Zeitung Heute : Ötztal: "Wir haben uns getrennt"

Volker Kipke

Der "Ötzi" wurde hier gefunden, hoch oben zwischen Fels und Gletschern nur Schritte jenseits der Gemeindegrenze von Sölden. Oder doch, so flüstern manche, diesseits? Man hat den Steinzeitmenschen ohne großes Lamento den Südtirolern überlassen und beschloss, ihn auch nicht als Werbemaskottchen zu nutzen, etwa in Form von Schlüsselanhängern - "aus Pietät", sagt ein Söldener Touristiker, "aus vornehmer Zurückhaltung" ein anderer. Das sind überraschende Standpunkte, denn als Wintersportort ist Sölden allgemein eher bekannt für wenig Zurückhaltung. Wenn man es einen "Rummel-Ort" nennt, verwahrt sich Tourismusdirektor Peter Marko nicht dagegen, sondern antwortet: Das sei "vielleicht ein bisschen überzogen" ausgedrückt. Sölden gilt als eine Wintermetropole der jugendlichen Spaßgesellschaft. Wer in den Nachbarort Obergurgl will, muss da erst mal hindurch und schließt dabei wahrscheinlich am liebsten Ohren und Augen. Denn Obergurgl ist gesetzt und grundsolide, ein Himmelreich für betuchte Wintersportler auf Entspannungssuche, die feine Schwester des furiosen Sölden.

Der Ötzi damals hat im Sommer bestimmt auch Murmeltiere gejagt, was heute ja nicht mehr häufig vorkommt. In Obergurgl aber gibt es Murmel gelegentlich als exklusive Speise, denn Alban Scheiber vom Top-Hotel hat die Jagdlizenz; es gäbe sowieso zu viele Murmel, die Adler würden gar nicht mit ihnen fertig, und da sie erlesene Alpenkräuter fressen, schmeckten sie natürlich lecker. Scheibers Familie hatte 1961 begonnen, abseits von Obergurgl eine Hotel-Filialsiedlung einschließlich Kirche anzulegen, das noch feinere Hochgurgl. Während rund um das ehemalige Bauerndorf auf 1930 Metern Zirben stehen, ist in Hochgurgl auf 2150 Metern schon Schluss mit dem Wald.

Wenig mehr als 4000 Urlauber finden in den Gurgl-Orten Platz - Lifts und Bahnen können 33 000 Personen pro Stunde auf die Pisten bringen, und zwar bis 3000 Meter. Eine Bahn nimmt nicht den üblichen Weg bergauf, sondern sie führt etwa waagerecht über ein tiefes Tal hinweg von den Pisten Hochgurgls zu denen des Mutterdorfes. Das wurde übrigens nach den vielen im Sommer talwärts gurgelnden Bächen benannt. Plötzlichen Ruhm erlangte der Ort auf kuriose Weise: Als der Ballonpionier Auguste Piccard 1931 auf dem Gurgler Gletscher notlanden musste - nicht weit vom späteren Ötzi-Fundort -, brachten die Berichte darüber zunächst Wanderer hierher. Und bald ging es auf den verschneiten Pisten rasant zu, während das Dorf seine Geruhsamkeit einigermaßen wahrte; die verkehrsberuhigten Zonen in Obergurgl existieren aber nur in der Theorie. Ziemlich forsch klingt der Gurgler Werbespruch "schneesicherster Wintersportort der Alpen". Da hält Sölden mit: "Hundert Prozent Schneesicherheit." Saisonausklang feiern beide Anfang Mai. Beide beschreiben das Verhältnis zueinander so: "Wir haben uns getrennt."

Natürlich müssen die Skihaserl, wenn sie einen Teil der 110 Gurgler Pistenkilometer herunter gesaust sind, nicht unbedingt in die Klappe gehen, fröhliche Töne von beachtlichen Dezibelzahlen gibt es auch hier. Jedoch: "Wir haben zwar Funparks und viele Möglichkeiten für Snowboarder, aber deren laute Szene haben wir nicht", sagt Michael Anfang vom örtlichen Tourismusverband, "und den jungen Leuten wäre es bei uns sowieso meist zu teuer." In den Gurgl-Orten sind Ferienwohnungen nicht häufig. 15 Hotels haben eigene Hallenbäder.

