Zeitung Heute : Ohne Anfassen

Auf den Bildern wird es aussehen, als besuche Präsident Bush eine schöne deutsche Stadt und ihre Bevölkerung. Aber Staatsbesuche des alten Typs gibt es seit dem 11. September nicht mehr: Mainz ist eine hermetisch abgeriegelte Kulisse

Harald Martenstein[Mainz]

In Mainz und um Mainz herum liegen viele amerikanische Kasernen. Deswegen ist Mainz seit Jahrzehnten für amerikanische Präsidenten ein attraktives Reiseziel. Die Bevölkerung der Stadt gilt als zutraulich und unaggressiv, mit einem leichten Hang zur Trunksucht vielleicht.

Am 31. Mai 1989 war George Bush der Ältere zu Besuch in Mainz. George Bush hielt in der Rheingoldhalle vor 2000 Leuten eine Rede, die in dem, wie sich später herausstellen sollte, visionären Satz gipfelte: „The Wall will fall.“ Einigen Demonstranten, angeblich Mitgliedern der Grünen, war es gelungen, durch den Kantineneingang in das Mainzer Rathaus einzudringen und am Balkon ein Transparent aufzuhängen. Möglicherweise hat der Präsident dieses Transparent sogar gesehen. Anschließend fuhr George Bush der Ältere gemeinsam mit Helmut Kohl auf der „MS Stolzenfels“ den Rhein hinab, zur Loreley. Während der Fahrt aßen die beiden Staatsmänner gemeinsam Saumagen.

So beschaulich war das damals. Da waren in Mainz 1000 Polizisten im Einsatz. Heute sollen es 14 000 sein. Die Zahl ist natürlich geheim. Ein älteres Paar, das am Rhein spazieren geht, sagt: „Von dem Bush-Besuch haben wir Mainzer gar nichts, nur Ärger.“

Wenn George Bush der Jüngere heute nach Mainz und in den Wiesbadener Vorort Erbenheim kommt, sind, wegen des Besuchs, folgende städtische Einrichtungen geschlossen oder arbeiten nicht: die Müllabfuhr, die Straßenreinigung, Schulen, Kindergärten, Jugendzentren und Sporthallen, Stadtbibliothek und Stadtarchiv, das Konservatorium, die wichtigsten Museen und Behörden, die meisten Parkhäuser, zahlreiche Baustellen und Ampeln, die Kfz-Zulassungsstelle und das Hallenbad Kostheim. Die Rheinbrücken sind zu, Bus- und Bahnverkehr findet nur fragmentarisch statt. Geöffnet sind die Kinos, die in Wiesbaden in großen Anzeigen mit dem Slogan „Bush-Tag ist Kino-Tag!“ werben. Die Unikliniken nehmen keine Patienten auf, sondern halten sich für die Opfer eines etwaigen Anschlags bereit. Der Rhein bleibt den ganzen Tag blockiert, gerechnet wird mit einem Stau von 200 bis 300 Frachtschiffen. Der Luftraum wird für Privatflieger ebenfalls gesperrt, und zwar, wie es beinahe poetisch heißt, von „dreißig Minuten vor Sonnenaufgang bis 30 Minuten nach Sonnenuntergang“. Zur Überwachung stehen Kampfjets der Bundeswehr bereit, erstmals kommt das neue Luftsicherheitsgesetz zur Anwendung, das den Abschuss von Zivilmaschinen erlaubt. Die Entscheidung trifft gegebenenfalls Verteidigungsminister Peter Struck, der an den Gesprächen mit Bush teilnimmt, aber sein Handy vermutlich angeschaltet lässt.

Am schwersten von diesen Maßnahmen wiegt wohl die fast ganztägige Sperrung von fünf Autobahnen im RheinMain-Gebiet, darunter einige der befahrensten Verkehrswege Deutschlands. Das ist notwendig, weil der Fahrweg der Präsidenten und seines Trosses bis zur letzten Sekunde geheim bleiben muss.

Man kann sagen: Das städtische Leben in Mainz und Teilen von Wiesbaden ruht, der Verkehr in der Rhein-Main-Region, einem der wichtigsten deutschen Wirtschaftszentren, wird ausgeknipst wie eine Lampe. Auf der anderen Seite wird kein normaler Mainzer, oder fast keiner, und sei er noch so bushfreundlich, den Präsidenten zu Gesicht bekommen. Die Anwohner des möglichen Präsidentenweges und die rund tausend Bewohner der so genannten „roten Zone“ rund um das Kurfürstliche Schloß, den Treffpunkt von Bush und Gerhard Schröder, sollen nach Möglichkeit ihre Wohnungen nicht verlassen, den Balkon nicht betreten und die Fenster geschlossen halten. Polizisten sind von Wohnung zu Wohnung gegangen und haben die Vorschriften erklärt. Die Autos müssen alle weg, dafür sind große Parkplätze am Stadtrand eingerichtet worden. Das Schloß war bisher vor allem als Schauplatz der Sendung „Mainz wie es singt und lacht“ bekannt, jetzt sollen im Schlosshof je zehn deutsche und amerikanische Soldaten antreten und sich von höchster Hand Orden anheften lassen.

