Zeitung Heute : Ohne Bad, aber mit Geschichten

Es gibt Stammgäste, die könnten sich das Adlon leisten, wollen aber unbedingt im Zimmer Sieben in der Pension „Nürnberger Eck“ absteigen. Es ist eines der wenigen Zimmer, das noch kein eigenes Bad hat, man muss es sich mit anderen Gästen auf dem Flur teilen. Aber es geht nicht um Luxus. Die Tür soll ins Schloss fallen und die Zeit stehen bleiben. Hier gibt es noch Tapeten aus den Vierziger Jahren, mit kleinen Streublümchen darauf, in der Ecke steht ein der Kachelofen aus der Jahrhundertwende, auf der anderen Seite des Bettes ein eleganter Schminktisch. Draußen auf dem Flur hängt die Jugendstillampe mit der sich räkelnden nackten Dame. Seit 1925 gibt es die Pension, heißt es.

Das „Nürnberger Eck“ ist eine typische Etagenpension, wie es noch einige rund um den Kurfürstendamm gibt. Oft in der Beletage bürgerlicher Häuser gelegen, haben sie still und leise die Jahre überdauert, versteckt in den ruhigen Seitenarmen des trubeligen Boulevards. Manche wechselten im Laufe der Jahre ihren Namen, andere behielten ihn wie das Originalmobiliar samt Aufzug aus der Jahrhundertwende – das Nürnberger Eck, die Pension Funk, Pension Kettler, Pension Kurfürst und viele andere. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ursprünglich aus Privatwohnungen entstanden sind, viele von ihnen bereits vor hundert Jahren.

Die Wohnung, aus der später die Pension Funk in der Fasanenstraße wurde, gehörte einst der Stummfilmdiva Asta Nielsen. Eine Gedenktafel am Eingang des Hauses aus der Gründerzeit erinnert noch an sie. In Nielsens Salon gingen Dichter und Schauspieler ein und aus, 1937 floh die Schauspielerin zurück in ihre dänische Heimat. „Nach dem Ersten Weltkrieg blieben viele Frauen als Witwen zurück“, erzählt Helma Baalmann, Betreiberin des „Nürnberger Eck“. So entstanden einige Pensionen: „Man konnte in ihnen wohnen und gleichzeitig Geld verdienen.“

Die Gäste kamen schließlich von ganz alleine. Der Kurfürstendamm lockte als Vergnügungsmeile mit seinen Cafés, Ballhäusern und Kabarettbühnen zahlreiche Künstler an, die sich häufig für mehrere Wochen einquartierten. Hanns Eisler soll etwa im „Nürnberger Eck“ abgestiegen sein, wird überliefert. Auch Gerd Fröbe war gerne hier, denn er war mit dem damaligen Gastwirt Kurt Lippert befreundet, ein Stuntman beim Film, er soll die Schrippen und Eier im Frühstücksraum vor den Gästen jongliert haben.

Helma Baalmann hat es geschafft, den Ruf als Künstlerpension zu pflegen, selbst als die legendäre Disco „Dschungel“ in ihrer Straße nach der Wende schließen musste, wo ehemals David Bowie und Mick Jagger verkehrten. Die Fotokünstlerin Nan Goldin hat in den Neunziger Jahren das nostalgische, große Bett im so genannten Hochzeitszimmer mit ihrer Kamera eingefangen. Auch die Pension Funk ist immer wieder eine beliebte Kulisse für Shootings der großen Mode-Magazine.

Dennoch: Die Betreiber haben mit der übermächtigen Konkurrenz der modernen Hotels zu kämpfen, die in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft aus dem Boden sprießen. Es mag sein, dass die Etagenpensionen nicht dem neuesten Komfort entsprechen, dafür gibt es hier noch Besitzer, die das Frühstück persönlich an den Tisch bringen und immer gerne die ein oder andere legendäre Geschichte zum Besten geben. Anna Pataczek

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