Ober- und Hochgurgl liegen am Ende des Ötztals in einem Kessel, fast ganz umringt von zackigen Dreitausendern, Sölden dagegen in einem engen Einschnitt - jedenfalls der Hauptort mit seinen teils in allerlei modernen Abarten von Tirolerhäusern variierten Hotels, Pensionen und Appartementhäusern und mit der Vielzwecksporthalle, 1380 Meter über Normalnull. Auch Sölden hat seine höher gelegene Filiale mit VierSterne-Hotels und Pisten vor der Tür, Hochsölden auf 2090 Metern. Über Sölden endet eine Gondelbahn auf 3249 Metern. Für Skifahrer und Snowboarder ist auch der Gletscher erschlossen, der um Felskuppen herum fließt und sich dabei in zwei immer noch riesige Stücke teilt. Hier kann man sogar auf Brettln durch einen 170 Meter langen Tunnel gleiten, der als Verbindung zwischen den beiden Gletschergebieten durch den Fels geschlagen wurde.

Zwar verspricht der Tourismusdirektor, dass man "die leiseren Formen" des Wintersports in Sölden nicht finde, aber das kleine Skigebiet Schwarzkogl wird dennoch als "Ruhezone" bezeichnet, es ist musikfrei. Am anderen Ende der Geräuschskala steht der Hangbereich mit dem schönen Namen Gigijoch. Da treffen Ski und Après heftig aufeinander. Alle Gebiete mit zusammen 34 Aufstiegshilfen und 140 Kilometer Pisten sind miteinander verbunden, der Anschluss der Gletscherregion an den Partyberg Gigijoch ist ziemlich neu oder vielmehr new und heißt "Golden Gate to the Glacier". Schriftsprachlich haben die Söldener schon so weite Fortschritte in die Zukunft gemacht, dass der Leser mancher Veröffentlichung die denn doch noch vorhandenen deutschen Wörter geradezu mit nostalgischem Gefühl begrüßt.

Schließlich gehören ja London und Amsterdam zu den Städten, aus denen Sölden sein Publikum rekrutiert, mehr Gäste kommen allerdings aus Berlin, Hamburg und anderen deutschen Großstädten. Sölden selbst ist - in touristischen Kategorien - eine Großstadt: mit 14 000 Fremdenbetten, in der statistischen Zahl der Übernachtungen soll es in Österreich an zweiter Stelle hinter Wien liegen. Typische Sölden-Urlauber sind Leute, die der Tourismusdirektor "moderne Urbanisten" nennt. Zielgerichtet wendet sich die Werbung an 18- bis 35-Jährige.

Die Leute kommen in solchen Mengen, "dass wir in manchen Monaten 31 Tage voll belegt sind, auch wenn der Monat gar nicht so viele Tage hat", so umschreibt Peter Vorst von der Bergbahngesellschaft das Phänomen Überbuchung. Deswegen gibt es in der Hauptsaison keine solchen Schlagzeilen produzierenden Schau-Veranstaltungen wie im November oder Ende März; man könnte Teilnehmer und zusätzliche Zuschauer nicht mehr unterbringen. Trotz des offenbar schon großen Erfolges rührt der Ort die Werbetrommel, mit Sprüchen dieser Art: "Wer nach Sölden kommt, macht keinen Hehl daraus, dass er drei Dinge möchte: Fun, Fun, Fun." Da wäre der hoch droben gefundene Ötzi wohl wirklich nicht der passende Werbehelfer. Trotzdem tut es den Söldenern inzwischen wohl leid, dass sie damals dessen künftige Popularität falsch einschätzten ("Jetzt verdienen die Südtiroler eine Menge Geld mit ihm!"). Es gibt nun aber im abgelegenen, doch zur Gemeinde gehörenden Dorf Vent und in Umhauswen - ötztalabwärts - Ötzi-Museen.

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