Man könnte sagen: Das sind die Folgen des 11. September. Nine-eleven. Staatsbesuche alten Typs gibt es seitdem eigentlich nicht mehr, mit freiwillig oder unfreiwillig winkenden Menschen am Straßenrand, mit Fähnchen, Rheinfahrt und Bad in der Menge, jedenfalls nicht, wenn es einen so mächtigen und so gefährdeten Politiker wie George W. Bush betrifft. Es gibt nur noch die Inszenierung eines Staatsbesuchs. Vor dem Schloß sind gigantische Kameratribünen aufgebaut, der Landtag dient als Pressezentrum. Auf den Bildern wird es so aussehen, als besuche der Präsident in bester Laune eine schöne deutsche Stadt, einen Dom, ein Museum. Die Bilder sollen eine neue, freundlichere Atmosphäre zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung zeigen, dazu braucht man die entsprechende Kulisse, das geht nicht auf einem Flugzeugträger oder einer einsamen Insel, obwohl dort vieles andere einfacher wäre.

In der Nähe des Domes müssen im entscheidenden Moment ein paar winkende Leute stehen, daran wird gearbeitet. Der Besuch im Gutenbergmuseum, bei der berühmten Bibel, wird wohl nur Minuten dauern. George Bush ist bekannt dafür, wie sehr er Museen hasst. Sogar die chinesische Mauer hat er im Minutentempo abgehakt. Vor allem: Die Universität von Austin, Texas, vor Bushs Haustür, besitzt selber eine Gutenbergbibel.

Alfred Hornung, Dekan an der Mainzer Uni, Amerikanist, Ehrenbürger von Texas, wo er Professor war, bekam einen Anruf. Für eine Diskussion mit dem Präsidenten solle er eine Liste von 300 viel versprechenden Studenten zusammenstellen. Der Präsident wolle mit „young leaders“ aus Deutschland reden. Der Begriff irritierte die Studenten. Mit dem Titel „junger Führer“ können sich junge Deutsche irgendwie nicht identifizieren. Aber die Liste kam zustande. Nach einer Weile hieß es, 300 Studenten seien zu viele, aus Gründen der Sicherheit. Hornung schrieb eine neue Liste mit 100 Namen. Inzwischen steht fest, dass Bushs einziges Treffen mit Deutschen eine Diskussion mit genau 24 erfolgreichen jungen Berufstätigen sein wird, junge Führer aus beiden Staaten, die vom Aspen Institute, dem Marshall Fund und dem Verein „Atlantikbrücke“ ausgewählt wurden. Hornung sagt, vorsichtig jedes Wort wägend: „Von ihrer politischen Ausrichtung her sind die klar einzuordnen.“

Man darf nichts dem Zufall überlassen.

Offiziell begrüßen beide Bürgermeister den Besuch, gleichzeitig betont der Wiesbadener Hildebrand Diehl, man werde „alle Rechnungen sammeln“ und rechne mit Schadenersatz der Bundes, denn der Bund hat Bush schließlich eingeladen und die Kosten sind enorm. Was zum Beispiel wird aus den Verdienstausfällen der Geschäftsleute? Weil weder Kunden noch Arbeitnehmer eine Chance haben hinzukommen öffnen viele gar nicht erst, wie der Supermarkt Metro, fast 400 Beschäftigte. Sogar Opel in Rüsselsheim macht dicht. Den ganzen Tag. Können Arbeitgeber ihre Beschäftigten zwingen, wegen Bush einen Tag Urlaub zu nehmen? Gilt ein Bush, juristisch gesehen, als höhere Gewalt, ähnlich wie ein Erdbeben? Das alles ist umstritten und unklar.

