Zeitung Heute : „Oh, das Thema Männer ist doch immer sehr interessant!“

Im Kino ist Charlotte Rampling eine Meisterin der Verführung. Und im Leben? Ihre Schwester starb früh, ihre große Liebe hielt nicht ewig. Sie fragt: Woher kommt denn Verliebtheit?

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Die Schauspielerin Charlotte Rampling, 58, ist in England geboren, dort und in Frankreich aufgewachsen. Sie arbeitete zunächst als Model, bevor sie im Alter von 20 Jahren erste kleinere Filmrollen übernahm. 1969 besetzte Luchino Visconti die Hauptrolle in seinem Klassiker „Die Verdammten“ mit ihr. Rampling arbeitete anschließend vor allem in Italien, wo sie unter anderem in „Der Nachtportier“ und mit Sean Connery im ScienceFiction-Film „Zardoz“ zu sehen war. 1975 drehte sie mit Robert Mitchum das Remake „Fahr zur Hölle, Liebling“. In den 80er Jahren zog sie sich ins Privatleben zurück, tauchte nur noch gelegentlich in Produktionen wie „Angel Heart“ mit Mickey Rourke oder Woody Allens „Stardust Memories“ auf. In den 90ern drehte sie die preisgekrönte Fernsehserie „Radetzkymarsch“. In wenigen Tagen läuft ihr aktueller Film in den deutschen Kinos an: „Swimming Pool“, unter der Regie von François Ozon.

Interview: Simone Bergmann; Foto: Gnoni-Press Madame Rampling, In Ihrem neuen Film „Swimming Pool“ spielen Sie einen Frauentyp, den es im Kino bisher selten gab: Die Schriftstellerin Sarah Morton ist eine reife Frau von 58, die ihre Befindlichkeiten nicht kaschiert, sondern nach eigenem Ermessen lebt und liebt. Berühmt wurden Sie aber in den Rollen einer Femme fatale, die wie in „Der Nachtportier“ immer in irgendwelche sexuellen Obsessionen verwickelt wird. Wie haben Sie diesen Imagewechsel geschafft?

Als Schauspielerin hat man ja einen Beruf, den man leider nicht allein ausüben kann. Deshalb sind die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, sehr wichtig. Und man muss einen Regisseur finden, der in einem etwas „sieht“. François Ozon, der ja mit seinen 34 Jahren noch recht jung ist, war eben genau so ein Typ von Regisseur, der sich für das Bild der reifen Frau über 50 interessiert. Also die Frage, was es bedeutet für eine Frau, wenn sie über 50 ist. Was für ein Leben hat sie geführt, welche Brüche und Wechselfälle hat sie erlebt, und welche Konsequenzen hat sie daraus gezogen? Wer ist sie überhaupt? Bisher hat man nur jungen Frauen diese Frage gestellt. Ich habe mich darüber gewundert: Denn die Älteren haben doch viel mehr darüber zu erzählen.

In „Swimming Pool“ sieht man Ihrer Rolle Lust nicht nur subtil an. Sie zeigen sie auch ganz unmissverständlich in Ihrer Körpersprache.

Ich bin so gestrickt, dass ich nur Dinge tun kann, zu denen ich Lust habe. Alles andere geht nicht. Yoga beispielsweise war immer schon eine Sache, die mir sehr entgegenkam. Also mache ich es – und zwar seit 30 Jahren. Ich schwimme auch gern, also mache ich es.

Und das betrifft auch die Darstellung von Lust vor der Kamera?

Ganz egal, ob es um eine physische, sinnliche, intellektuelle oder auch sexuelle Sache geht: Wenn die Lust nicht da ist, kann mich niemand auf der Welt dazu zwingen, es zu tun. Das klingt etwas seltsam, aber nur so funktioniere ich. Der Nachteil ist natürlich, dass mein Rollenrepertoire dadurch erheblich eingeschränkt ist.

Sie sind neidisch auf manche Kollegin.

Wenn ich andere Karrieren betrachte, dann sage ich mir immer: Mein Gott, die können ja alles spielen! Ich nicht.

Die meisten Schauspieler trennen zwischen Rolle und eigener Identität. Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus? Stimmt es, dass die Person, die Sie spielen, immer Teile Ihrer eigenen Persönlichkeit widerspiegelt?

