Zeitung Heute : Ohne Fingerspitzengefühl

ERIC BONSE

PARIS . Muß man Angst vor Deutschland haben? Diese Frage, die noch vor fünf Jahren verständnisloses Kopfschütteln ausgelöst hätte, ist in Frankreich wieder en vogue. Zwar fürchtet sich im Ernst kein Franzose vor dem "nächsten Krieg mit Deutschland", den ein französischer Buch-Bestseller provozierend androht. Auch die vielzitierte "Berliner Republik" bereitet niemandem schlaflose Nächte. Selbst die wirtschaftliche Übermacht Deutschlands hat angesichts der schwächelnden Konjunktur an Schrecken verloren.Dennoch ist das Unbehagen über Deutschland in Paris mit Händen zu greifen. Es bezieht sich nicht mehr auf die Vergangenheit, den Zweiten Weltkrieg und die bösen "Boches". Es hat auch nichts mit Vorurteilen über das unwägbare "deutsche Wesen" zu tun. Das neue Unbehagen bezieht sich auf die Zukunft, und es speist sich aus handfesten aktuellen Problemen. Um es auf einen griffigen Nenner zu bringen: Die Franzosen haben Angst davor, daß die Deutschen ihnen den Rücken kehren und Europa allein vollenden könnten.Anzeichen für Bonner Alleingänge und eine "gewisse Arroganz" (Le Figaro) gibt es aus Pariser Sicht schon seit der Wiedervereinigung. Doch seit dem Regierungswechsel im Herbst haben sie sich derart gehäuft, daß nicht mehr nur von den üblichen "Irritationen" und "Mißverständnissen" die Rede ist. Das böse Wort vom "deutschen Verrat" macht die Runde, und die Liste der Beispiele ist lang: Sie reicht vom brüsken Ausstieg aus der nuklearen Wiederaufarbeitung im französischen La Hague über die einseitige Kündigung der Zusammenarbeit mit France Télécom bis hin zum plumpen Bonner Versuch, die Sanierung der EU-Finanzen auf dem Rücken der französischen Bauern auszutragen.Diese unfreundlichen Akte wären nur halb so schlimm, wenn sie wenigstens diplomatisch verpackt worden wären. Doch die neue Regierung scheint es geradezu darauf anzulegen, Paris zu brüskieren. Unvergessen ist nicht nur der unverschämte Auftritt von Umweltminister Trittin an der Seine. Unvergessen sind auch die waghalsigen Manöver von Bundeskanzler Schröder. Mit seinem naßforschen Auftritt im EU-Finanzstreit ("Ich bin nicht der französische Bauernpräsident") brachte er Staatschef Chirac in Rage. Und mit dem Blair-Schröder-Papier zur Wirtschaftspolitik stellte er Premierminister Jospin bloß. Das Papier wird in Paris als Vorbote einer neuen "Achse Berlin-London" gewertet. Es wird auch als Kampfansage an das "soziale Europa" begriffen, das sich Chirac und Jospin auf ihre Fahnen geschrieben haben.Vor diesem Hintergrund kam der Paris-Besuch von Bundespräsident Johannes Rau gerade zur rechten Zeit. Rau genießt in Frankreich den Ruf eines sozial engagierten Politikers, der über den Niederungen der Tagespolitik steht. Er wird als diplomatischer Gegenspieler zum oft ruppigen Kanzler gesehen. Präsident Chirac und Premier Jospin hoffen, zu Rau jenen herzlichen und verständnisvollen Kontakt aufbauen zu können, der mit Schröder nicht gelingen will. Daß der Bundespräsident zu seinem ersten Auslandsbesuch demonstrativ nach Frankreich kam, gilt als gutes Omen.Allerdings macht man sich in Paris keine Illusionen: "Bruder Johannes" kann keine Wunder wirken. Der Bundespräsident mag das soziale Gewissen Deutschlands verkörpern, eine Trendwende im Bundeskanzleramt wird er nicht herbeiführen. Die Angst vor einem "deutschen Europa" dürfte sogar noch zunehmen, wenn die ersten Entscheidungen zur EU-Erweiterung fällig werden. Schröder muß endlich ein Mindestmaß an Fingerspitzengefühl beweisen, wenn er keine deutsch-französische Blockade riskieren will.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben