Zeitung Heute : Offen für alle

In Events wie der langen Shoppingnacht sehen die Einzelhändler auch einen Weg aus der Krise

Anne Wüstemann

33 Prozent der Bundesbürger sagen, dass ihre liebste Freizeitaktivität das Shoppen ist, erzählt Nils Busch-Petersen. Für den Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes in Berlin (GdE) liegt deshalb auf der Hand: „An diese Chance müssen wir anknüpfen.“ Und weil die Lange Nacht des Shoppings seit Jahren Hunderttausende an den Kudamm lockt, ist sie für Busch-Petersen ein wichtiges Element in punkto Chancennutzung. Auch wenn die Stimmung schlecht sei, weil der Umsatz in der Hauptstadt seit über einem Jahrzehnt stagniere, seien Rabattschlachten nicht die Lösung des Problems. Im Gegenteil, die Kunden müssten wieder erleben, dass sie Qualität für ihr Geld bekommen.

Darauf setzt auch das KaDeWe, das jetzt zum zweiten Mal an der Erlebniskaufnacht teilnimmt. In den Jahren zuvor hatte der Betriebsrat geblockt, im März stand sogar die gesamte Veranstaltung auf dem Spiel. Auch bei dieser Langen Nacht legte der Betriebsrat Einspruch ein, doch schon nach der ersten Runde vor der Einigungsstelle stand fest: Das KaDeWe öffnet bis 24 Uhr, wer arbeitet, tut dies freiwillig – und das sind immerhin 600 Mitarbeiter.

Damit kann das Kaufhaus des Westens einen großen Erfolg fortsetzen: „Wir konnten eine ganz neue Zielgruppe erreichen“, erklärt Geschäftsführer Patrice Wagner. Insbesondere Menschen aus dem Berliner Umland hätten die Zeit genutzt, um Einkaufen und Ausgehen zu kombinieren. Wer dieses Mal das berühmte Warenhaus besucht, den erwartet italienisches Temperament für alle Interessen: Klassische Oper, traditionelle italienische Musik und Italo-Pop erklingen in den Etagen.

Musikalisch geht es auch im Stilwerk zu. Das Möbel- und Design-Haus, das in diesem Monat überdies seinen fünften Berlin-Geburtstag feiert, möchte den Lange-Nacht-Besuchern seit jeher vor allem Kultur zum Einkauf bieten. „Das funktioniert am besten mit Musik“, findet Center-Manager Klaus Gennrich. Am Nachmittag beginnt diese mit klassischem Klavier, darauf folgt italienischer Gesang und gen Abend geht es soulig weiter. In der Halle können die Einkaufsbummler – Gennrich rechnet mit 10 000 – die weltgrößte Vitrine mit BMW-Modell-Autos anschauen. Kulinarische Köstlichkeiten warten ebenfalls, sie kommen aus Österreich, Japan und Berlin.

Im Haus der Väter der Langen Nacht, dem Europa-Center, bleiben 80 Geschäfte und Restaurants bis zur Geisterstunde geöffnet. Im Parkhaus stehen währenddessen die Autos kostenlos und auch der Einkauf kann für Glückspilze gratis ausgehen: „Shopping for free“ heißt das Gewinnspiel, bei dem keine Lose, sondern Kassenbelege zählen. Im „Männersportgarten“ des Irish Pub lockt wieder Erholung für müde Begleiter und auf der Live-Bühne an der Wasseruhr rocken zahlreiche Discjockeys.

Für Peter Huber, den Vorsitzenden der Mietergemeinschaft Europa-Center, bleibt die Lange Nacht vor allem jenes Anliegen, das in ihrem Ursprung liegt: Eine Demonstration gegen das Ladenschlussgesetz. „Wir wollen öffnen, wenn die Kunden da sind.“ Nils Busch-Petersen pflichtet dem bei: Es gehe nicht darum, ständig zu öffnen. Auch nicht darum, den Sonntag als Tag der Ruhe nicht mehr zu respektieren. „Wir wollen Freiheit. Die Freiheit, öffnen zu dürfen, wenn der Bedarf besteht.“

In dieses Horn stößt auch Bernd Andrich, der Center Manager des Kranzler Ecks, aus dem alle Einzelhändler teilnehmen. „Wir brauchen die Ladenschlusszeiten nicht“, sagt er, „sie sind einfach nicht hauptstädtisch.“ Überdies würden die Händler in der Shoppingnacht zusätzliche Umsätze erzielen, das sei nicht nur für sie gut, sondern sichere schließlich auch Arbeitsplätze. Mit dem Erfolg der vergangenen Nächte seien die Händler im Kranzler Eck durchweg zufrieden. Trotz schlechten Wetters habe man 30 000 bis 40 000 Besucher beim letzten Mal gezählt.

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