Zeitung Heute : Ohne jede Gnade

Laut UN findet im Kongo die größte Katastrophe der Gegenwart statt. Zwei Kinder haben sie vorerst überlebt

Carsten Stormer[Tche]

Das neue Leben der Kinder beginnt damit, das alte zu vergessen. Das Ende des alten verlief so: Kaba ist seit Stunden auf der Flucht. Ob seine kleine Schwester lebt, weiß er nicht, er hat sie bei dem Angriff auf sein Dorf aus den Augen verloren. Aber er kennt das Schicksal seiner Eltern.

Die Mutter wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen und mit einer Machete in Stücke gehackt, dem Vater wurde die Kehle durchgeschnitten. Die Mörder sahen den zitternden Jungen nicht, der sich halb tot vor Angst in einen Winkel der Hütte presste. Als sie die Hütte verließen, versteckte sich Kaba unter dem sterbenden Vater. Das Blut lief über ihn und verkrustete langsam auf seiner Haut und seinen Kleidern. Kaba ist 14 Jahre alt.

Onarin ist sieben. Als die Schüsse fielen und die ersten Menschen getroffen zu Boden sanken, blieb sie stehen und begann zu schreien. Sie hörte Schreie aus der Hütte – es waren die Schreie von Vater und Bruder. Die Mutter lag blutüberströmt davor. Ein Mann rannte auf das schreiende Kind zu, hob es auf und lief mit ihm in den Busch – in Sicherheit. Onarin ist Kabas Schwester.

Am Morgen des 27. Januar war der Tod nach Kawa gekommen. 34 Menschen starben an diesem Tag. Das Dorf ist zerstört, das Vieh gestohlen, die Hütten sind niedergebrannt. Kaba kroch unter dem leblosen Körper seines Vaters hervor, sprang über Leichen und Körperteile, rannte ebenfalls in den Busch, wusch sich an einem Bach das Blut ab. Nach Stunden hörte er Stimmen.

Die Demokratische Republik Kongo, es regnet seit Tagen in Strömen. Eine Schlammwelle schießt durch die Unterkunft aus grünen Plastikplanen, sie schwemmt menschliche Abfälle herein. Es ist kalt in den Bergen. Onarin, Kaba und Dundu – ein Nachbar aus Kawa und der Retter der beiden – sitzen dicht aneinander gedrängt. Die drei haben im Flüchtlingslager Tche Zuflucht gefunden, 65 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Bunia. 23000 Vertriebene werden von pakistanischen und nepalesischen UN-Soldaten bewacht. Auf den Hügeln, die das Lager umgeben, stehen ihre Panzer und Maschinengewehre. Noch.

Die Geschwister gehören zum Stamm der Hema, die Mörder zum Stamm der Lendu. Kriege zwischen den Stämmen haben so etwas wie eine uralte Tradition in Ituri, der umkämpften Region im Osten des Landes. Laut den Vereinten Nationen findet hier die größte Katastrophe der Gegenwart statt. 50000 Menschen sollen in den letzten fünf Jahren ums Leben gekommen sein. 85000 Menschen sind auf der Flucht. 16000 Soldaten, Polizisten und Zivilisten der UN befinden sich im Kongo – es ist deren größte Friedensmission.

Ituri wird von bewaffneten Milizengruppen, unter anderem denen von Lendu und Hema, und abtrünnigen Regierungssoldaten kontrolliert. Sie profitieren von illegalen Steuereinnahmen und dem Abbau von Gold und Coltan, einem Eisenerz, das für den Bau von Mobiltelefonen benötigt wird.

Onarins Haar ist verfilzt, und die Kopfhaut schuppt sich unter einer Schmutzschicht. Sie hat einen Verband an der linken Wange. Sie spricht kaum. Kaba trägt ein schlammverschmutztes T-Shirt mit der Trickfilmfigur Bart Simpson darauf. Es ist das einzig Fröhliche an dem Jungen.

Die Stimmen kamen langsam näher damals im Wald. Eine davon kam Kaba bekannt vor. Sie gehörte Dundu, dem Nachbarn, und Dundu hielt Onarin an der Hand. Im Busch trafen sie auf weitere Überlebende.

Am siebten Tag im Wald, die Regenzeit hatte begonnen, griffen um neun Uhr abends die Lendu zum zweiten Mal an. Alte, Verwundete und Kinder gehörten zu den ersten Opfern – sie wurden mit Macheten niedergemacht. Kein Schuss fiel, keine Kugel wurde an die Wehrlosen verschwendet. Wieder mussten die Geschwister um ihr Leben laufen. Lendu-Milizen griffen sie auf und hieben mit Macheten auf ihre Köpfe ein.

Onarins Wunde reicht vom linken Mundwinkel bis zum Ohr, Kabas vom Hinterkopf bis zur rechten Schläfe. Die Milizionäre ließen die Kinder liegen. Beide verloren Blut, beide überlebten. Auch Dundu. Sie konnten sich bis nach Kafe durchschlagen. Eine Nacht lang liefen sie durch den Busch. Auf die Wege wagten sie sich nicht. In Kafe sind UN-Truppen aus Bangladesch stationiert. Die Wunden der Kinder wurden versorgt.

Als die Nachricht von den Massakern die Provinzhauptstadt Bunia erreicht, entschließen sich die UN zum Handeln. Am 29. Januar werden pakistanische Soldaten von einem Hubschrauber in der Region abgesetzt. Ihnen bietet sich folgendes Bild: Die Hema-Bevölkerung ist auf der Flucht. Fast alle Dörfer sind niedergebrannt und geplündert. Überall liegen die Leichen Ermordeter. In den noch rauchenden Ruinen finden die Soldaten die Überreste verbrannter Kinder.

Während Kaba und Onarin in Kafe behandelt werden, greifen pakistanische UN-Soldaten die Lendu-Miliz an. Zur gleichen Zeit wird Tche, das Flüchtlingslager, aufgebaut. Auch Onarin, Kaba und Dundu treffen hier ein. Die Vereinten Nationen setzen den Milizen ein Ultimatum: Sollten sie nicht ihre Waffen abgeben, wird die UN auch weiter mit Gewalt gegen sie vorgehen.

Die Drohung zeigt Wirkung. Täglich liefern hunderte Kämpfer, hauptsächlich Kinder, ihre Gewehre ab. Drei Viertel aller Milizionäre sollen inzwischen entwaffnet sein. Die UN hoffen auf Frieden, und die pakistanischen Soldaten machen sich bereit, Tche zu verlassen.

Die Blauhelme verlassen das Flüchtlingslager im Morgengrauen und übergeben es an die kongolesische Armee. Hunderte versammeln sich an der Schlammpiste, die nach Bunia führt. Den meisten steht die Angst ins Gesicht geschrieben, viele haben Tränen in den Augen. „Bitte nicht fortgehen“, schreit ein Junge und klammert sich an einen Soldaten. „Wir haben Befehl…, die Lage ist doch jetzt ruhig“, stammelt der Soldat. Von den Kämpfen weiter im Süden, wo UN-Truppen gegen Milizen vorgehen, die sich nicht entwaffnen lassen wollen, sagt er nichts.

Dundu sitzt vor dem Zelt und hält die Kinder in seinen Armen. Das Licht der untergehenden Sonne lässt das Grün der Berge dunkel leuchten. Er sieht besorgt aus. Die Lendu haben den Hema eine Warnung zukommen lassen: Sie brauchen keine Kalaschnikows. Macheten können genauso effektiv sein – sobald die UN- Truppen die Gegend verlassen haben. Die Flüchtlinge ahnen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Morden weitergeht.

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