Zeitung Heute : „Ökostrom nur mit Gütesiegel“

So mancher grüne Tarif ist eine Mogelpackung. Was gute Versorger auszeichnet – und warum sie oft sogar günstiger sind

Verzweigter Energiemix. Nach aktuellen Berechnungen des Bundesverbands Erneuerbare Energien liegt der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch in Deutschland nun bei 10,5 Prozent. Foto: dpa
Verzweigter Energiemix. Nach aktuellen Berechnungen des Bundesverbands Erneuerbare Energien liegt der Anteil der erneuerbaren...Foto: ZB

Inzwischen haben nahezu alle Stromanbieter „grüne“ Tarife im Programm. Aber ist Ökostrom wirklich gleich Ökostrom?

Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die großen Energiekonzerne etwa produzieren ihren Strom nicht nur in Atom- und Kohlekraftwerken, sondern zum Teil auch in Wasserkraftwerken, die seit vielen Jahrzehnten in Betrieb sind. Wenn diese Unternehmen nun ihren Strom aus Wasserkraft getrennt als „Ökostrom“ vermarkten – gerne gegen ein paar Cent Aufpreis – wird ihr Stromangebot dadurch unter dem Strich keine Spur umweltfreundlicher.

Ein anderer Weg für Stromversorger ist, sich auf dem europäischen Energiemarkt Grünstromzertifikate zu besorgen. Ein Beispiel: Ein Betreiber großer Wasserkraftwerke in Österreich spaltet die Öko-Eigenschaft des von ihm produzierten Stroms ab und vermarktet sie extra. Ein deutscher Anbieter kauft diese „Renewable Energy Certificates“. Dann erhält der Endkunde in Österreich konventionellen Strom, und der deutsche Versorger macht mithilfe der Zertifikate aus Braunkohlestrom „Ökostrom“, ohne dass er selbst eine Kilowattstunde erneuerbaren Strom ins Netz einspeist. Völlig ad absurdum führt dieses System, wenn ein Strommangel in Österreich dann wieder durch Importe konventionellen Stroms aus Deutschland ausgeglichen wird.

Wie können Verbraucher sichergehen, dass sie mit einem Ökotarif tatsächlich einen Beitrag zum Ausbau erneuerbarer Energien und damit zum Umweltschutz leisten?

Entscheidend ist, sich einen Stromanbieter auszusuchen, der einen Teil seiner Einnahmen direkt in den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien investiert. Nur so kann unsere Energieversorgung nachhaltig und strukturell verändert werden. Um die Suche nach solchen Anbietern zu erleichtern, gibt es Gütesiegel wie das „Grüner Strom Label“ oder das „OK-Power-Siegel“ (siehe Kasten unten). Sie werden von unabhängigen Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen verliehen. Damit hat man als Stromkunde die größtmögliche Gewissheit, dass man die Energiewende auch wirklich voranbringt.

Ist echter Ökostrom zwingend teurer? Mit welchen Zusatzkosten muss zum Beispiel eine vierköpfige Familie pro Jahr ungefähr rechnen?

Zusatzkosten? Mit Ökostrom kann man sogar sparen. Nehmen wir an, die vierköpfige Familie wohnt in Berlin und verbraucht 4000 Kilowattstunden Strom im Jahr. Im Basistarif des örtlichen Grundversorgers müsste sie dafür derzeit 973 Euro zahlen. Für die günstigsten Produkte mit den genannten Gütesiegeln werden dagegen nur 945 Euro fällig. Denn viele Regenerativstromanbieter haben eine schlankere Verwaltung und kalkulieren mit geringeren Gewinnmargen als die großen Energiekonzerne. Außerdem profitieren sie von einer gesetzlichen Besserstellung für Ökostromprodukte. Zugegeben: Der Preisunterschied ist nicht enorm. Aber das alte Vorurteil, Strom aus erneuerbaren Energien sei zwingend teurer, wird damit doch eindrucksvoll widerlegt.

Fließt nach einem Wechsel zum Ökotarif eigentlich anderer – „grüner“ – Strom durch meine Leitungen?

Nein, nein. Ihr Strom wird weder grün noch gelb. Aber der Strommix in Deutschland wird mit jeder eingespeisten Kilowattstunde aus erneuerbaren Energien ein bisschen umweltfreundlicher. Denn ein seriöser Ökostromversorger wird genau die Menge regenerativen Stroms, die Sie abnehmen, irgendwo in Deutschland ins Netz einspeisen. Und damit wird automatisch eine entsprechende Menge konventioneller Strom verdrängt.

Die Fragen stellte Silke Zorn.

Jörg Mayer ist Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien, die zu nachhaltiger Energieversorgung informiert und u. a. vom Bundesumweltministerium

unterstützt wird.

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