Zeitung Heute : Ohne Job und dennoch voll beschäftigt

Der Tagesspiegel

Von Juliane Schäuble

Gerhard Menke sagt von sich, dass er die „typische Arbeitslosenkarriere“ durchlaufen hat. 22 Jahre lang hat der Berliner als ungelernter Arbeiter für eine Speisefettraffinerie gearbeitet, hat sich hochgearbeitet vom Hilfsarbeiter bis zum Produktionsvorarbeiter, bevor sein Job dann 1989 „wegrationalisiert“ wurde. Kurz darauf musste die Firma schließen. Als der Umweltschutz Anfang der neunziger Jahre wichtig wurde, ließ Gerhard Menke sich zum Ver- und Entsorger ausbilden. Aber auch hier fand er nach Abschluss seiner Lehre keine Anstellung. Er holte die Mittlere Reife nach und ließ sich zum Haustechniker umschulen, da alle Welt vom Bauboom in Berlin sprach. „Was ich aber nicht wusste, war, dass vorwiegend Ingenieure bis 35 gesucht wurden.“ Inzwischen war Gerhard Menke aber fast 50 – einen Job zu finden wurde zum fast aussichtslosen Unterfangen. Was tun? Er wollte weder zu Hause bleiben noch „wie die anderen Arbeitslosen in Wedding mit einer Dose Bier am nächsten Kiosk herumhängen“. Arbeiten musste er, notfalls eben auch ohne Bezahlung. Durch Zufall wurde er auf die Freiwilligenagentur „Treffpunkt Hilfsbereitschaft“ aufmerksam, die ihn an die „Freie Hilfe Berlin e.V.“ verwies. Seit drei Jahren arbeitet Gerhard Menke nun als Vollzugshelfer in der Jugendstrafanstalt Berlin. Er betreut in der Regel einen Jugendlichen bis zu dessen Entlassung, hilft ihm, den Kontakt zur Außenwelt nicht zu verlieren und beim Umgang mit den Behörden. Er erzählt von der Welt „da draußen“ und wie sie sich verändert hat. Zum Beispiel von den umgestellten Fahrkartenautomaten.

Bei der Kontaktherstellung hilft die Freie Hilfe, an die sich Inhaftierte wenden können, wenn sie Interesse an der Betreuung durch einen der momentan 120 ehrenamtlichen Helfer haben. Diese können sich dann eigenständig jemanden heraussuchen und mit ihm in Briefkontakt treten. Wenn der Häftling zustimmt, kommt es zu einem Treffen, bei dem sich beide erst einmal beschnuppern können. Fünf Jugendliche hat Gerhard Menke bisher betreut. Den Vorteil eines ehrenamtlichen Vollzugshelfers sieht er in der ihm auferlegten Schweigepflicht. „Dadurch, und weil ich nicht zum Knast gehöre, bauen die Jugendlichen Vertrauen auf.“ Und erzählen ihm von ihren privaten Sorgen und Problemen. „Es klappt nicht immer, einmal hat einer den Kontakt wieder abgebrochen.“ Aber in der Regel begleiten die Vollzugshelfer ihre Schützlinge ein bis zwei Jahre. Montags geht Gerhard Menke in die Strafanstalt. Aber auch den Rest der Woche beschäftigt ihn seine Arbeit, er sieht vieles in einem anderen Licht. Wie lange er das Ehrenamt noch ausüben wird, weiß er nicht. „Ich denke in ein paar Jahren werden mir die Kids schon empfehlen, doch eher im Altersheim zu arbeiten“, sagt er und lächelt. Er scheint seine Jugendlichen zu mögen, auch wenn ihm normalerweise keiner von ihnen für sein Engagement dankt. Zumindest nicht ausdrücklich. Aber manchmal merkt er doch, dass sie ihm dankbar sind. Dann zum Beispiel, wenn sie einen Kuchen für ihn backen oder daran, wie unterschiedlich ihr Händedruck bei der Verabschiedung ist.

Im Alltagsleben ist Gerhard Menke Langzeitarbeitsloser. Seit Inkrafttreten des Job-Aktiv-Gesetzes ist ihm ein Betreuer zugeordnet worden. Der sieht gute Chancen für eine Einstellung, auch wegen der erlernten Teamfähigkeit. Gerhard Menke ist gerade wieder auf der Suche nach Arbeit: Sein letzter Fall ist Ende Februar entlassen worden. Der nächste Jugendliche kommt bestimmt.

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