Zeitung Heute : Oh, du Cologne!

Manuel Andrack

Es passiert mir immer wieder. Menschen, die mich nicht gut oder noch nicht lange kennen, halten mich für einen Norddeutschen - strebsam sei ich, manchmal streng. Aber ich bin natürlich Rheinländer, gebürtiger Kölner, und eigentlich bin ich auch ein typischer Kölner, aber was heißt das schon: typisch? Was soll denn das sein, das Kölsche, Katholische, Rheinländische? Manche glauben jetzt, nach dem Spendenskandal der Kölner SPD, das Typische an dieser Stadt sei, dass jeder Mitglied im Kölschen Klüngel ist, dass die Stadt aufgebaut ist auf Lug und Betrug - aber so, so ist es natürlich nicht, es ist anders.

In Köln hilft man sich, weil es immer einen gibt, der einen kennt, der einen kennt. Und vielleicht bin auch ich deshalb längst Mitglied der Klüngelgesellschaft. Schließlich bin ich ja nicht anders zu meinem Job gekommen: Auch ich kannte damals einen, der einen kannte, der sagte: "Hör mal. Der Schmidt, der macht da was. Da kann man sich mal melden." Und das habe ich dann auch getan. Weil ich einen kannte, der einen kannte, der das sagte.

Vor kurzem war ich auf einer Veranstaltung eingeladen, einer Buchpräsentation mit Podiumsdiskussion - das Thema war Fußball. Und warum war ich eingeladen? Weil mein Chef diesem Verlag nahe steht, weil ich jemandem von diesem Verlag auf der Premiere des Theaterstückes "Warten auf Godot" kennen gelernt habe, wo ich nur deshalb war, weil der Chef mitspielt. Was passiert? Man redet. Und irgendwann wird man gefragt, ob man nicht dieses oder jenes machen möchte. Das ist natürlich eher ein linksalternativer Klüngel, aber es ist doch ein Klüngel. Die Mitgliedschaft in solch einer Art Klüngel hat man meistens schneller unterschrieben, als man selbst mitbekommt. Es ist ja nicht wie bei einer Geheimloge, an deren Tür man ein Losungswort sagen muss, um rein gelassen zu werden.

In Köln ist es anders, für alle Probleme gibt es die "kölsche Lösung". Ein Beispiel: Als unser Studio in Köln-Mühlheim umgebaut wurde, mussten wir verschiedene Auflagen erfüllen, Brandschutzvorschriften einhalten. Man braucht Türen, Fluchttüren, meistens da, wo man sie nicht will. Bei der "kölschen Lösung" bauen einem die Handwerker dann provisorische Fluchttüren ein. Die bleiben bis zur Abnahme, dann kommen sie wieder weg. Das ist aber eine Kleinigkeit im Vergleich zu all den anderen Sachen, die dem Chef angeboten wurden, als er sich entschlossen hatte, die Show selbst zu produzieren. Der Chef hat natürlich alles abgelehnt. Er ist Schwabe.

Ich kann verstehen, dass man das außerhalb von Köln alles ganz furchtbar findet, denn es hat so etwas Nachbarschaftliches, fast etwas Dörfliches. Wir Kölner aber, wir lieben das, gerade das: dass Köln immer auch ein bisschen Dorf geblieben ist. Was auch immer in den letzten 100 Jahren für soziologische Abhandlungen geschrieben wurden - über die Vereinsamung des Menschen in der Großstadt, über die Urbanisierung, über die Ghettoisierung -, all das gibt es in Köln nicht. Und warum? Weil sich der Veedel-Gedanken durchgesetzt hat, die Verbundenheit zu dem Veedel (Viertel), in dem man lebt. Ich bin in Köln-Ostheim aufgewachsen, einem Vorort, da gab es das eh. Aber es funktioniert auch innerstädtisch: dass man immer einen hat, den man anrufen kann, wenn man etwas braucht.

