Zeitung Heute : Offenheit pflegen, um Missverständnisse zu vermeiden

Beate Henes-Karnahl

In einem vierköpfigen Marketing-Team eines Konsumgüterherstellers ist die Stimmung beim Nullpunkt: Seit zwei Wochen sitzen drei Männer und eine Frau an der Konzeption für ein neues Kosmetikprodukt. Sehr viel weiter gekommen mit der Umsetzung ihrer guten Ideen in eine Konzeption sind sie noch nicht: Menschliche Probleme untereinander machen ihnen die Arbeit schwer, Missverständnisse häufen sich.

Was ist passiert? Vier ganz unterschiedliche Typen sind zusammengekommen: der Denker Franz K., der Macher Volker T., der einfühlsame Konrad G. und die nüchterne Barbara K.. Eine Konstellation, die Auseinandersetzungen programmiert: Denn zwischen dem Denker Franz und dem Macher Volker können genauso permanent Missverständnisse auftreten wie zwischem dem einfühlsamen Konrad und der nüchternen Barbara.

Wo der spontane, entscheidungsfreudige Volker den Denker Franz im Stillen als "Langweiler" tituliert, ist der Macher Volker für den systematischen, strukturierten Franz nur ein "Chaot". Der einfühlsame Konrad verfügt anlagebedingt über starke emotionale Schwankungen: Heute sieht er alles rosarot, morgen ist alles schwarz in schwarz. Das ist sein typisches Kennzeichen. Barbara, die Nüchterne, mit ihren gleichmässigen Emotionen, holt Konrad montags von der Decke runter, am Dienstag sucht sie ihn quasi unter dem Schreibtisch. Konrad, der Einfühlsame, beschwert sich bei Barbara, sie sei kopfgesteuert.

Das alles erschwert das Arbeiten und führt zu Missverständnissen über Missverständnissen. Und plötzlich ist die vertrackte Situation da: Auf der Beziehungsebene untereinander geht nichts mehr. Der "rote Knopf im Bauch", wie es Laufbahnberater Stefan Müller aus Reutlingen formuliert, schlägt plötzlich Alarm.

Müssen Missverständnisse überhaupt sein? Ja und nein, ganz vermieden werden können sie wohl nie. Gut zu wissen, wenn die Kollegen wissen, wie sie entstehen. Die Missverständnisse resultieren aus der Entwicklungsgeschichte, die jedes einzelne Teammitglied hat. Gene, Erziehung, Umwelt und Einzelereignisse prägen in der Summe einen Menschen und lassen ihn sehr unterschiedlich agieren und reagieren. Jeder bringt zudem seine Atmosphäre von daheim mit und hat unterschiedliche Reizbarkeitsschwellen.

Das Problem daran: Jeder nimmt sich selbst als Maß aller Dinge. Das wäre nicht so schlimm, würde es wertfrei geschehen. Aber ohne Wertung geht es bei den meisten Menschen nicht. Da werden Verhalten und Reaktionen als "gut oder schlecht" oder auch "richtig oder falsch" eingeordnet. Und prompt sind die Missverständnisse da, wie Stefan Müller, der in enger Kooperation mit der Union der leitenden Angestellten (ULA, t 30 69 63 - 0, www.ula.de ) in Berlin arbeitet, immer wieder beobachtet.

Doch Missverständnisse können im Regelfall aus der Welt geschaffen werden - durch miteinander reden, reden, reden. Dafür muss Zeit sein. Auch am Arbeitsplatz. Ganz wichtig sind, wie der Reutlinger Berater Stefan Müller betont, vorwurfsfreie Fragetechniken. Im Klartext heißt das, nicht zu sagen "Sei doch nicht immer gleich beleidigt", sondern die Ich-Form zu wählen. Also zu sagen: "Ich habe den Eindruck, wir haben Dich verletzt. Was hat Dich so getroffen?" Ist ein Mensch verletzt, schränkt sich seine Wahrnehmung ein - beim einen bewusst, beim anderen eher unbewusst. Wurde die Seele eines Kollegen irgendwann einmal sehr tief verletzt, kann es sogar sein, dass er selbst vorwurfsfreie Fragen als Vorwurf wahrnimmt. Dann wird es ganz schwierig, weil dieser Mensch - aus Angst noch mehr verletzt zu werden - gar niemanden mehr an sich heran lässt. Dann ist sehr viel Geduld und Toleranz angesagt. Aber immer kann herausgefunden werden, wodurch die Verletztheit hervorgerufen worden ist.

Missverständnisse im Team sind am leichtesten auszuräumen, wenn der, der sauer ist, das formuliert: in einer Ich-Botschaft - und nicht in Vorwürfen gegenüber den anderen.

Stefan Müller ist davon überzeugt, dass in den meisten Gruppen ein Codex gefunden werden kann, wie man miteinander umgeht, ohne dass sich Probleme häufen. Das sind gewisse Spielregeln, die einfach gemeinsam aufgestellt werden müssen. Wichtig natürlich: Jeder im Team muss sich daran halten. Und wenn ein kleines Feuerchen brennt, sollte es gleich gelöscht werden. Keiner sollte warten, bis der Flächenbrand entstanden ist, rät Müller.

Um Missverständnisse zu vermeiden, gilt es, Offenheit zu pflegen im Kollegenkreis - sowohl im Miteinander auf einer hierarchischen Ebene als auch von den Chefs top down. Richtet sich Unternehmenspolitik auf Offenheit ein, dann werden sich zunehmend weniger Missverständnisse einstellen, bis sie fast gänzlich verschwunden sind.

Das Marketing-Team aus Franz, Volker, Konrad und Barbara hat seine Missverständnisse auch ausgeräumt: Ein Wochenende lang sind sie gemeinsam in Klausur gegangen und haben nichts anderes gemacht, als sich verstehen zu lernen. Es hat geklappt: Die Marketing-Konzeption wurde ein voller Erfolg.Fred Maro: Gute Kommunikation ist die allerbeste Kommunikation!, Walhalla Fachverlag, Regensburg, 207 Seiten, 22,90 Mark.

Fred Maro: Du gehst mir auf den Geist / Spontan kommunizieren - Die Haltung wahren - Den richtigen Ton finden, Walhalla Fachverlag, Regensburg, 144 Seiten, 19,90 Mark.

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N. Nichols: Die wiederentdeckte Kunst des Zuhörens, Klett Cotta, 316 Seiten, 38 Mark.

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