Zeitung Heute : Öl ist doch nicht alles

Bernd Hops

Wirtschaftsexperten warnen vor einem zu hohen Ölpreis. Welche Gefahr birgt der denn?

Wirtschaftsexperten werden unruhiger. Der Ölpreis nähert sich schon wieder historischen Höchstständen, eine Entspannung ist nicht in Sicht. Wie lange hält das die Wirtschaft noch aus? Grund zur Panik besteht nicht. Zum einen haben Ökonomen in den vergangenen Jahren häufiger mit ihren Prognosen zur Auswirkung von hohen Ölpreisen daneben gelegen. Nach dem Irakkrieg vor zwei Jahren, als die Notierungen sich wieder der 20-Dollar-Marke näherten, gab es Stimmen die ein Niveau von mehr als 25 Dollar je Barrel (159 Liter) schon für so schlimm hielten, dass garantiert der zarte Aufschwung abgewürgt werden würde. Ein Jahr später lag der Ölpreis teilweise doppelt so hoch – und trotzdem verzeichnete die Weltwirtschaft das größte Wachstum seit langem. Vor allem in den USA ging es kräftig aufwärts. Dabei trifft der Preisanstieg die Amerikaner besonders hart. Denn Öl wird in Dollar gehandelt. Dagegen wurde die Wirkung auf Europa gedämpft, weil der Euro – trotz der jüngsten Schwächephase – deutlich an Wert gegenüber dem Dollar gewonnen hat.

Daran sieht man, dass teure Energie nicht der alles bestimmende Faktor ist, wenn es darum geht, ob eine Volkswirtschaft wächst oder nicht. Allerdings ist der Preis für Öl auch nicht unwichtig. 2004 hat Deutschland netto für Rohöl und Ölprodukte fast 26 Milliarden Euro ins Ausland überwiesen. Ein deutscher Privathaushalt mit zwei Personen hat wiederum laut Statistischem Bundesamt im ersten Halbjahr 2003 – neuere Daten gibt es nicht – im Schnitt pro Monat 84 Euro für Treibstoffe und Schmiermittel ausgegeben. Seitdem ist der Ölpreis kontinuierlich gestiegen. Doch was der Verbraucher hier ausgibt, könnte für den Konsum weiterer Waren und Dienstleistungen fehlen. Egal ist das nicht, wenn – wie derzeit – der private Verbrauch auf der Stelle tritt. Denn gut 60 Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts hängen vom Konsum ab. Wie stark sich die höheren Kraftstoffausgaben aber tatsächlich in der Wachstumsbilanz niederschlagen werden, ist kaum abzuschätzen. Insgesamt sparen die Deutschen heute zum Beispiel mehr als noch vor wenigen Jahren. Geld, um die gestiegenen Benzinpreise zu bezahlen, aber trotzdem zu konsumieren, wäre bei vielen vorhanden. Sie müssten es nur ausgeben. Aber dazu haben sie angesichts des unsicheren Arbeitsmarkts häufig keinen Mut – egal was die Tankstellen verlangen.

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