Bei mir um die Ecke, in Köln-Ehrenfeld, gibt es einen Kiosk. Vor zwei Jahren, in der heißen Phase der Jagd auf Pokémon-Bildchen, als praktisch jedes Kind für Pokémon-Bildchen straffällig wurde, fuhren die Kinder von Stadtteil zu Stadtteil, von Kiosk zu Kiosk, um noch Bildchen zu bekommen. Der Besitzer meines Kiosks hat seine Bildchen aber nur an Kinder verkauft, die er kannte, die aus dem Viertel kamen. Wenn also manche Kinder durch die halbe Stadt gefahren sind und dann an seinem Kiosk standen, hat er zu ihnen gesagt: "Tut mir Leid, euch verkauf ich nix, ihr kommt nicht hier aus dem Viertel. Meine Bildchen kriegen nur die Kinder, die hier wohnen." Und dieser Kioskbesitzer hat auch immer dieses Mitteilungsbedürfnis - immer, wenn ich Zeitungen kaufe, fragt er mich: "Na? Gehste noch zum 1. FC?" Und letzte Woche hat er dann auch gesagt: "Och, diese Sache mit dem Müll..."

Kein Mensch in Köln hat sich früher, vor dem Spendenskandal, für die Müllverbrennungsanlage interessiert, geschweige denn für Müll. Das mit dem Müll wird auch nachbarschaftlich geregelt: Es ist gesetzlich festgeschrieben, welche Tonne man haben muss. Familien haben größere, Singles kleinere Tonnen. Aber eigentlich wollen alle die kleinen Tonnen, die sind billiger und niemand verursacht so viel Müll, dass er damit die große Tonne voll kriegt. Wir auch nicht, wir kämen mit einer kleinen Tonne hin. Deshalb dürfen eben auch unsere Nachbarn ihren Müll in unsere Tonne werfen. Das ist quasi der Kampf des Nachbarschaftsklüngels gegen den Müllklüngel. Vielleicht liegt mein Desinteresse auch daran, dass ich keine Kölner Zeitungen lesen - weder den "Stadtanzeiger" noch den "Express", der Kölner Verlag Neven DuMont ist für mich ein Ärgernis, deshalb habe ich mich auch für die ganzen anderen Klüngelsachen, die in der Stadt passieren, nie sonderlich interessiert: Hochhäuser in Köln-Deutz, Bau eines ICE-Bahnhofs und was da noch so alles läuft. Als aber plötzlich auf der ersten Seite der FAZ etwas über den Kölner Müllklüngel stand, wurde die Sache plötzlich interessant - für die Show, nicht für mich als Kölner. Mich kränkt es nicht in meiner Ehre, der Niedergang des 1. FC geht mir da viel näher. Das macht mich wirklich traurig und trifft mich wie einen Keulenschlag. Beim Spendenskandal ist es eher ein Gefühl der Schadenfreude, das mich befällt - denn wer in Köln Anhänger der CDU oder SPD ist, der ist selber schuld, da kann ich kein Mitgefühl entwickeln. In Köln ist es auch völlig egal, ob man die CDU oder die SPD wählt; es gibt keinen Unterschied zwischen den Parteien. Die klüngeln alle, und für die Politik in der Stadt macht es auch keinen Unterschied: Als Kölner Bürger habe ich seit dem Wechsel 1999 keine Veränderung gespürt, seit die CDU die Stadt regiert. Das bedeutet aber nicht, dass der Kölner an sich unpolitisch wäre - vielleicht ist unser Politikbegriff nur ein anderer. Vielleicht ist Köln jenseits der Demokratie. Oligarchie wäre ein passender Begriff.

Wo trifft man diesen Politklüngel? Es ist eine Art Paralleluniversum. Natürlich gibt es Cafés, Bars und Restaurants, natürlich sind Karnevalsvereine eine gute Adresse. Wenn man es aber drauf anlegt, dann muss man nur am Samstag bei Heimspielen ins VIP-Zelt des 1. FC Köln gehen. Klüngel extrem. Um in das Zelt zu kommen, muss man 2000 Euro im Jahr zahlen - viel Geld für schlechtes Catering, Fleischgericht, paar Nudeln, paar Fritten. Aber das muss es einem schon wert sein, wenn man in Köln Geschäfte machen will. Da trifft sich die Politprominenz - Bernhard Worms, Rolf Bietmann, Fritz Schramma - mit der Bauprominenz. Da sagt der eine zum anderen: "Wenn de mal schnell nen Laster brauchst - kein Problem, ruf mich an!" Die Nummer. Natürlich treffen die sich auch in den Kneipen in ihren Stadtteilen, in Longerich oder Lindenthal, da, wo der Mittelstand wohnt. Die wohnen ja nicht in Marienburg, da, wo der Chef wohnt. Das können die sich natürlich nicht leisten, und deshalb nimmt man gerne Geld von jemandem wie Hellmut Trienekens: damit man wenigstens einmal im Jahr nach Gran Canaria fliegen kann.

