Zeitung Heute : Oh, Papeymann!

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Es war eine Liebesaffäre sondergleichen. Und vom großen Glück, das der Schauspieldirektor Claus Peymann in jenen wunderbaren Jahren 1974–79 den Stuttgartern und allen (dank Claus P.) bis zur Raserei theaterbegeisterten Bewohnern des Südwestens gebracht hat, davon schwärmen und schwäbeln heute Abend fünf Damen und Herren: Sie sind „Peymanns Stuttgarter Kinder“ – so der Titel einer Dokumentation von Martina Döcker (21 Uhr 45 auf 3sat). Aus den Kindern sind zwischen wohlsituierte Bürger geworden, und zwei von ihnen kennen wir auch. Sie heißen Harald Schmidt, einst Schauspielschüler, der an den Portalen des Württembergischen Staatstheaters rüttelte wie Gerhard Schrö der am Bonner Kanzleramt, und Sebastian Koch, zuletzt zu sehen als Klaus Mann in den „Manns“.

Vom Theater damals, von Bernhard Minettis Thomas-Bernhard-Figuren, vom tollen, das ganze Stuttgarter Haus innen und außen verzaubernden „Faust“, von den Triumphen des jungen Peymann-Theaters mit Kleist und Goethe und Botho Strauß und Elvis-Presley (einer legendären Hommage!), davon zeigt Martina Döcker fast gar nichts. Das ist das Manko des einstündigen Films – aber auch sein Kuriosum. Denn der Zuschauer muss sich sein eigenes Kopftheater hinzuinszenieren: zu den gegeneinander geschnittenen Interviews mit den kahler, grauer gewordenen „Kindern“, die sich erinnernd nochmals in verzü ckte Teenager verwandeln. Es waren ihre glorreichen Zeiten, als man als Schüler oder Student bibbernd an der Kasse anstand, um später einen Blick auf die noch gar nicht so ganz weltberühmten Künstler Gert Voss oder Kirsten Dene zu werfen. Manchmal wird es da auch bizarr: Eine arrivierte Journalistin erzählt, wie sie sich als Siebzehnjährige in einen Peymann-Assistenten verliebte, sich aber schämte, in diesen Jahren noch Jungfrau zu sein. Also gab es wohl ein Deflorationstheater, Schein und Sein, zum „Frühlings Erwachen“ auf der Bühne. Das klingt mal albern, mal rührend, und irgendwie hätten wir schon gerne etwas mehr über die damalige Zeit, über das Theater und die Politik in den 70er Jahren erfahren.

So ist man dankbar, wenn Claus Peymann hier auch selbst (geschmeichelt abwehrend) über den eigenen Mythos spricht und nochmals beschreibt, wie das war mit der humanen Geste, im Sommer einen Hunderter für die Zahnbehandlung der in Stammheim inhaftierten Gudrun Ensslin zu spenden – und im „deutschen Herbst“ plötzlich dem Ex-Marinerichter und Landesherrn Filbinger sowie einem politischen „Skandal“ ausgeliefert zu sein. Als Peymann mit seinem Ensemble dann Stuttgart verlassen musste, brachen die Herzen der Schwaben, bis vier Uhr morgens toste der Beifall der Abschiedsvorstellung, und im Film erklingt „Oh, mein Papa“, so wahr. Peter von Becker

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