Entlang der Strecken, die George Bush möglicherweise fahren könnte, werden alle Mülltonnen beseitigt, alle Briefkästen abmontiert, die Garagen amtlich versiegelt und von Schlossern 1300 Gullydeckel zugeschweißt. Wegen dieser Maßnahme begrüßt wenigstens das Schlosserhandwerk den Gast aus vollem Herzen. Frage: Wie kriegt man nach dem Besuch die Gullys wieder klar? „Ach“, sagt einer der Monteure, „man muss einfach nur mit dem Hammer kräftig draufschlagen, dann sind sie sofort wieder frei.“ Wer ist in solchen Dingen Herr des Verfahrens, wer ordnet so etwas an, die Deutschen oder die Sicherheitsexperten aus den USA? „Das“, sagt Dieter Püsch von der Mainzer Polizei, „ist eine schwierige Frage.“ Stimmt es, das die Amerikaner verlangt haben, in der Umgebung des Schlosses das welke Laub von den Bäumen zu entfernen, weil es die Scharfschützen behindert? „Na ja“, sagt Dieter Püsch, „es war sowieso nur noch wenig Laub an den Bäumen dran.“

Natürlich ist Bush auch in Mainz nicht sehr beliebt. Die beiden Zeitungen bringen seit Wochen sogar eine regelmässige Bush-Hass-Seite, sie trägt den Titel „Leserbriefe“. In der Nähe der Lotharpassage ist jemand auf die Idee gekommen, in alle Hundehaufen kleine US-Flaggen zu stecken. Im Internet-Forum der Stadt Wiesbaden schreibt ein Ralf Offermanns: „Wenn ich mich weiter so aufrege, bekomme ich noch Herpes.“

Wer in der „roten Zone“ herumläuft und fragt, hört alle möglichen Ansichten, nur nicht den Satz: „Gut, dass er kommt. Ich mag ihn.“ Beim letzten Mainzer Rosenmontagszug war dieser nicht unumstrittene Wagen zu sehen, der den Präsidenten mit nacktem Hintern zeigte. Extra wegen dieses Wagens hat zum ersten Mal in der Geschichte das arabische Fernsehen, Al Dschasira, über den Mainzer Rosenmontag berichtet, mit positivem Grundton. Andererseits sind die Mainzer echte Staatsbesuchsprofis, der Papst, die Queen, Reagan, Gorbatschow, alle waren da. Ernsthaft zu Schaden kam in Mainz überhaupt nur ein einziges Staatsoberhaupt, der römische Kaiser Severus Alexander, der im Jahr 235 auf dem Gebiet des Vorortes Bretzenheim erschlagen wurde.

Wenn George W. Bush in Frankfurt landet, mit der Air Force One, sind zwei Helikopter und eine große Anzahl von Autos von den Amerikanern bereits hergeschafft worden, in eigener Regie. Im Gefolge des Präsidenten oder als Vorhut landet ein zweiter Jumbojet, denn er hat hunderte von Begleitern dabei, allein 150 Leibwächter und 150 Journalisten, dazu größere Kontingente von Fahrern, Sekretärinnen, Juristen, Gepäckträgern, Europaexperten, Pagen, Vordenkern, den Leibarzt, den Friseur und einen Koch. Letzteres irritiert, denn das Festmenu im Schloß soll eigentlich von einem Team unter Leitung von Johann Lafer zubereitet werden. Die Bushs hatten allerdings schon immer empfindliche Mägen und sind extrem misstrauisch, seit dem älteren Bush in China einmal Bärenpenis-Suppe vorgesetzt wurde und seit das Essen in Japan einmal so extravagant war, dass sich der Präsident veranlasst sah, sich in hohem Bogen über den japanischen Premierminister zu übergeben.

Außerhalb der „roten Zone“ wird in Mainz von Dienstagnachmittag bis Mittwochabend durchdemonstriert, die Veranstalter rechnen mit 10000 Teilnehmern. Bei einer Pro-Bush-Demo, die von einer Gruppe namens „Medienkontakt online“ organisiert wird, erwartet die Polizei 200 Personen. Auch diese Ereignisse finden hauptsächlich für die Kameras statt, Bush und Schröder bekommen nichts davon mit.

Andreas Atzl gehört zu den Organisatoren der Anti-Demo, ein 22-jähriger Soziologiestudent, lange Haare, olivfarbene Kleidung, so, wie engagierte junge Menschen schon 1970 ausgesehen haben. Mit 16 hat er sich bei SPD und Grünen Infomaterial bestellt, alles durchgelesen und hinterher gewusst, dass er eher ein Grüner ist. Atzl vermutet, dass hinter „Medienkontakt online“ die FDP steckt. Am verrücktesten sei, dass dauernd Kamerateams anrufen, um Demonstranten beim Schildermalen zu filmen, er regelt das dann, obwohl sie in Wirklichkeit alle Schilder längst gemalt haben. „Ich hatte keine Ahnung, wie gefaked diese Fernsehbilder oft sind“, sagt Andreas Atzl. Im Grunde sei Politik nur noch virtuell, oder?

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