Ölpreis : Bis zum letzten Tropfen

Der Ölpreis steigt und steigt und steigt. Welche Folgen hat das? Und wie lange reicht das Öl auf der Welt noch?

Stefan Kaiser

Warum ist der Ölpreis so hoch?



Ein Fass Öl (159 Liter) kostet zurzeit mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr und etwa fünf Mal so viel wie vor sechs Jahren. Der Preis der amerikanischen Sorte WTI hat am Donnerstag erneut einen Rekordwert von 135 Dollar pro Fass (englisch: Barrel) erreicht.

Ein Grund für den rasanten Preissprung ist der Energiehunger der Schwellenländer. Vor allem in den stark wachsenden Volkswirtschaften Asiens – allen voran China – ist die Nachfrage nach Rohöl bereits drastisch gestiegen und wird wohl in den kommenden Jahrzehnten noch deutlich größer werden. Im Moment verbraucht jeder Chinese im Durchschnitt einen Liter Rohöl pro Tag. In den USA liegt der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch bei zehn Litern. Es besteht also noch Aufholpotenzial.

Hinzu kommt, dass auch die Kosten der Ölförderung und -verarbeitung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind – unter anderem weil die Ölfirmen immer tiefer bohren müssen, um an die Ölvorräte heranzukommen.

Diese realwirtschaftlichen Faktoren können allerdings nur einen Teil der gigantischen Preisexplosion erklären. Der Rest hängt mit der Finanzwelt zusammen. Rund um den Globus spekulieren die Investoren auf steigende Ölpreise und treiben mit virtuellen Ölkäufen den Preis immer weiter nach oben. Schätzungen zufolge haben Investmentfonds, Hedgefonds und Privatanleger allein seit Anfang dieses Jahres rund 60 Milliarden Euro in den Rohstoffmarkt gepumpt. „Wir sind selbst schuld“, sagt deshalb ein Banker, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Wie teuer könnte Öl noch werden?

Die meisten Experten erwarten, dass die Rekordjagd noch eine Weile weitergeht – „bis 150 Dollar“, sagt Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels. Dann werde die Spekulationsblase platzen und der Preis deutlich sinken. Die renommierte US-Bank Goldman Sachs rechnet sogar mit einem Ölpreis von bis zu 200 Dollar in den kommenden zwei Jahren. Wer das für maßlos übertrieben hält, sollte vorsichtig sein: Schon einmal, im Jahr 2005, wurden die Goldman-Sachs-Experten für eine Prognose als Pessimisten verspottet – damals hatten sie einen Ölpreis von 100 Dollar vorausgesagt.

Wie lange reicht das Öl auf der Welt noch?

Wenn die Nachfrage nach Öl so stark steigt, wie die Experten es vorhersagen, muss auch die Ölförderung mit der gestiegenen Nachfrage mithalten – sonst steigt der Preis weiter.

Und genau hier liegt das Problem: Wie viel Öl noch unter der Erde und unter dem Meer lagert, weiß niemand so genau. Die Schätzungen gehen stark auseinander. Laut der Industriedatenbank der Firma IHS, die auch von der Ölindustrie genutzt wird, sind es 1255 Milliarden Barrel. Dagegen schätzt die Energy Watch Group (EWG), eine Gruppe von Experten, die unabhängig von der Ölindustrie arbeitet, in einer neuen Studie, dass es nur 854 Milliarden Barrel sind.

Entsprechend streiten sich die Experten auch darum, wann die maximale Ölfördermenge (der sogenannte Peak Oil) erreicht wird – ab wann es also abwärts geht. Die EWG-Experten sind der Meinung, dass dieser Punkt schon im Jahr 2006 erreicht wurde. Damals wurden pro Tag 81 Millionen Barrel Öl gefördert. Die EWG-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die weltweite Fördermenge bis zum Jahr 2030 auf 39 Millionen Barrel pro Tag halbieren wird. Der Großteil der heutigen Ölvorräte sei bereits in den 60er Jahren entdeckt worden, argumentieren die Experten, seitdem habe die Industrie meist nur noch kleinere Felder erschlossen. Dieser Trend werde sich fortsetzen.

Die Ölindustrie sieht das völlig anders und verweist auf den technischen Fortschritt, der es ermögliche, auch Ölvorkommen zu erschließen, an die man noch vor einigen Jahren nicht herangekommen sei. So wird zum Beispiel unter dem Meer immer tiefer gebohrt. Und in Kanada wird mittlerweile sogar Öl aus Ölsand gewonnen – eine kostspielige Methode, die sich aber gerade dann besonders lohnt, wenn der Ölpreis am Weltmarkt steigt.

Trotzdem wächst auch in der etablierten Forschung die Skepsis, wie lange die Fördermengen noch steigen können. Laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ will die Internationale Energie-Agentur (IEA) ihre Prognosen in diesem Jahr stark senken. Bisher ging sie davon aus, dass im Jahr 2030 noch 116 Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert werden können. Nun rechnet sie angeblich nur noch mit 100 Millionen Barrel – eine dramatische Korrektur.

Welche Auswirkungen hat der hohe Ölpreis

auf die Verbraucher in Deutschland?

Die Deutschen bekommen nicht die ganze Wucht des steigenden Ölpreises zu spüren. Weil Öl weltweit in Dollar gehandelt wird, federt der vergleichsweise starke Euro den Anstieg ab.

Dennoch spüren die Verbraucher auch hierzulande die Folgen des hohen Ölpreises – vor allem an der Tankstelle. Dort kostet der Sprit im Schnitt mittlerweile etwa 1,52 Euro pro Liter. Dabei ist Diesel genauso teuer wie Benzin. „Die ganze Welt fährt Diesel. Die Nachfrage steigt stärker als beim Benzin“, sagt Eugen Weinberg, Ölexperte der Commerzbank. „Deshalb wird der Preis für Diesel auch in Deutschland dauerhaft über dem für Benzin liegen.“

Die Mineralölfirmen spüren bereits die Zurückhaltung der Autofahrer. „Im Moment wird nicht ganz so oft vollgetankt wie sonst“, heißt es beim Mineraölkonzern Total. Auch das sogenannte Folgegeschäft in den Tankstellenshops laufe etwas schleppend.

Auch wer kein Auto fährt, wird getroffen. Denn Heizöl, Gas und Strom werden ebenfalls teurer und machen die Bürger ärmer. Sollte sich der Ölpreis im Jahresverlauf auf einem Niveau von 120 bis 130 Dollar halten, schätzt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise, „würde das fast zwei Prozent der Kaufkraft der Bevölkerung kosten“.

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