Zeitung Heute : Österliche Gewissheit: Gott rechnet nicht

Der Tagesspiegel

Von Susanna Schmidt

Wie viele Fehler kann man sich leisten? Wie viele Pluspunkte muss man sammeln, um einen Betrug auszugleichen? Wie treu muss man sein, um einmal daneben gehen zu dürfen? Was weist das Konto auf, wie hoch darf der Kredit ausfallen? Wie ausbalanciert ist das System von Geben und Nehmen? Das ist die übliche Logik der weltlichen Klugheit. Auch das Christentum hat die ehemals aus der griechischen Philosophie stammende Kardinaltugend der Klugheit adoptiert und lebt nach ihren Gesetzmäßigkeiten – selbst in den eigenen institutionellen Bahnen. Weil die Kirchen und die Christen in dieser Welt leben, müssen sie sich der Klugheit bedienen und stehen damit, wie alle klug Handelnden, auch in der Gefahr, die Klugheit zu verabsolutieren und das Kalkül über alles zu stellen.

Doch einmal im Jahr wird ein Fest gefeiert, das der weltlichen Klugheit das letzte Wort entzieht: Ostern. Diejenigen, die sich mit dem christlichen Inhalt nicht auskennen, sehen darin ein Frühlingsfest: das Alte wird verbrannt, das Neue kann beginnen. Und das ist im Kern richtig. Denn an die Auferstehung Jesu Christi zu glauben heisst die alten Kategorien zu verlassen, die überlebenswichtigen Berechnungen aufzugeben und an neues Leben zu glauben. So ist Ostern ein Fest, das der politischen Klugheit widerstreitet (sonst wäre es nicht zu Golgotha gekommen), das die menschliche Klugheit beiseite lässt (hätte man Judas, den Verräter, nicht doch noch einbinden können?) und das die religiöse Klugheit ignoriert (sonst wäre man nicht bei dieser unbeugsamen Überzeugung geblieben, sondern hätte nach Gemeinsamkeiten gesucht).

Warum aber fragt ein Petrus, der größte Lügner aller Zeiten (der im entscheidenden Moment so tut, als ob er gar nicht dazu gehört), nicht: „Wie viele Fehler kann ich mir noch leisten?“, als es um den Aufbau der Gemeinde geht? Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus hat ihn anscheinend die kleinmütige Rechenart verlernen lassen. Ostern ist offenkundig die Erfahrung: Es wird dir alles geschenkt, was für dich von Bedeutung ist. Wer könnte angesichts übergroßer Freude, die durch ihn hindurchgegangen ist, noch der Alte bleiben, weiterhin vorwurfsvoll und ängstlich durch den Tag gehen und sich nicht behaftbar machen mit dem, was sich um ihn herum „zufällig" ereignet?

Ostern ist ein „Ja" auf die Frage: Möchten Sie die Datei der Verdienste und Verfehlungen wirklich löschen? Nicht weil ein anderer ein gutes Wort für uns eingelegt hat und damit neue Verpflichtungen entstanden wären, sondern weil Gottes Sohn freiwillig die Schmach und Schande erlitten hat, die ausgegossen werden, wenn der persönliche Kredit aufgebraucht ist. Jesus am Kreuz hat diese Erfahrung gemacht; die Leute haben ihn an seinem Anspruch gemessen, Sohn Gottes zu sein, und angesichts seines Leidens geschlussfolgert: „Dann hilf dir doch selbst und steig’ herab vom Kreuz!" Doch Jesus von Nazareth ist gestorben und in das Reich des Todes eingegangen.

Die Logik des Sieges existiert bei Gott ebenso wenig wie die Logik der Niederlage. Es ist, als ob die Kategorien von Verdienst und Verfehlung abgeschafft seien. Ostern ist nicht die Aufforderung, Fehler zu machen. Ostern ist die Zuversicht, dass Gott nicht rechnet.

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