Zeitung Heute : ohne Ende Schrecken

Ein Tier geht um in der deutschen Politik – es ist das Symbol für zerstörerische Gier. In Afrika könnte sie bald wieder Realität sein: Experten fürchten die große Plage.

-

Von Thomas de Padova Sie kommen, fressen alles kahl und ziehen weiter. Bei der letzten großen Plage von 1986 bis 1989 durchkämmten Schwärme von Wüstenheuschrecken fast das gesamte nördliche Afrika. Selbst 15 Millionen Liter hochgiftige Insektizide vermochten den Vormarsch der Insekten nicht zu stoppen. Schließlich kam ein stürmischer Wind zu Hilfe: Er trieb Millionen Heuschrecken hinaus auf den Atlantik. Durchaus möglich, dass Afrikas Bauern in diesem Jahr erneut auf die Hilfe des Windes hoffen müssen.

„Wir können noch nicht abschätzen, wie sich die Situation weiterentwickelt“, sagt der Tropenökologe Ralf Peveling, Gutachter bei der Welternährungsorganisation (FAO) für die Bekämpfung der Wüstenheuschrecke. Von einer Plage spricht die FAO erst, wenn sich die Insekten über mehrere Jahre hinweg explosionsartig vermehren. Doch bereits im vergangenen Jahr konnte niemand die Massenverbreitung der Heuschrecke aufhalten.

Von Mauretanien aus erreichte Schistocerca gregaria, die Wüstenheuschrecke, die neben Locusta migratoria zu den gefräßigsten Exemplaren ihrer Art gehört, den Niger, die Sahel-Zone, Marokko, Tunesien und sogar die kanarischen Inseln. Falls es in diesem Jahr ähnlich feucht ist, könnten sich erneut riesige Schwärme von Milliarden Individuen bilden.

Letzten Herbst drangen erstmals seit Jahrzehnten auch wieder Heuschrecken bis nach Kairo vor. „Das macht deutlich, dass sich die biblische Plage durchaus an konkreten Erfahrungen orientiert“, sagt Peveling. Die Insekteninvasion war die achte von zehn Plagen, die den Ägyptern auferlegt wurde, weil sie die Israeliten nicht in Freiheit entlassen wollten. Im Buch Exodus heißt es dazu:

„Weigerst du dich aber, mein Volk ziehen zu lassen, so will ich morgen Heuschrecken kommen lassen über dein Gebiet, dass sie das Land so bedecken, dass man von ihm nichts mehr sehen kann. Und sie sollen fressen, was euch noch übrig und verschont geblieben ist von dem Hagel, und sollen die Bäume kahl fressen, die wieder sprossen auf dem Felde.“

Es war dann ein Ostwind, der die Heuschrecken nach Ägypten brachte. „Sie bedeckten den Erdboden so dicht, dass er ganz dunkel wurde... und ließen nichts übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland.“ Und so wie in biblischer Zeit trägt noch heute der Wind die riesigen Schwärme über den afrikanischen Kontinent und in den Nahen Osten bis nach Pakistan.

Die Bilder damals müssen denen geglichen haben, die im vergangenen Jahr aus Dörfern im Senegal, Tschad und Mali zu sehen waren: Männer und Frauen, die in brütender Hitze versuchen, noch flugunfähige Hüpfer aufzuscheuchen, in eigens dafür ausgehobene Gräben zu treiben und zu töten, ehe sie sich vermehren.

Im Alten Testament wird die Furcht vor Heuschrecken an vielen Stellen beschrieben. Zugleich bestaunt man ihre Nachkommenschaft, diese unüberschaubare Masse: „Denn sie kamen herauf mit ihrem Vieh und ihren Zelten wie eine große Menge Heuschrecken, so dass weder sie noch ihre Kamele zu zählen waren“, heißt es etwa im Buch der Richter.

Wenn die Insekten schlüpfen, sind sie nur so groß wie ein Daumennagel. Sie durchlaufen fünf Larvenstadien, erreichen dann die Länge eines Zeigefingers, haben erste Ansätze von Flügeln und hüpfen in größeren Gruppen umher. Diese Hopper verwandeln sich nach ihrer Häutung in geflügelte Insekten.

„Wanderheuschrecken sind Allesfresser“, sagt Bernhard Ronacher, Zoologe an der Berliner Humboldt-Universität. Sie vertilgen zwar in erster Linie Pflanzen, aber – wann immer sich die Möglichkeit bietet – schätzen sie proteinreiche Kost: „Tote Insekten, aber auch schon mal einen bereits verletzten Artgenossen.“

Wenn sie in Schwärmen losfliegen, steigt ihr Energieverbrauch enorm: Obschon sie stets mit dem Winde ziehen, brauchen fliegende Wanderheuschrecken 200-mMal mehr Energie als sitzende. Ihre Vorräte an Kohlenhydraten gehen daher rasch zur Neige. „Dann schalten sie auf den Fettstoffwechsel um“, sagt Ronacher. Fett ist ein leichter, guter Energieträger. „Heuschrecken haben richtige kleine Fettwülste.“ Das gespeicherte Fett verbrennen sie während des Fluges.

Nachts ist die Temperatur in Wüstengegenden so niedrig, dass die Tiere ruhig dasitzen. Am Morgen erreichen sie Betriebstemperatur und brechen auf zu neuen Weidegründen. Und jedes einzelne kann an einem Tag so viel fressen, wie es dem eigenen Körpergewicht entspricht.

Gegen plötzliche einfallende Heuschreckenschwärme sind die Bauern machtlos. Als die Gegend um Rom im Jahr 886 heimgesucht wurde, setzte man eine Prämie auf jedes tote Insekt aus. Die Bevölkerung sammelte Millionen Tiere, es half nichts. Dann besprengte Papst Stephan VI die Felder mit Weihwasser und – die Heuschrecken verschwanden, wie zeitgenössische Quellen berichten.

Auf ähnliche Katastrophen reagierte die katholische Kirche im Lauf der Jahrhunderte immer wieder mit eigenen Gesetzen. Heuschrecken wurden des Öfteren exkommuniziert, so etwa 1338 bei einer Heuschreckenplage in Tirol. Dass der kirchliche Urteilsspruch das Elend nicht gleich beendete, konnte nur in den Sünden der Anwohner begründet sein – und darin, dass sie ihre Abgaben nicht turnusmäßig zahlten.

Bis ins 19.Jahrhundert blieb den Betroffenen nichts als die Hoffnung, dass die riesigen Populationen irgendwann von selbst wieder zurückgehen würden. Im 20.Jahrhundert bekämpfte man Heuschreckenschwärme dann immer häufiger mit Gift. Und zunehmend in internationaler Zusammenarbeit.

Mitarbeiter der Welternährungsorganisation versuchen heute, die Entstehung großer Schwärme vorherzusagen, um früh und gezielt einzugreifen. „Aber es gibt immer wieder genügend Schwärme, die unerkannt bleiben“, sagt der Heuschreckenexperte Hans-Jörg Ferenz von der Universität Halle. Sind bereits große Schwärme da, hilft nur noch die chemische Keule: Insektizide, die von Flugzeugen oder Lkws aus versprüht werden. „Aber solche Insektizide wirken nicht nur auf die Heuschrecken, sondern auf alle Insekten“, sagt Ferenz. „Sie verursachen große Schäden im gesamten Ökosystem.“

Alternativen sind rar. Frithjof Voss, ehemals Leiter des Instituts für Geografie in Berlin, hat ein modernes Elektrogerät zur Bekämpfung von Heuschrecken entwickelt: Der Bauer fährt ein vier Meter langes, elektrisch aufgeladenes Metallgitter über die Felder. Die Vibrationen in den Aluminiumstäben schrecken die Insekten auf. Sie bekommen am Gitter einen Spannungsstoß von mehreren 1000 Volt und sterben sofort.

Auf kleinen Flächen hat diese Methode durchaus Vorteile. „Aber dort, wo viele Heuschrecken vorkommen, im Buschland mit seinen großen Pflanzen, kann man solche Gitter nicht leicht einsetzen“, sagt Ferenz. Er und sein Team studieren die Duftstoffe der Tiere, um sie dereinst gegen die Insekten einsetzen zu können.

Weiter vorangekommen ist ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, in dem Ralf Peveling viele Jahre geforscht hat. Die umweltverträgliche Methode basiert auf einem Pilz, Metarhizium anisopliae, der die Heuschrecken tötet. Das Mittel wird „gerade in diesen Tagen in Algerien getestet“, sagt Peveling, ausgereift ist das Verfahren noch nicht. Im Ernstfall werden wieder nur Wind und Wetter helfen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar