeiterin, ließen ihn über sein bisheriges Wirken nachdenken. Vorwürfe, dass ihm als "abzockender Baulöwe" die gesellschaftlichen Folgen seiner Tätigkeit völlig gleichgültig seien, veranlassten Behr zum Umdenken: "Der Vergleich ist abgenutzt, aber ich habe mich vom Saulus zum Paulus entwickelt." Agenda 21, Nachhaltigkeit, Zukunftsbeständigkeit - all diese Worte gehen Behr heute locker über die Lippen: "Und zwar mit Überzeugung, wir dürfen heute Wohnungen und Häuser nicht mehr so bauen, dass wir dann dem Staat und der Gesellschaft die sozialen und ökologischen Reparaturarbeiten überlassen."

Deshalb entschloss sich der Bauentwickler auch, energetisch neue Wege zu gehen: "Bei uns in der Gegend weiß jeder Bergmann, dass es auf dem Pütt am wärmsten unter Tage ist." Um auf Nummer sicher zu gehen, beauftragte Behr den Gießener Geowissenschaftler Burkhard Sanner, um in Werne den Untergrund mit einer Probebohrung auf die geothermischen Potenziale zu überprüfen. "Der Emscher-Mergel bietet trotz seiner tonigen Konsistenz eine ausreichende Wärmeleitfähigkeit", so der Befund von Deutschlands anerkanntestem Fachmann für Oberflächen-Geothermie.

Direkt neben jedes geplante Haus wird ein 100 bis 150 Meter tiefes und zehn Zentimeter breites Loch gebohrt, in das eine Erdwärmesonde eingelassen wird. Ein Solegemisch aus Wasser und Glycol entzieht dem Erdreich mit Hilfe einer konventionellen Pumpe die Wärme, die fürs Heizen und Warmwasser genutzt wird. Den Strom für die Wärmepumpe, die die Elektrizitätswirtschaft gerne als "unterirdische Ökoheizung" anpreist, soll nach Worten von Wolfgang Behr ein Ökostromanbieter liefern: "Da sind wir noch in Verhandlungen." Erst dieser Schritt verhilft der Neubausiedlung in Werne, die Behr in Dortmund und Sprockhövel in ähnlichem Zuschnitt plant, zum energetischen Ökosiegel.

Einen Schritt weiter geht Wolfgang Behr bei drei weiteren Projekten in Hamm-Bockum-Hövel, Iserlohn und Schwerte: Die dortigen Wohnungen sollen auch mit Wärme beheizt werden. Anstelle einer Wärmepumpe wird mittels einer Tiefenbohrung dem Gestein in zwei- bis zweieinhalb Kilometer Tiefe direkt die Wärme entzogen. Über einen Wärmetauscher wird die Energie in ein Nahwärmenetz gespeist. Da in den tieferen Gesteinsformationen bis zu 90 Grad Celsius herrschen, machen diese Temperaturen den Einsatz einer Wärmepumpe an der Oberfläche überflüssig. "Für die Wärmespitzen gibt es noch immer einen Erdgas-Kessel, der im Fall aller Fälle einspringt", so Geothermie-Fachmann Sanner. Auch wenn das Bohrverfahren optimiert ist, hat diese Art der unterirdischen Wärmegewinnung einen Schönheitsfehler: "Solche Investitionen lohnen sich erst ab einer Siedlungsgröße mit mehr als 200 Wohneinheiten", so Behr.

Für die Pilotsiedlung in Hamm konnte er sich über einen Zuschuss in Höhe von 700 000 Mark aus dem Düsseldorfer Bauministerium freuen. "Der geplante Einsatz von Tiefenbohrungen für die unmittelbare Erdwärmenutzung ist der erste dieser Art in Nordrhein-Westfalen, womit sich für diese neue Technik wichtige Erfahrungen für zukünftige Anwendungsgebiete der Geothermie ergeben", begründete Minister Vesper die staatliche Unterstützung.Für Vespers Unterstützung ist auch Werner Bußmann, Geschäftsführer der Geothermischen Vereinigung, dankbar: "Mit dem neuen Tiefbohrverfahren wird die Erdwärme als Energiealternative für Neubausiedlungen interessanter." Das sei auch notwendig, um die Geothermie aus ihrem Dornröschenschlaf wach zu küssen.

Zumindest in Nordrhein-Westfalen wird Behr nicht mehr lange der einzige sein, der beim Wachküssen der Geothermie helfen will. In Herford und Vlotho sind zwei Siedlungen mit Erdwärme-Heizungen geplant. Beide Projekte werden mit knapp 2,5 Millionen Mark aus der Landeskasse unterstützt. Für Jörg Hennerkes, den für Energiefragen zuständigen Staatssekretär im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, macht diese Förderung Sinn: "Schon heute liegt NRW an der Spitze beim Ausbau der Photovoltaik, der Windkraft-Nutzung in den Binnenländern und der Stromerzeugung aus Biomasse. Bei der Geothermie wollen wir diesen Spitzenplatz auch erreichen." Die Technik lasse sich gut exportieren. Vor allem in der Balkanländer und der Türkei gebe es große Geothermie-Potenziale.

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