Ja, das hört sich furchtbar an, genau so furchtbar wie die Assoziation zwischen Köln und dem Karneval, den Black Fööss, den lustigen Schnauzbärten und den schwulen Kellnern. Und jetzt auch noch so was! Ich weiß ja, dass die Außenwahrnehmung nicht besonders gut ist, aber das schweißt auch zusammen. Jeder Kölner denkt, ich selbstverständlich auch, dass er in der schönsten Stadt Deutschlands wohnt. Und das denken erstaunlicherweise nach ein paar Jahren alle, die hierher gezogen sind. Die assimilieren sich prächtig. Dass der Neid von außen, wenn man die tollste Stadt Deutschlands ist, immer größer wird, kann ich ja auch verstehen. Heinrich Böll hat mal geschrieben: "Köln hat sich unernst durch die Geschichte geschlängelt." Wer Köln nicht liebt, interpretiert den Satz so: Köln kann man nicht ernst nehmen. Wer aber wie ich Köln liebt, der neigt zu einer anderen Aussage: Köln hat sich mit einer fröhlichen Leichtigkeit durch die Geschichte geschlängelt. So würde ich das auch jedem sagen, der abends in einer Kneipe mit mir eine Städtediskussion anfangen will. Gleich nachdem ich ihn darüber aufgeklärt habe, dass Köln nicht zum Ruhrgebiet gehört - was ja fälschlicherweise immer noch jeder Hamburger und jeder Berliner glaubt. Dabei ist das ja eine Frechheit, schließlich ist Köln die viertgrößte Stadt Deutschlands - das glaubt ja auch keiner. Berlin, Hamburg, München, dann kommen wir, nicht Frankfurt. Und wenn er mir dann dumm kommen will, mit Karneval und Black Fööss, dann werde ich das entweder arrogant übergehen - sollen doch alle anderen in ihren blöden Städten bleiben, ich muss niemanden missionieren.

Sollte ich es aber doch einmal tun, dann werde ich von dem wunderschönen Köln erzählen, vom Rhein, von Rodenkirchen abwärts. Oder von den Stadtteilen Sülz, Klettenberg oder von dem, in dem ich wohne, von Ehrenfeld. Und ich werde von der Rheinseilbahn erzählen, mit der man vom Zoo auf die andere Seite, zum Rheinpark fahren kann. Ich werde natürlich vom Dom erzählen, den selbst ich noch alle drei Jahre regelmäßig besteige - das muss man einfach machen. Zu Fuß über die mittelalterliche Wendeltreppe nach oben, dann dieser unglaubliche Blick über Köln. Oder vom Museum Ludwig - ein Traum, allein schon wegen des Cafés, von wo aus man die Hohenzollernbrücke und den Rhein sehen kann. Oder dem Heinzelmännchenbrunnen, wo man mal ein Kölsch trinken sollte. Okay, es gibt natürlich eine Sache, die sollte man besser vermeiden: Nie, nie, nie, nie, nie, nie darf man in die Altstadt gehen. Nie! Einfach nie. Aber die gehört ja auch überhaupt nicht zu Köln, so wenig, wie Vatikanstadt zu Rom gehört. Ein Kölner geht da einfach nicht hin. Mich schaudert es schon, wenn ich nur dran denke. Es ist ein bisschen wie die Schinkenstraße auf Mallorca. Aber wir machen das ja geschickt. Für die Touristen haben wir so ein Potemkinsches Köln aufgebaut, da können sie dann ihre Vorurteile abladen. Diese einfallenden Horden marschieren ja auch immer in die Kölschkneipe, die definitiv das schlechteste Kölsch der Welt hat, dieses ekelige "Früh". Kein Wunder, dass der Ruf des Kölsch so schlecht ist. Wer aber schon mal ein Mühlenkölsch getrunken hat, der bleibt auch dabei. So wie der, der einmal in Köln gelebt hat, für immer dort bleibt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe ja auch mal in Berlin gelebt, und da wurde mir sehr schnell klar, dass ich wieder zurück muss.

Berlin war mir einfach zu unkuschelig.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben