Zeitung Heute : Ohne den Papst

Johannes Paul II. hat die Menschen wie keiner seiner Vorgänger teilhaben lassen – an seinem Leben und Sterben. Fragen bleiben. Was war und was wird?

Martin Gehlen

Wer war in den letzten Stunden seines Lebens bei Johannes Paul II.?

Der Papst Johannes hat die letzten Stunden vor seinem Tod im Kreise seiner engsten polnischen Vertrauten verbracht. Sie feierten am Samstagabend um 20 Uhr gemeinsam mit dem Pontifex eine Messe in seinem Zimmer. Danach ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche um 21 Uhr 37 gestorben. Die Messe wurde von den beiden polnischen Privatsekretären, Stanislaw Dziwisz und Mieczyslaw Mokrzycki, zelebriert. Teilgenommen haben auch ein polnischer Kardinal und ein polnischer Erzbischof sowie der Theologieprofessor Tadeusz Styczen. Anwesend waren auch die vier polnischen Ordensschwestern, die Johannes Paul II. seit Jahren betreuen sowie drei italienische Ärzte und zwei Krankenschwestern. Andere hochrangige Vertreter des Vatikans, darunter Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, wurden erst nach dem Tod von Johannes Paul II. in die Gemächer eingelassen.

Wann wird der Papst beigesetzt?

Ein Datum für die Beisetzung des Leichnams von Johannes Paul II. steht zwar offiziell noch nicht fest, wird aber nach Angaben aus Vatikankreisen der Donnerstag sein. Nach dem Kirchenrecht muss die Kardinalsversammlung, die die Leitung der Kirche übernimmt und am heutigen Montag zusammentritt, den Zeitpunkt der Beisetzung festlegen. Die Beisetzung darf frühestens vier Tage und höchstens sechs Tage nach dem Tod des katholischen Oberhauptes erfolgen – also am Mittwoch, Donnerstag oder Freitag.

Wo wird er beigesetzt?

Johannes Paul II. wird wahrscheinlich in der Krypta unter dem Petersdom beigesetzt, falls er nicht in seinem Testament eine Beerdigung in Polen verfügt hat. In der Krypta befinden sich die Gräber seiner Vorgänger Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul I.

Wer wird, wer darf bei der Beisetzung anwesend sein?

Die Stadt Rom bereitet sich auf einen der größten Pilger-Ströme in der Geschichte der Stadt vor. Etwa zwei Millionen Menschen werden zur Trauerfeier für das katholische Oberhaupt erwartet. Extra- Züge und -Busse werden bereitgestellt. Zudem sollen eigens Zeltstädte mit tausenden Schlafmöglichkeiten errichtet werden. Zur Beisetzung werden zudem etwa 200 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt erwartet, darunter wahrscheinlich US-Präsident George W. Bush.

Können die Gläubigen direkt von ihm Abschied nehmen?

Der Leichnam des Papstes wurde bereits am Sonntag im Sala Clementina, einem Freskensaal im Vatikan, aufgebahrt. Dort erwiesen dem Toten Kardinäle und hohe Kirchenführer sowie der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi und Ministerpräsident Silvio Berlusconi die letzte Ehre. Voraussichtlich am Montagnachmittag soll der Leichnam gegen 17 Uhr in den Petersdom überführt werden. Dort kann dann die Bevölkerung Abschied nehmen.

Warum wurden die Gemächer des Papstes versiegelt und der Fischerring sowie sein Siegel zerbrochen?

Die Gemächer werden versiegelt, damit seine persönliche Habe nicht in falsche Hände gerät oder Andenkenjäger sich Gegenstände aus den Räumen holen. Diese Vorschrift geht allerdings zurück auf Zeiten, zu denen die Bevölkerung von Rom nach dem Tode eines Papstes zunächst einmal seine Gemächer plünderte. Der Fischerring, das persönliche Siegel des Papstes wird mit einem silbernen Hammer zerstört, damit niemand den Ring benutzen kann, um im Namen und mit dem Siegel des Verstorbenen innerkirchliche Anordnungen zu treffen, die dem Papst vorbehalten sind.

Hat er Eigentum, das er vererben kann?

Ein Papst hat, anders als ein Mitglied eines Mönchsordens, durchaus auch persönliches Eigentum. Bisher ist nicht bekannt, ob Johannes Paul II. ein Testament hinterlassen hat. Dort könnte geregelt sein, was mit seinem Nachlass geschehen soll, und wo Johannes Paul II. beerdigt werden möchte.

Welchen Ursprungs sind die Fristen innerhalb derer bestimmte Dinge getan sein müssen?

Die Fristen sind heute in der Regel im Katholischen Kirchenrecht verankert, auch wenn sie verschiedene Ursprünge haben. Alle Vorschriften, die das Konklave betreffen, hat Johannes Paul II. 1996 in einer eigenen Apostolischen Konstitution, „Universi Dominici Gregis“, festgelegt. Dort ist der früheste Beginn des Konklaves immer noch auf 15 Tage nach dem Papsttod festgelegt, im Zeitalter des Düsenflugzeugs ein Anachronismus. Aber noch 1922 zur Wahl von Papst Pius XI. hatten nord- und südamerikanische Kardinäle das Konklave verpasst, weil sie Rom mit dem Schiff nicht schnell genug erreichen konnten.

Warum kommt dem Camerlengo des Papstes nun so viel Bedeutung zu – obwohl er nach dem Tod des Papstes nicht der höchstrangiste Kleriker im Vatikan ist?

Der Camerlengo, italienisch Kämmerer, des Vatikans spielt während der Sterbephase des Papstes und der anschließenden papstlosen Phase die wichtigste administrative Rolle im Vatikan. Das Amt bekleidet der dem Opus Dei nahestehende 78-jährige spanische Kardinal Eduardo Martinez Somalo. Er stellt den Tod des Papstes fest und übernimmt mit Hilfe dreier Kardinalsassistenten vorübergehend die laufenden Geschäfte der Kirche. Die letzteren werden alle drei Tage ausgewechselt. Dieses Gremium bereitet die Beisetzung sowie das Konklave zur Wahl des neuen Papstes vor. Doch auch die Macht des Camerlengo ist begrenzt: Er kann weder die Regeln der Papstwahl ändern noch Kardinäle ernennen oder Entscheidungen treffen, an die sich der nächste Papst dann zu halten hätte.

Wie heißt der nächste Papst, wer gibt ihm seinen Namen?

Unmittelbar nach der Wahl des Papstes fragt der Kardinaldekan den Gewählten: „Nimmst du deine kanonische Wahl zum Papst an?“ Nachdem der Gefragte mit Ja geantwortet hat, fragt ihn der Kardinaldekan, für welchen Namen er sich entschieden hat. Der erste Papst, der nicht seinen Geburtsnamen benutzte, sondern eine Namensänderung vornahm, war Johannes II. im Jahr 533. Sein ursprünglicher Name war Mercurius und galt als unpassend, weil es der Name eines heidnischen Gottes war. Johannes XIV. nahm diesen Namen bei seiner Wahl 983 an, weil er von Geburt Petrus hieß und die Hochachtung vor dem ersten Papst einen Petrus II. ausschloss. Am Ende des ersten Jahrtausends gaben sich einige nichtitalienische Päpste einfach deshalb neue Namen, damit sie die Menschen einfacher aussprechen konnten. Erst nach 1009 wurde die Wahl eines neuen Namens dann die Regel. Der letzte Papst, der seinen Geburtsnamen behielt, was 1555 Marcellus II. Johannes Paul II. wählte seinen Namen, um deutlich zu machen, dass er sich in der Tradition seiner beiden Vorgänger, Johannes XXIII. und Paul VI. fühlte. Der eine hatte das Zweite Vatikanische Konzil einberufen und damit erst die Öffnung der katholischen Kriche für die Moderne möglich gemacht, der andere hatte es zu Ende geführt und nach den aufregenden Jahren des Konzils eher einen stillen Konsolidierungskurs gefahren.

Wird nun nach einem neuen Papst Ausschau gehalten oder steht der insgeheim schon fest?

Natürlich diskutieren die Kardinäle bereits vor dem Beginn des Konklaves untereinander und mit ihren Beratern über mögliche Kandidaten. Vor dem ersten Konklave 1978 hatte sich bereits bei diesen Diskussionen herauskristallisiert, dass es nur zwei annehmbare Kandidaten gab, nämlich Kardinal Guiseppe Siri und Kardinal Albino Luciani, der dann zum Papst Johannes Paul I. gewählt wurde. Die Regeln des Konklaves legen allerdings eindeutig fest, dass kein Kandidat an etwaige Versprechungen gebunden ist, die er vor Beginn des Konklaves gegeben hat. Damit soll unterbunden werden, dass Kandidaten unter den Kardinälen für sich Wahlkampf machen.

Bei der Wahl des neuen Papstes stehen in der Regel interne Kirchenfragen im Vordergrund, welche vorrangigen Probleme die Kardinäle sehen und welche Person die dafür besten Fähigkeiten hat. So wird es diesmal darum gehen, ob nach dem polnischen Papst, wieder ein Italiener auf den Stuhl Petri kommt oder vielleicht erstmals ein Mann von einem nicht-europäischen Kontinent.

Was wird vom nächsten Papst erwartet?

Der neue Papst steht unter einem gewaltigen Erwartungsdruck. Er muss nicht nur in die sehr großen und prägenden Fußstapfen seines Vorgängers Johannes Paul II. treten. Er muss sich auch dringenden Reformanliegen im Inneren der Kirche stellen. Johannes Paul II. hat die Kirche sehr zentralistisch und autoritär geführt, doch viele Ortskirchen fordern – wenn auch bisher nur hinter vorgehaltener Hand – mehr Autonomie und mehr Gestaltungsspielräume. Weiter ist die Morallehre der katholischen Kirche, vor allem die Sexualmoral, dringend reformbedürftig. Auf die Fragen von Aids und Überbevölkerung hat die Kirche keine überzeugenden Antworten. Auch die Rolle der Frauen und der Laien in der Kirche, wie Johannes Paul II. sie sah, hat viele Gläubige vor allem in den westlichen Kirchen frustriert. Und nicht zuletzt befindet sich der katholische Klerus in einer tiefen Krise. In den zurückliegenden 26 Jahren haben etwa 100000 Priester ihr Amt aufgegeben. Immer mehr Pfarreien sind ohne Priester. Und die Pädophilieskandale in den Vereinigten Staaten sowie vielen europäischen Kirchen haben das Vertrauen in den Priesterstand nachhaltig erschüttert.

Kann – wer immer es sein wird – die Amtsgeschäfte einfach nahtlos übernehmen oder braucht er eine Art Schulung?

Auch ein Papst muss sich erst in seinem neuem Amt zurechtfinden. Er muss lernen, einen so großen bürokratischen Apparat wie den Vatikan zu steuern. Er sollte weltgewandt, theologisch kundig sowie breite Erfahrung in der Seelsorge haben. Und er braucht deshalb gute Berater.

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