Zeitung Heute : Ökonomie für Anfänger

Ingenieure, Pfarrer oder Sekretärinnen: BWL-Kenntnisse sind in immer mehr Berufen gefragt. Das Kursangebot ist riesig

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Über Sinn und Unsinn vieler Weiterbildungen lässt sich streiten. In einem Punkt sind sich Arbeitsmarktexperten einig: Betriebswirtschaftliches Wissen wird immer wichtiger. In Zeiten flacher Hierarchien und knapper Budgets muss der Einzelne komplexere Aufgaben übernehmen. Der leitende Ingenieur muss Personal und Investitionsentscheidungen treffen, der Pfarrer Etats verwalten können. Entsprechend groß ist das Weiterbildungsangebot für BWL. Es reicht von eintägigen Crash-Kursen bis zu mehrjährigen Aufbaustudiengängen und berufsbegleitenden Ausbildungen. Ein kleiner Kurs-Kompass.

Schon in wenigen Stunden kann man seine BWL-Kenntnisse auf Vordermann bringen lassen. Vor allem von privaten Bildungsträgern werden kompakte Kurse angeboten, die in 30 bis 40, manchmal sogar nur acht Unterrichtsstunden, Basiswissen vermitteln. Sie richten sich vor allem an Selbständige und Existenzgründer, die betriebswirtschaftliche Entscheidungen treffen müssen, obwohl sie eigentlich aus einer ganz anderen beruflichen Ecke kommen. „Viele Arbeitnehmer sind zwar in ihrem Fachgebiet kompetent, sind hervorragende Ingenieure, Biologen oder Handwerksmeister“, sagt Dieter Schädiger, Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb). „Doch auf einmal müssen sie Finanzpläne aufstellen, Budgets verwalten, Personal einstellen.“

Zur ersten Orientierung dienen Kompakt-Kurse, wie sie etwa die Industrie- und Handelskammern anbieten. Steffen Ziems von der IHK Potsdam ist überzeugt: „Auch in rund 40 Unterrichtsstunden kann man schon einiges mitnehmen.“ Schädiger warnt jedoch: „In Kurz-Lehrgängen können viele Themen nur angerissen werden. Man sollte sich deshalb schon im Vorfeld im Klaren darüber sein, wie tief man in die Materie einsteigen will und ob ein solcher Crash-Kurs hierzu ausreicht.“

Das sieht auch Heinz Hoffmann von der Fernuniversität Hagen so. Die Hochschule bietet unter anderem mehrsemestrige Aufbaustudiengänge im Bereich Betriebswirtschaft an. „Eben mal ein Wochenendkurs, das bringt nicht viel“, sagt der Leiter des wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Prüfungsamtes.

Woran man laut Hoffmann bei der Kurswahl außerdem denken sollte, sind aussagekräftige Zertifikate. „Es ist wichtig, dass ein Kurs mit einer Prüfung abschließt, deren Bestehen dem Teilnehmer bescheinigt wird.“ Der schlichte Vermerk „hat teilgenommen“ bringe auf dem Arbeitsmarkt wenig. Außerdem rät er: „Zeigen Sie einem BWL-Fachmann den Lehrplan und bitten Sie ihn um eine realistische Einschätzung, was in der zur Verfügung stehenden Zeit überhaupt machbar ist.“

Wer mehr als nur ein paar Stunden in sein betriebswirtschaftliches Know-How investieren will, hat immer noch die Qual der Wahl. Zahlreiche private Fernlerninstitute bieten rund einjährige Grundkurse in Betriebswirtschaft an, allerdings in der Regel ohne besonderen Abschluss. Mehr Sinn machen nach Meinung von Heinz Hoffmann zwei bis dreijährige Zusatzausbildungen, an deren Ende ein Titel steht, der auf dem Arbeitsmarkt auch wirklich anerkannt ist.

Wohl bekanntester Universitätsabschluss im Bereich Betriebswirtschaft ist der Master of Business Administration (MBA), der auf eine Karriere im gehobenen Management vorbereiten soll. Voraussetzung ist allerdings, dass man zuvor ein grundständiges Erststudium hinter sich gebracht hat. Wem dies fehlt, für den kommen vor allem drei Ausbildungsvarianten in Frage: das Studium an privaten Wirtschaftsakademien, die Industrie- und Handelskammern und so genannte Berufsakademien.

Die Ausbildung an einer Wirtschaftsakademie unterscheidet sich dabei in Inhalt und Niveau oft nicht von einem berufsbegleitenden Hochschulstudium. Häufig unterrichten auch hier Universitätsprofessoren. Man muss sich allerdings im Klaren darüber sein, dass kein Hochschulabschluss verliehen wird. Die Ausbildung schließt in der Regel mit dem so genannten Betriebswirt ab.

Auch die Industrie- und Handelskammern bieten betriebswirtschaftliche Lehrgänge an und verstehen sich dabei als praxisnahe Alternative zu Unis und privaten Wirtschaftsakademien. Drei Weiterbildungsprüfungen stehen zur Auswahl: Der Fachkaufmann, der Fachwirt und der Betriebswirt. Dabei stellen der Fachwirt und der Fachkaufmann Basisqualifikationen dar, die auf Jobs im mittleren Management vorbereiten. Der Betriebswirt richtet sich gezielt an erfahrene kaufmännische Fachkräfte, die nach höherem streben und Führungsaufgaben übernehmen und wichtige betriebswirtschaftliche Entscheidungen treffen müssen.

Eine gewisse Sonderstellung im Rahmen der betriebswirtschaftlichen Aus- und Weiterbildung nehmen die Berufsakademien ein. Denn jeder Student ist gleichzeitig in einem Betrieb beschäftigt; die Ausbildung wechselt zwischen praktischen und theoretischen Abschnitten. Vorteil für die Teilnehmer: In der Regel zahlen die Ausbildungsbetriebe den Großteil der Akademiegebühren. Außerdem sind die Übernahmequoten hoch. Nachteil: Wer schon im Job steckt kann hier nicht schlauer werden, Berufsakademien bilden Vollzeit aus.

Schließlich haben auch immer mehr Bildungsträger Kurse im Angebot, die sich ganz gezielt an bestimmte Berufsgruppen wenden. Besonders häufig sind Lehr- und Studiengänge für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Aber auch Ärzte, Juristen und Sekretärinnen können sich auf die betriebswirtschaftlichen Anforderungen ihres Jobs vorbereiten. Entsprechende Zusatzstudiengänge bietet etwa die Fernuni Hagen an. Und auch der bdvb plant laut Vizepräsident Schädiger den Aufbau einer Weiterbildungsakademie, die unter anderem Kurse für Praktiker und Fachkräfte ohne BWL-Kenntnisse anbieten will.

Im Berliner Raum hilft bei der Recherche das Suchportal der Weiterbildungsdatenbank für Berlin und Brandenburg. (www.wdb-suchportal.de). In Ausbildungsfragen berät auch der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte (www.bdvb.de).

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