Zeitung Heute : Offline buchen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

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Reiseveranstalter leben unserer Zeit voraus. Kaum ist der eine Urlaub vorbei, schon bieten sie den nächsten zur Buchung an. Als mich im letzten Jahr an einem Sommertag kurz vor Ferienende meine Freundin fragte, ob ich nicht Lust hätte, kommenden August mit ihr und ein paar Freunden wegzufahren, war ich gerade erst von einer Reise zurückgekehrt. Ich war erholt, sonnengebräunt und voller Tatendrang für die folgenden dienstlichen Pflichten. Ein Jahr. Zwölf Monate. Anders als die Reiseveranstalter lebe ich von einen Tag auf den anderen. Ich sagte ab.

Das neue Jahr kam, der Urlaub rückte näher. Noch immer hatte ich keine Reise in der Tasche, vor mir aber den Computer mit Internetanschluss. Schon viel hatte ich vom Online-Buchen gehört, einer angeblich sicheren Quelle für Spätentschlossene. Als Reiseziel wählte ich die deutsche Ostseeküste. Tatsächlich gab es freie Plätze. Ich buchte eine Unterkunft mit Strandnähe in Göhren und rief auch gleich beim Vermieter an, weil mich interessierte, in welcher Richtung mein Zimmer liegen würde. Klar, ich hoffte auf eins mit Meerblick. „Ein Haus hat immer vier Seiten“, sagte der weise Mann am anderen Ende der Leitung. Weiter nichts. Auch nicht, dass in Göhren derzeit die Straßen aufgerissen werden, der ganze Ort eigentlich eine Baustelle ist, und man von morgens um sieben bis abends um sechs im Lärm baden muss. Das habe ich von einem Bekannten erfahren, glücklicherweise noch vor meinem Urlaub. Im Internet stand nichts von alledem.

So ging ich ins Reisebüro. Last Minute. Vor mir saß eine junge Frau mit blonden, hoch gesteckten Haaren. Zwei Stunden lang hat sie mich äußerst freundlich beraten. Sie hat gesucht, geblättert, geschaut, angerufen, nachgefragt. „Last Minute“ klingt gut, stellte sich aber als sehr mühsam heraus. Und ich musste auch lernen, dass „Last Minute“ nicht unbedingt preiswert heißt. Aber die Mühe der Dame hat sich gelohnt. Sechs Stunden später saß ich im Flugzeug nach Griechenland. Ich hatte gute Laune.

Bis ich ankam. Es regnete in Strömen. Auch war mein Hotel überfüllt. Der Reiseveranstalter hatte mich einfach umgebucht. Mutterseelenallein stieg ich aus dem Bus, und fand mich an einem Ort wieder, der nicht im entferntesten dem im Katalog glich. Ich unterdrückte die Tränen. Wütend rief ich beim Reiseveranstalter an und drohte mit Rückflug. Und da nahm alles eine jähe Wendung: Neues Hotel, schönes Wetter, geretteter Urlaub.

Als ich aus Griechenland zurückkam, lag eine Karte im Briefkasten. Auf ihr stand: „Schade schon vorbei… doch der nächste Sommer kommt bestimmt! Wenn sie wieder das Reisefieber packt – denken Sie doch wieder an uns. Wir beraten sie gern. Sonnige Grüße, die Mitarbeiter des Reisebüro Dieckert.“ Eine schöne Geste eigentlich. Und schließlich kann das Reisebüro nichts für den Veranstalter. Nächstes Jahr buche ich wieder dort. Völlig unmodern und offline. Vielleicht nur etwas eher. Katja Hübner

Reisebüro Dieckert, Hufelandstraße 5,10407 Berlin, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10-19 Uhr und Samstag 10-13 Uhr, Telefon: 4254127, Fax: 42161741, E-mail: reisebü ro-dieckert@t-online.de .

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