Zeitung Heute : Ohne Filter

Bis zur Geiselnahme in Moskau wurde die Russland-kritische Seite kavkaz.org geduldet. Nun ist sie offline

Antje Kraschinski

Als die tschetschenischen Rebellen am vergangenen Mittwochabend in ein Moskauer Musicaltheater eindrangen und über 700 Geiseln nahmen, warteten sie nicht darauf, dass anreisende Journalisten mit Kameras und Mikrofonen die Weltöffentlichkeit informierten. Per Laptop und Handy setzte sich der Kommandant der Terrorgruppe als erstes mit dem Kavkaz-Center in Verbindung, nach eigenem Bekunden eine „unabhängige, tschetschenisch-islamische Internetagentur“ mit Websites in russischer, englischer und arabischer Sprache. Wenig später konnte man im weltweiten Netz lesen, was die zum Tode bereiten Terroristen für das Leben ihrer Geiseln forderten – ungefiltert und unzensiert, alle halbe Stunde aktualisiert.

Die Website „kavkaz.org“ (kavkaz heißt Kaukasus) informiert seit über zwei Jahren über den Konflikt in der Kaukasusrepublik. Neben Nachrichten aus dem Land mit täglichen Berichten über das Kriegsgeschehen fungiert die Website auch als Sprachrohr der terrorbereiten Mudschahedin und ruft unverhohlen zum blutigen Krieg gegen die russischen Besatzer auf. Brutale Fotos und Videos, Portraits von Osama Bin Laden und tschetschenischen Generälen, Bilder von russischen Gefangenen, einseitige Berichterstattung über Reaktionen aus dem Ausland – die Website betreibt zum Teil reine Kriegspropaganda. Für die tschetschenische Bevölkerung ist sie allerdings eins der wenigen Medien, die überhaupt aus ihrer Perspektive über den Krieg berichten. Das ganze Land ist militärische Sperrzone, Journalisten haben kaum Möglichkeiten, überhaupt ins Land zu gelangen, geschweige denn kritisch über die Methoden des russischen Militärs zu berichten.

Die Nähe zu den islamistischen Terroristen von Al Quaida und die offene Unterstützung der Moskauer Geiselnehmer ist dem Kavkaz-Center nun zum Verhängnis geworden. Seit Montagabend ist die Website abgeschaltet, in elf Sprachen wird lediglich kurz mitgeteilt: „Diese Seite ist zur Zeit im Bau.“ Zwar wurde die Seite von einem Server in USA aus betrieben und lag damit außerhalb des Zugriffs russischer Zensoren, aber es gibt bereits Spekulationen, dass die amerikanischen Kollegen – nach den Anschlägen vom 11. September ohnehin bemüht, alle terrorverdächtigen Websites zu schließen – dabei Amtshilfe geleistet hätten.

Terroristen von Al Quaida und Hamas, Hassprediger aus dem rechtsradikalen Spektrum und Holocaust-Leugner, Spinner und Anhänger absurder Verschwörungstheorien – sie haben das schwer kontrollierbare Medium Internet in den letzten Jahren immer wieder zum Planungs- und Indoktrinationsinstrument pervertiert. Trotzdem bleibt das World Wide Web weiter Sprachrohr für unterdrückte Minderheiten und oppositionelle Bewegungen, die im eigenen Land unter Repressalien und Zensur leiden. Dazu ist es eine kostengünstige Möglichkeit, weltweit über innenpolitische Verhältnisse zu berichten, Nachrichten auszutauschen, Solidaritätsaktionen zu organisieren.

Oft dauert es trotz erzeugtem Informationsdruck Jahrzehnte, bis sich im eigenen Land die Verhältnisse ändern, Kriege und Besetzungen beendet, Militärjuntas abgesetzt oder Diktatoren vertrieben werden. So hatten zum Beispiel englische Frauenrechtsorganisationen regelmäßig weltweit E-Mails verschickt, die über die Situation afghanischer Frauen informierten, lange bevor sich die Medien im Zuge des US-Krieges gegen die Taliban plötzlich für die Menschenrechtsverletzungen in dem Land interessierten.

Auch die Opposition in Burma kämpft seit über zehn Jahren gegen die Militärjunta. Als Mitte der 90er Jahre per Internet die Kampagne „Free Burma“ begann und zum Boykott gegen amerikanische und europäische Firmen aufgerufen wurde, die in Burma vertreten waren, führte der erhöhte öffentliche Druck auf die Militärs zwar nicht zu Verbesserungen im Land. Aber mittlerweile werden Investitionen amerikanischer Firmen in Burma sanktioniert, Japan hat seine Entwicklungshilfegelder gesperrt und auch die EU führt Sanktionen gegen Burma durch.

Ein weiteres Beispiel, wie eine Rebellenbewegung per Internet für ihre Ziele internationale Aufmerksamkeit erreicht, sind die mexikanischen Zapatisten. Rund 2000 bewaffnete Dschungelkämpfer besetzten am 1. Januar 1994 mehrere Städte der Region Chiapas, um die Regierung unter Druck zu setzen. Ihre Forderung nach Abschaffung des eben in Kraft getretenen Handelsabkommen rief die Unterstützung einer internationalen Info-Elite auf den Plan, die mit zahlreichen Solidaritätswebsites, Newsgroups und Mailinglisten auf die Missstände aufmerksam machten.

Wer hingegen hinter den Seiten von kavkaz.org steht, ist fraglich. Registriert war die Adresse auf den Namen eines Exil-Bosniers. Vermutet wurde aber, dass der selbst ernannte tschetschenische Informationsminister Mawladi Udogov dafür verantwortlich ist. Die tschetschenischen Verhältnisse bleiben unklar, auch im Internet.

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