Zeitung Heute : „Ohne Frieden kein Fortschritt“

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Die G8-Staaten wollen bis 2010 die Entwicklungshilfe für Afrika verdoppeln. Herr Githongo, benötigt Afrika vor allem Geld?

Was Afrika wirklich braucht, ist eine Öffnung der Märkte in den Industrieländern für unsere Produkte. Das würde den Afrikanern helfen, sich selbst zu helfen. Aber für die schweren Krisen wie die Aidsepidemie, die Malariabekämpfung oder die Ausstattung und Bezahlung von afrikanischen Friedenstruppen braucht der Kontinent auch mehr Geld. Denn ohne Frieden kann es keinen Fortschritt geben.

Wenn viel mehr Geld nach Afrika fließt, steigt das Risiko, dass damit korrupte Regierungen gestärkt werden.

Korruption untergräbt das Vertrauen in die demokratischen Institutionen. Und damit erreicht die Hilfe aus den Industrieländern im schlimmsten Fall das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Wenn Hilfe fließt, die nicht bei den Menschen ankommt, führt das langfristig zu einer Destabilisierung von Staaten.

Was tut Afrika selbst dagegen?

Viele Länder haben begonnen, ihre Regierungsführung gegenseitig zu überprüfen. Dieser Mechanismus ist das wichtigste Instrument, das wir haben. Dass es bei den Kontrollen auch Konflikte gibt, ist gut. Ich wäre misstrauisch, wenn die Regierungen sich widerstandslos von anderen Staaten in ihre Bücher schauen lassen würden.

Sinkt das Vertrauen in die Demokratie?

Umfragen zeigen, dass die Afrikaner eine zynische Haltung gegenüber den Institutionen haben. Aber das heißt nicht, dass die Afrikaner ein anderes Regime befürworten. Sie wollen in funktionierenden Demokratien leben. Sie wünschen sich Freiheit und demokratische Rechte. Das sind auch die Werte, die die G-8-Staaten für Afrika attraktiv machen könnten.

Sie sagen könnten …

Mit dem Krieg im Irak und anderen Versuchen, die Werte der G 8 aggressiv in der Welt zu verbreiten, untergraben die G 8 ihre Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in demokratische Werte auch durch Korruptionsskandale, die es in Industriestaaten gibt, aber auch in Afrika, womöglich mit Mitteln aus Geberländern. Daher bin ich froh, dass die G 8 so viel Wert auf das Thema gute Regierungsführung legen.

Macht das China als Partner in Afrika noch attraktiver?

Für die afrikanischen Regierungen ist China ein willkommener Partner. Sie meinen, sich durch die Zusammenarbeit von Verpflichtungen für eine gute Regierungsführung befreien zu können. Die Chinesen wollen vor allem Afrikas Reichtum an Rohstoffen nutzen. Anders als bei den G 8 sind die finanziellen Hilfen aus China an keine Bedingungen geknüpft. Die G-8Gelder hingegen gehen entweder an Hilfsprojekte oder es muss transparent gemacht werden, wofür sie verwendet wurden. Dadurch fühlen sich viele Afrikaner von den Industrieländern bevormundet.

John Githongo (41) hat von 2002-2004 Kenias Präsidenten im Bereich gute Regierungsführung beraten. Nachdem er einen großen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte, floh er nach London. Mit ihm sprach Dagmar Dehmer.

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