Wann immer ich die Empfindungen einer Person spiele, sind es erlebte Gefühle, die ich umsetze. Egal, welches Kostüm ich gerade trage oder was für einen Namen ich habe, es ist ein Teil meiner Person, die sich in der Rolle ausdrückt.

In „Swimming Pool“…

…bin ich mit der Schriftstellerin Sarah Morton derart identisch, dass mein Spiel zu etwas sehr Abstraktem wird.

Was meinen Sie mit „abstrakt“?

Stellen Sie sich meine Arbeit wie eine abstrakte Malerei vor, wo mit wenigen Pinselstrichen der Charakter einer Person umrissen wird. Ich bin Sarah Morton und lebe ihren Alltag und ihre Wirklichkeit. Aber gleichzeitig trete ich mit ihr eine Reise an, in der sie sich verändert. Am Ende bleibt wieder alles offen. Das Rätselhafte dieser Erzählweise mag ich.

Madame Rampling, sollen wir nun zunächst über Ihre Vergangenheit sprechen oder lieber über Männer? Suchen Sie es sich aus!

Oh, das Thema Männer ist doch immer sehr interessant!

Um die Spuren der Mörderin zu verwischen, verführen Sie in „Swimming Pool“ den Gärtner Marcel. Eine Szene, in der die bisher sinnlich verstummte Sarah Morton plötzlich zur erotischen Hochform aufläuft. Aber war Ihnen der Gärtner nicht ein bisschen zu alt?

Naja, das war ja keine richtige Verführung, oder? Die Sache sollte ja keine Liebesbeziehung werden. Das hatte nichts mit Liebe oder Zuneigung zu tun. Es ist eine Verführung, um den Gärtner von der Mordspur abzulenken. Gleichzeitig war es für Sarah Morton ein Moment, in dem sie sich endlich wieder begehrenswert fühlt. Und damit hörte die Beziehung dann auch auf, denke ich.

Durch welche Attribute fühlen Sie sich bei Männern angezogen? Sind körperliche und intellektuelle Signale gleich wichtig?

Ich mag Männer, die schon in der Berührung ein feines Gespür für Frauen haben. Männer müssen für mich eine gewisse Eleganz haben, sowohl körperlich als auch intellektuell. Das zieht mich sehr an.

Das war schon immer so?

Alle Männer, die ich geliebt habe, hatten diese Empfindsamkeit. Weder heute noch als ich jünger war, habe ich je das Bedürfnis verspürt, bewundert zu werden – wirklich nie. Aus beruflichen Gründen wurde ich ja immer sehr bewundert, also brauchte ich das privat nicht auch noch. Mir war immer wichtig, dass es da etwas zwischen dem Mann und mir gab, das mich mit ihm verband. Ich muss einen Mann bewundern können. Vielleicht manchmal auch zu sehr. Aber das ist nicht weiter tragisch.

Warum denn nicht?

Fast alle Frauen machen diesen Fehler. Sie haben gerade gefragt, ob ich mich verändert habe, was meinen Männergeschmack betrifft. Nun: Früher habe ich mir auch noch Illusionen über Männer gemacht, jetzt natürlich nicht mehr. Ich denke, man muss wissen, wie man den Zustand der Verliebtheit immer wieder neu entfachen kann. Es ist nicht so, dass man diesen Zustand erfinden kann, aber man muss ihn sich vorstellen, um ihn dann auch leben zu können. Das empfinde ich als eine verdammt schwere Arbeit. Ich frage mich oft, wo dieses Gefühl der Verliebtheit überhaupt herkommt. Ich habe darauf keine Antwort.

Finden Sie eigentlich heute jüngere Männer attraktiver als ältere?

Die Jungen sind natürlich verführerisch, weil sie jung sind. Aber die Älteren finde ich verführerischer, weil sie reifer sind. Wenn ich der Jugend nachrennen würde – das wäre nicht der richtige Weg für mich. Also: Wenn es um Liebe oder Affären geht, interessiere ich mich nicht für junge Männer. Grundsätzlich interessiert mich natürlich die Jugend. Sie ist einfach sehr schön.

In „Swimming Pool“, auch in Ihrem älteren Film „Unter dem Sand“, spielen Sie Frauen, die auf eine geheimnisvolle Art mit Stille umgehen können. Sie waren ja noch sehr jung, als Ihre Schwester 1967 im Alter von 23 an einem Herzinfarkt starb – gleichzeitig erkrankte Ihre Mutter schwer. Anschließend lebten Sie in einem buddhistischen Kloster in Schottland. Wie kam es dazu?

Ich kenne die Gefühle der Isolation aus frühester Zeit, und ich weiß mehr oder weniger genau, was sie bei einem Menschen auslösen können. Damals, als ich diese Erfahrung machte, empfand ich die Isolation als Stille, aber es war eine Stille, hinter der sich das Chaos verbarg. Da ich damals nach Antworten suchte, sie aber weder bei den Menschen, die mir nahe waren, noch in Büchern fand, wollte ich dieses Gefühl vertiefen. Ich wollte herausfinden, wie ich eigentlich leben wollte. Dabei war mir natürlich klar, dass diese Suche ganz und gar nicht immer angenehm sein würde. Im Gegenteil: Die Suche, das ahnte ich bald, sollte mich zunächst noch mehr in die Isolation führen. Aber auf Grund dieser Erfahrung mit der Stille kann ich diesen Typ von Frau, den Sie beschrieben haben, heute auch spielen.

Können Sie erzählen, wie Sie der Rückzug, Ihre damalige Lebenskrise verändert hat?

Damit begann meine persönliche Entwicklung überhaupt erst. Ich nenne das: meine intime Rennstrecke. Dass ich mich auf diesen Weg begeben habe, hat mir später geholfen, mein Leben so zu führen, wie ich wollte.

Das heißt?

Immer weiterzumachen, wenn nötig, Schmerzen auszuhalten und den Spaß am Leben immer zu behalten – egal, welche Schmerzen man ertragen muss. Und sehr wichtig: Den Mut zu haben, sich selbst so zu ertragen, wie man sich fühlt. Wissen Sie, die Gefahr für einen ist doch, dass man sich zu weit von seiner Rennstrecke entfernt. Dann landet man leicht im Nirgendwo. Mein Weg war immer ungewöhnlich: Ich habe die Menge nie gesucht, sondern immer gemieden. Ich bin vor Menschen und Dingen geflohen, die für andere ganz normal waren. In dieser Beziehung war ich immer anders als andere Menschen.

Sie meditieren heute noch.

Ja, damit habe ich nie aufgehört! Vor der Stille habe ich heute keine Angst mehr. Im Gegenteil: Inzwischen liebe ich die Stille in mir.

Wie können wir uns das vorstellen?

Wie soll ich es beschreiben: Es ist eine Stille, die mich bewohnt, und sie ist für mich zu einem vertrauten Gefährten geworden. Es ist ein Gefühl, dass ich mir nicht mehr erarbeiten muss, weil ich es in mich integrieren konnte. Inzwischen ist es auch ein interessantes Instrument für meine künstlerische Arbeit als Schauspielerin geworden.

Sie fotografieren auch seit vielen Jahren gerne – eine Reaktion auf Ihre Zeit als Model?

Natürlich hat es Spaß gemacht, die Rollen einmal umzudrehen. Die ersten Fotos habe ich übrigens von meinem damaligen Ehemann Jean-Michel Jarre gemacht. Auf all diesen Fotos sieht er besonders gut aus. Ich denke, die Schönheit dieser Bilder ist auch ein Zeichen für die tiefe Vertrautheit, die wir damals miteinander teilten. Es ist schön, wenn so etwas gelingt. Eigentlich habe ich immer besonders gern Männer fotografiert, das hat mich eine Zeit lang fasziniert. Ich finde den Kontakt zu einem Mann, während ich ihn fotografiere, immer sehr spannend. Es gibt dann immer wieder Neues zu entdecken.

Was meinen Sie mit „Neues“? Haben Sie Männer auch in erotischen Posen aufgenommen?

Nein, nie! Meine Aufmerksamkeit richtete sich immer auf das, was sich zwischen uns abspielte. Ich wollte weniger über ihr Aussehen, sondern mehr über ihr Gefühlsleben herausfinden.

Haben Sie sich auch selber fotografiert?

Niemals! Das hat mich nie gereizt. Nicht unbedingt aus Angst vor mir, aber…

Aber?

…aber meinem eigenen Bild gegenüber bin ich eher skeptisch eingestellt. Vielleicht ist das irgendwie protestantisch, im Sinne von: Man darf sich nicht zu oft im Spiegel anschauen! Ich glaube, man sollte sehr misstrauisch sein, wenn es um den Blick auf sich selbst geht im Leben.

Gehört das nicht auch zu Ihrer intimen Rennstrecke?

Wir reden hier von Fotos, von äußeren Bildern und nicht von den inneren. Ach, ich will mich da einfach nicht zu sehr auf mein eigenes Spiel einlassen. Ich will mir keine Gedanken darüber machen müssen nach dem Motto: Wer ist denn das auf dem Foto? Mein Aussehen ist Teil meines Berufs – und damit nur wichtig für andere.

Gerade haben Sie Jean-Michel Jarre erwähnt, den bekannten Popmusiker. Sie waren 20 Jahre lang mit ihm verheiratet. Sie haben einen gemeinsamen Sohn mit ihm und einen Sohn aus Ihrer ersten Ehe mit dem Manager Bryan Southcombe. Außerdem haben Sie die Tochter von Jarre aus seiner ersten Ehe großgezogen. Inzwischen sind alle Kinder erwachsen. Waren Sie eine gute Mutter?

Darüber möchte ich nun wirklich nicht sprechen.

Was haben Sie Ihren Kindern als Mutter mitgeben können? Im Gegensatz zum Beispiel zu Ihrer Mutter?

Alles was ich heute bin, habe ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet. Die wichtigste Regel: Ich glaube, dass es ohne Disziplin nicht geht. Was meine Mutter betrifft, so hatte ich sicher ein bisschen mehr innere Freiheit als sie. Schließlich bin ich in den 60er Jahren groß geworden, und als typisches Kind meiner Zeit hatte ich schon in der Pubertät einen größeren Spielraum als die Generation meiner Eltern. Ich glaube aber nicht, dass die Palette an weiblichen Rollenbildern seitdem wesentlich größer geworden ist. Da hat sich nicht viel getan. Frauen können sich heute klarer und besser ausdrücken, ihre Bedürfnisse formulieren. Das ist aber auch schon alles.

Sie sind in einer sehr bürgerlichen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war Offizier und viele Jahre lang bei der Nato. Sie sind in Frankreich und in England zur Schule gegangen. War das nicht ein Schock für Ihre Eltern, als Sie mit einem Skandal-Film wie „Der Nachtportier“ Ihren ersten großen Erfolg hatten?

Nein, nein, sie waren einverstanden, schließlich haben sie mitbekommen, dass ich mein Geld damit verdient habe. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Selbst wenn es meine Eltern gestört hätte – ich gehörte zu einer neuen Generation, die alles anders machen wollte. Mich hätte ihre Kritik nicht aufgehalten.

Madame Rampling, lassen Sie uns über das Älterwerden reden. Haben Sie eine Art Strategie im Kopf, wie Sie weiterhin den neuen Typ der reifen, begehrenswerten Frau spielen können?

Mein Motto: nicht im Bedauern leben. Altern ist schön, solange man natürlich gesund ist. Es gibt nichts Schlechtes am Altern. Und: Jeder muss da durch. Menschen, die dies akzeptieren und mit ihrer Zeit leben, von denen würde ich sagen, dass sie, ja, gut drauf sind. All jene, die sich unentwegt beklagen und sagen, dass das Altern schrecklich ist, die sich selber hässlich finden, gehen mir auf die Nerven. Das muss doch furchtbar für die Jugend sein, die sich dieses Gejammere anhören muss. Es ist wichtig, dass man mit Würde altern kann – alles andere ist Selbstmord.

Das klingt so einfach. Was kann man tun, damit man nicht in die Krise des Selbstbedauerns gerät?

Um nicht am eigenen Selbstmitleid zu ersticken, muss jeder seinen eigenen Weg finden, wie er mit dem Alter und den zugefügten Verletzungen, die ja jeder erlebt hat, fertig wird. Schließlich kann man die Welt nicht ändern, man kann nur sich selbst verändern. Ich finde Leute schrecklich, die sich über ihr Leben beklagen, darüber jammern, wie sehr das Leben sie verletzt hat. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Sie sind dabei, ihr eigenes Leben zu verletzen.

Sie sind nach der Trennung von Ihrem Mann in Paris geblieben, seiner Heimat. Damals dachten viele, Sie würden die Stadt schnell verlassen.

Paris passt zu mir. Warum? Nun, es könnte auch daran liegen, dass ich mich neu verliebt habe…

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