Zeitung Heute : Oh Tannenbaum

Wo kommt er her, und warum stellen wir ihn überhaupt auf? Der eine nadelt und der andere hält länger: Kultur und Natur des Weihnachtsbaums

Monika Rößiger

Ein gewaltiger Tannenbaum, der fast bis zur Decke reichte“ – so erzählt Thomas Mann von Weihnachten bei den Buddenbrooks. „…geschmückt mit Silberflitter und weißen Lilien – und an der Spitze ein schimmernder Engel.“ Im 19. Jahrhundert hat sich der Weihnachtsbaum in Deutschland zu dem entwickelt, was er heute noch ist: lichterglitzernder Mittelpunkt der Bescherung. 23 bis 25 Millionen werden hier zu Lande pro Jahr aufgestellt, schätzt Jürgen Schümann, Chef der Arbeitsgemeinschaft der Weihnachtsbaumproduzenten in Schleswig-Holstein – dort und im Sauerland ist die deutsche Produktion heimisch.

In vielen Ländern der Erde wurde der Christbaum später zumindest als dekoratives Element übernommen. Aber wo stammt er her?

In der populären Weihnachtsliteratur heißt es oft, der Weihnachtsbaum gehe auf das Julfest der heidnischen Germanen zurück. Doch auch wenn die Germanen die immergrüne Tanne als Symbol ewiger Lebenskraft verehrt haben und zur Wintersonnenwende Zweige vor die Häuser legten, so begründeten sie damit doch nicht die Kultur des Weihnachtsbaums. „Die frühesten Belege für einen geschmückten Tannenbaum im Inneren des Hauses stammen aus der Lebenswelt des städtischen Handwerks“, schreibt die Marburger Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann in einem Standardwerk über das Weihnachtsfest. Sie beruft sich auf eine Bremer Zunftchronik aus dem Jahr 1570. Darin wird von einer kleinen Tanne berichtet, die mit Äpfeln, Datteln, Brezeln und Papierblumen geschmückt im Zunfthaus aufgestellt wurde.

Nina Gockerell, Kunsthistorikerin am Bayrischen Nationalmuseum in München, die im Jahr 2000 eine Ausstellung zum Weihnachtsfest organisiert hatte, sagt, dass der Zunftbrauch dann allmählich auch auf die Familien überging – das Bäumchen blieb aber noch ohne Kerzen. Es war mit Papierrosen und Oblaten geschmückt oder mit „Puppen und Zucker behänget“, worüber sich der Straßburger Prediger Johann Konrad Dannerhauer ereiferte. Offenbar witterte er Heiden am Werk.

Im 17. und 18. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch mit dem geschmückten Baum dann von Stadt zu Stadt, aber noch nicht auf dem Land. Beamte und wohlhabende Bürger übernahmen die neue Mode. Europaweit wurde der Weihnachtsbaum ab Anfang des 19. Jahrhunderts aber erst über die Aristokratie. Als Gemahlin des Erzherzogs Karl nahm Prinzessin Henriette von Nassau-Weilburg den Brauch 1816 nach Wien mit, was ihr den Beinamen „Christkindlbringerin“ einbrachte. Und Prinz Albert wollte auch als Gemahl von Queen Victoria auf den Baum nicht verzichten.

Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bäume dann mit Glaskugeln geschmückt. Ende des 19. Jahrhunderts tauchten in den USA erste Weihnachtsbäume mit elektrischen Lichtern auf – es begann die eigentliche Weihnachtsindustrie, mit gusseisernen Baumständern und in Fabriken hergestellter Dekoration.

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