Zeitung Heute : Ohne Abwehr

Fünf Milliarden US-Dollar standen 2003 im Kampf gegen Aids zur Verfügung – doch das Virus breitet sich schneller aus denn je

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Die UN schlagen Alarm in ihrem Welt-Aids-Bericht 2004. Die Krankheit breitet sich trotz aller Gegenmaßnahmen weiter aus. Was muss geschehen, damit der tödliche Trend gestoppt werden kann?

Die Verantwortlichen der Vereinten Nationen können eine Spur Resignation nicht mehr verhehlen: „Die Aids-Epidemie ist einfach schneller als die globale Abwehr“, klagt UNAIDS-Direktor Peter Piot. Trotz steigender finanzieller Mittel im Kampf gegen Aids haben sich im vergangenen Jahr mehr Menschen als jemals zuvor mit dem HI-Virus angesteckt: Insgesamt hätten sich 2003 rund fünf Millionen Personen neu mit dem Virus infiziert, teilte das Hilfsprogramm der Vereinten Nationen gegen die Seuche, UNAIDS, am Dienstag in seinem Jahresbericht 2004 in Genf mit.

An neuen Strategien gegen Aids soll Mitte Juli auf der Internationalen Aids-Konferenz in Bangkok gefeilt werden. Doch signalisiert eine Zahl besonders krass, dass die Seuche so schnell nicht einzudämmen ist: Seit der letzten internationalen Aids-Konferenz in Barcelona 2002 befiel das HI-Virus neun Millionen Menschen – sechs Millionen sind inzwischen an Aids gestorben.

Insgesamt fielen seit dem ersten diagnostizierten Aids-Fall 1981 schon rund 20 Millionen Menschen dem Virus zum Opfer. Neben den individuellen Schicksalen beklagt UNAIDS auch die teilweise katastrophalen Konsequenzen für Gesellschaften. „In den am stärksten betroffenen Ländern löscht Aids den in Jahrzehnten gewonnenen Fortschritt im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft aus.“ Die Folge: Die Lebenserwartung sinkt rapide. Allein in den sieben afrikanischen Ländern, wo mehr als ein Fünftel der Bevölkerung angesteckt ist, sterben die Menschen im Durchschnitt 13 Jahre früher. In Afrika leben auch die meisten Aids-Waisen: Rund 12 Millionen Kinder haben mindestens ein Elternteil wegen Aids verloren. Zudem verursacht Aids Armut. In Sambia schrumpfte das Bruttosozialprodukt in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts um rund 20 Prozent – nicht zuletzt wegen Aids.

Im Kampf gegen Aids fehlt es vor allem am Geld. Zwar standen im Jahr 2003 rund 5 Milliarden US-Dollar weltweit bereit. Doch brauchen allein die Entwicklungsländer im Jahr 2006 rund 12 Milliarden US-Dollar. Diese Summe dürfte sich nach den Befürchtungen der UNAIDS-Experten noch um mehrere Milliarden Dollar in den nächsten Jahren erhöhen.

Das Geld soll vor allem in die so genannte antiretrovirale Therapie fließen. Zwar kann eine solche Behandlung keine völlige Genesung bringen, jedoch wird die Krankheit abgemildert, und die Betroffenen leben zum Teil wesentlich länger. Noch aber bleibt diese Therapie für die meisten Aids-Kranken in Afrika und anderen Entwicklungsländern ein Wunschtraum: Nur sieben Prozent haben Zugang zu der Behandlung.

Behindert wird der Kampf gegen Aids laut UN auch durch die Stigmatisierung der Opfer. Bestimmte „Hoch-Risiko-Gruppen“ wie Drogenkonsumenten oder Homosexuelle „bekommen keine Therapie und bleiben von allen Programmen ausgeschlossen“.

Zudem: In vielen der stark betroffenen Länder fehlt der politische Wille, energisch gegen die Seuche vorzugehen, schreiben die Autoren des Berichts. Auch gehen zu viele Ressourcen durch bürokratische Prozeduren verloren. Weiter mangelt es in einigen Ländern am Personal und den nötigen Institutionen, um eine effiziente Verteilung der Mittel zu garantieren. Allerdings muss UNAIDS auch einräumen, dass es mit der Koordination der Helfer oft hapert: Zu viele Organisationen haben inzwischen Aids-Fonds aufgelegt. Das Resultat: Eine unverantwortliche „Dopplung der Hilfe“, die nicht zu Wettbewerb, sondern zu Konfusion führt. „Eine effektive Koordination der Hilfe rettet Leben in Entwicklungsländern“, sagt UNAIDS-Chef Piot. „Wir haben hart gekämpft, um das Geld zu erhalten. Jetzt müssen wir es auch weise ausgeben.

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