Zeitung Heute : Oft ist alles nur geklaut

Der Tagesspiegel

Von Tilmann Warnecke

Das Ergebnis war niederschmetternd. Dass Studenten ab und an mal schummeln, war Medieninformatik-Professorin Debora Weber-Wulff klar. Als sie im letzten Sommersemester die Probe aufs Exempel machte, kamen allerdings Betrügereien ungeahnten Ausmaßes ans Tageslicht. Zwölf von 34 Studenten reichten in ihrem Seminar Arbeiten ein, die zumindest passagenweise Texte aus dem Internet enthielten, ohne dass diese mit Fußnoten oder Hinweisen versehen waren. Die Konsequenz: Sechs, Setzen. Die Studenten mussten eine Nachprüfung absolvieren, um ihren Seminarschein zu erhalten.

Seitdem versucht Weber-Wulff, die an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft lehrt, unter ihren Kollegen das Bewusstsein für das Problem des Internetplagiats zu schärfen: „Für Studenten ist es einfach, sich Arbeiten aus dem Internet zu suchen, aber für uns Dozenten ist es noch viel einfacher, den Betrug festzustellen."

Tatsächlich war der Klau geistigen Eigentums für Studenten nie leichter als heute. Von der agrarwissenschaftlichen Arbeit „Ampelographie", die Auskunft über die Anbauspezifika zahlreicher Weinsorten gibt, bis zum „WTO-Importverbot der USA für Shrimps" aus dem Fach Wirtschaftspolitik finden sich im Internet Arbeiten zu allen Themen, die das Studentenherz begehrt. Auf den Web-Seiten hausarbeiten.de und grin.de stehen knapp 17 000 Texte aus 196 Fachgebieten gratis zur Verfügung. Firmen wie diplom.de bieten übers Web bis zu 5000 Abschlussarbeiten zum Verkauf an.

Auch Theologen schummelten

Der Versuchung Internet erliegen selbst Theologie-Studenten: Besonderes Aufsehen erregten an der amerikanischen Elite-Uni Berkeley zwei Studierende des Faches, die beim selben Dozenten zur gleichen Zeit dieselben Arbeiten aus dem Web abgaben. Aber auch bei weniger offensichtlichen Plagiaten können Dozenten Betrügern relativ leicht auf die Schliche kommen. Grundkenntnisse beim Umgang mit Suchmaschinen wie Google oder Fireball reichen aus.

Gesucht wird nach ungewöhnlichen Wortwendungen und nach Stilbrüchen in Hausarbeiten, erläutert Weber-Wulff. Setzt man die verdächtigen Wortwendungen in Anführungszeichen, holt die Suchmaschine Dokumente mit identischen Formulierungen aus dem Web – das Original zum Plagiat. So wurde einem ihrer Studenten zum Verhängnis, dass er zu schönes Englisch abgekupfert hatte. Es wirkte wie ein Goethe-Gedicht in einer Maschinenbau-Hausarbeit.

Helfen ungewöhnliche Formulierungen nicht weiter, kann die Verbindung von drei bis vier selten vorkommenden Wörtern zum Erfolg führen. Denn die Suchmaschine findet auch Quellen, die zwar nicht wortidentisch, aber mitsamt ursprünglicher Wortdreher abgekupfert sind. Manchmal genügt ein Rechtschreibfehler: Ein Student übernahm aus einer Internetquelle ein „s" zu viel: Der „Switscher" kam zwar in seinem Text aus dem Web, aber in keinem Wörterbuch vor.

Einige Abschreiber bemühen sich nicht einmal, die Arbeiten in ein einheitliches Layout zu bringen. Ein Student von Weber-Wulff machte sich durch eine große Variation bei der Formatierung von Zwischenüberschriften verdächtig. Die Patchworktechnik war zuviel des Guten – die drei Abschnitte stammten teilweise wörtlich aus drei verschiedenen Internet-Quellen.

Zudem gibt es auch den kostenpflichtigen Suchdienst turnitin.com. Er vergleicht jede Arbeit mit 800 Millionen Internetdokumenten und erkennt in Sekunden, welcher Abschnitt abgeschrieben ist. Ähnlich arbeiten Konkurrenzsysteme wie Integriguard und die EssayVerification Engine: Sie weisen den Betrug selbst dann nach, wenn 50 Prozent des Originals verändert sind. Während die Universität von Berkeley bereits 1997 eine Versiebenfachung der Täuschungsversuche in drei Jahren meldete, ist die Zahl für Deutschland nicht bekannt. Der wichtigste Grund für das fehlende Unrechtsbewusstsein deutscher Studenten scheint der Mangel an Strafen zu sein. Hier müssen die Sünder meist nur auf ihren Schein verzichten. In den USA werden Abschreiber exmatrikuliert.

Es beginnt schon in der Schule

Einen weiteren Grund vermutet Weber-Wulff in dem laxen Umgang mit dem Internet, den sich die Studenten in der Schule angewöhnt haben. Viele geben bereits als Schüler Hausaufgaben aus dem Internet ab, weil sie den Lehrer für nicht schlau genug halten. Das Problem haben auch die Betreiber von Online-Hausarbeitensammlungen erkannt: „Unsere Seite lädt zwar zum Schummeln ein", räumt grin.de-Mitbegründer Patrick Hammer ein. „Aber die Studenten sind selbst schuld, wenn sie sich der Gefahr der Exmatrikulation aussetzen."

Auf der Seite finden sich deswegen auch Anleitungen zum Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit, die darauf hinweisen, wie Studenten Internet-Quellen richtig zitieren. Professoren können sich bei Schummelverdacht sogar an grin.de wenden. Das Unternehmen verspricht, sein Archiv dann auf die passende Arbeit hin zu durchsuchen. Bis in die Professorenschaft hat sich dieses Angebot allerdings noch nicht herumgesprochen: Bisher haben erst fünf Dozenten die Hilfe von grin.de in Anspruch genommen. Es liegt also am wissenschaftlichen Nachwuchs, Internet-Angebote dem wissenschaftlichen Standard gemäß zu nutzen. Denn prinzipiell, da sind sich die meisten Professoren mit ihren Studenten einig, sind Seiten wie hausarbeiten.de eine feine Sache.

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