Zeitung Heute : Ohne Intel-Chips und Microsoft-Programme: Drei Linux-Wichtel gegen die Wintel-Allianz

Detlef Borchers

Während der Prozess um das Mircrosoft-Monopol nun offenbar doch zuerst vor dem Berufungsgericht verhandelt wird, verkünden drei amerikanische Firmen, wie sie das Wintel-Monopol knacken wollen. "Wintel" steht für die Kombination von Windows-Software und Intel-Prozessoren, die 80 Prozent des aktuellen PC-Marktes stellt. Der Computerbauer Gateway geht eine Allianz mit America Online ein und will zum Herbst ein billiges "Webpad" herausbringen, mit dem im Internet gesurft werden kann. Dieses Webpad wird ein handlicher Computer mit berührungsempfindlichem Bildschirm sein, wie bereits von Mitsubishi und National Semiconductors zur Ausrüstung von Internet Homes vorgestellt.

Im Unterschied zu den existierenden Webpads setzen Gateway und AOL von Anfang an auf eine Technik, die nichts mit klassischen Computern gemein hat: Der Prozessor ihres Webpads wird von dem kalifornischen Newcomer Transmeta geliefert, der mit seinen Crusoe-Chips Intel den Kampf erklärt hat. Das Betriebssystem wird eine spezielle Linux-Variante sein, die vom Linux-"Vater" und Transmeta-Ingenieur Linus Torvalds konzipiert wird. Die Benutzerführung des Internet-Geräts soll schließlich von der AOL-Tochter Netscape geliefert werden. Dort bastelt man unter dem Codenamen Gecko seit geraumer Zeit an einem Internet-Browser der nächsten Generation. Gecko soll mit einer besonders schnellen Grafikdarstellung die lästigen Wartezeiten im World Wide Wait abkürzen.

Gateway und AOL möchten mit ihrem Webpad einen Massenmarkt erobern. Passend zur Vorstellung der Pläne erschien eine Studie der Dataquest-Marktforscher. Sie prognostiziert, dass derzeit 40 Millionen Amerikaner am liebsten fernsehen, wenn sie surfen. 55 Millionen dieser Zwitter sollen es im nächsten Jahr sein. Dabei erklärte das Gros der Befragten, am liebsten mit einem Gerät beide Dinge erledigen zu können. Das Webpad soll diesen Wunsch erfüllen: es soll als höchst intelligente Tastatur mit einem Fernseher oder Settop-Box harmonieren.

Europa steht 2001 auf dem Plan

Der Verkauf des Surfbretts soll über die Kette der Gateway-Läden und bekannter Technik-Supermärkte erfolgen. Im Internet wird AOL selbst über seinen Online-Dienst und mit seinen zahlreichen bekannten Web-Angeboten die Werbetrommel rühren. Auch die Ressourcen von Time Warner sollen für den Webpad genutzt werden. Ist das Konzept im kommenden Weihnachtsgeschäft erfolgreich, so will man im nächsten Jahr Europa ins Visier nehmen.

Obwohl der Rechner ohne Zahlung von Lizenzgebühren an Microsoft und Intel produziert werden kann, ist er nicht gerade billig. Kalkuliert wird derzeit mit einem Verkaufspreis von 500 Dollar, in Abgrenzung zu Komplett-PCs, die bei 800 Dollar anfangen. Das Webpad von Gateway und AOL würde damit zur Luxusklasse unter den Haushaltswaren aufsteigen. Marktanalysten schätzen, dass ein Kampfpreis um 200 Dollar möglich sein könnte, der den Markt für Webpads in Schwung bringen würde. Die bemerkenswerten technischen Details des tragbaren Internet-Tabletts dürften im Massenmarkt keine große Rolle spielen.

Premiere auf der "PC-Expo"

Computerkenner sind indes auf die Vorstellung des Gerätes gespannt, das auf der "PC-Expo" in New York noch diesen Monat Premiere feiern soll. Begleitet wird diese Premiere von Ankündigungen bekannter Softwareproduzenten, Programme für den Webpad zu entwickeln. Spektakulär ist jedoch nicht die Software, sondern die Hardware: der von Transmeta entwickelte Crusoe-Prozessor (er wird von IBM hergestellt) arbeitet mit 1 Watt und erlaubt damit ein Design, das ohne störenden Lüfter, ohne wuchtige Kühlkörper auskommt, die andere Computertabletts aufschwemmen. Ohne lästiges Netzteil könnte der Webpad wie ein DECT-Telefon den ganzen Tag durchalten und müsste nur nachts an die Stromdose. Zum Surfen ist freilich noch eine Kabelverbindung notwendig, eine komplett drahtlose Maschine soll erst in der zweiten Generation kommen. Schließlich hat Transmeta eine Technik patentiert, die die Arbeitsweise von Intel-Prozessoren "emuliert". Wenn der Anwender es wünscht, könnte er Windows oder Windows-Software auf dem Gerät installieren.

Das soll freilich nicht einmal im äußersten Notfall wünschenswert sein, hoffen die Linux-Fans. Für sie wird das Webpad von Gateway und AOL zum spannenden Testfall, ob sich ein speziell für Techniker entwickelte Betriebssystem mit einem nutzerfreundlichen Mantel so darstellen kann, dass jedermann mit dem Rechner arbeiten kann. Alles soll einfacher und schneller als unter Windows sein. Für diesen ersten großen Schritt in den Massenmarkt müssen die Linux-Programmierer, die Freunde der quelloffenen, frei modifizierbaren Software freilich eine dicke Kröte schlucken: der Internet-Zugang erfolgt über die geschlossene, proprietäre Software von AOL und führt zunächst in die geschlossene Welt von AOL. Aus diesem Grunde regt sich in der freien Programmiererszene bereits der Widerstand gegen das Projekt von AOL und Gateway. "Im Vergleich zur Kombination von Gateway, AOL und Transmeta wird uns das Wintel-Imperium von Microsoft und Intel eines Tages noch sanft wie die heilige Mutter Theresa in der Erinnerung erscheinen", unkte ein Kommentator in Slashdot, einem Forum freier Programmierer.

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