Zeitung Heute : Ohne Kruzifix

Der größte deutsche Bestatter, Ahorn-Grieneisen, hat seit zwölf Jahren eine islamische Abteilung. Das Geschäft läuft gut: Die Särge mit Koranversen werden sogar in die Türkei exportiert

Thomas Loy

Die weißen Leinentücher sind einige Kilo schwer. Beste Ware made in Germany für eine rituell vorbildlich gestaltete islamische Bestattung. Zusammen mit zwei Handtüchern, einem Päckchen Duftstoffe und den Schwämmen bilden sie das „Waschset“. Das gibt es so nur beim Berliner Unternehmen Ahorn-Grieneisen, einem der größten Bestatter in Deutschland.

Die „islamischen Särge“ hat sich Ahorn-Grieneisen sogar markenrechtlich schützen lassen. Auch aus der Türkei gibt es Anfragen für die Särge aus Kiefernholz mit den giebelförmigen Deckeln und den dekorativen Decken mit eingestickten Koranversen.

3,5 Millionen Muslime leben in Deutschland. Sie haben andere Gewohnheiten, kleiden sich anders, kaufen andere Produkte. Sie wollen, je nach Herkunftsland und Glaubensrichtung, auch anders bedient und behandelt werden, beim Bäcker, beim Frisör, im Krankenhaus oder im Seniorenheim. Das setzt sich fort, bis über den Tod hinaus.

Einige Bestattungsunternehmen haben sich auf diese Klientel spezialisiert. Ahorn-Grieneisen hat eigens eine „islamische Abteilung“ gegründet, um der wachsenden und alternden Gemeinde der Muslime ein Begräbnis gemäß ihrer Konfession und des Brauchtums anbieten zu können.

Volkan Coskun ist Direktor von „IkinciBahar“, der islamischen Abteilung von Ahorn-Grieneisen und zugleich der Marke, unter der Muslimen Bestattungen und Vorsorgepakete angeboten werden. Coskun stammt aus einer türkischen Familie, wurde in Ankara geboren, kam aber schon mit acht Monaten nach Deutschland.

Er spricht ein sehr gewähltes, fast aristokratisches Deutsch, Türkisch, Englisch und ein wenig Arabisch, trägt Nadelstreifenanzug, randlose Brille und Kevin-Kuranyi-Bart.

Anfang der 90er Jahre starb ein guter Freund von Coskun. Er kümmerte sich um die Beerdigung und merkte schnell, dass es kaum Möglichkeiten gab, einen Muslim nach den Regeln des Islam in Deutschland zu bestatten. Die rituelle Waschung musste im Krankenhaus improvisiert werden. „Es gab keine Leinentücher, keinen Sarg ohne Kruzifix, und der Imam kam drei Stunden zu spät.“ Auf einer Seniorenmesse – Coskun arbeitete damals als Journalist – berichtete er den Vorständen von Ahorn-Grieneisen von diesen Missständen. 1994 wurde IkinciBahar gegründet.

Früher kam es vor, erzählt Coskun, dass das Sozialamt für verstorbene mittellose Türken eine Feuerbestattung anordnete – ein Sakrileg. Auch im Bauch der Mutter verstorbene Frühchen müssen beerdigt werden.

Dafür lagern im Untergeschoss der Berliner Ahorn-Grieneisen- Zentrale in Westend kleine Särge, 60 Zentimeter lang. Nicht weit entfernt liegt eine Kopie des vergoldeten Sarges, mit dem ein Mitglied des saudischen Königshauses zu Grabe getragen wurde.

An das Sarglager schließt sich der Leichen-Kühlraum an. Eine Tür weiter ist der Raum für die rituelle Waschung, bis zur Decke weiß gekachelt, wegen der hygienischen Vorschriften. Die Waschung wird von speziell ausgebildeten Mitarbeitern vorgenommen. Nach der Tradition sollen Angehörige des gleichen Geschlechts den Leichnam waschen, aber auch in der islamischen Gemeinde wächst die Scham vor dem Tod.

Zwischen 120 und 150 islamische Beerdigungen organisiert Ahorn-Grieneisen jedes Jahr in Berlin. Wieviel es bundesweit sind, kann Coskun nicht sagen. Es gibt auch keine Zahlen über islamische Beerdigungen insgesamt, weil jeder Muslim, der die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, und jeder Deutsche, der zum Islam konvertiert, als konfessionslos geführt wird. Die islamischen Gemeinden sind anders als die christlichen Kirchen keine Körperschaften öffentlichen Rechts.

Für Muslime ist die Beerdigung eine wichtige Angelegenheit. Es gibt praktisch keine anonymen Bestattungen, weil der Familienverband meistens intakt ist und das Ansehen in der Gemeinde vom Einhalten der vorgeschriebenen Rituale abhängt. „Die Zahlungsmoral ist sehr gut“, sagt Coskun. Viele möchten gleich bar zahlen, auch das werde akzeptiert, obwohl es im Tagesgeschäft des Unternehmens nicht üblich ist.

Viele Muslime sind bereit, frühzeitig an den Tod zu denken und für das Sterben vorzusorgen. „Das Durchschnittsalter der IkinciBahar-Vorsorgekunden liegt bei 24,6 Jahren“, erzählt Coskun. Das rührt vor allem daher, dass gleich für die ganze Familie inklusive Kinder eine Versicherung abgeschlossen wird.

Weil im Islam Zinseinnahmen verboten sind, hat die „Islamische Gemeinde deutschsprachiger Muslime“ zusammen mit der Berliner Ideal-Versicherung, dem Mutterkonzern von Ahorn-Grieneisen, das „Beerdigungskollektiv“ erfunden. Gemeindemitglieder zahlen einen Betrag zwischen 25 und 70 Euro im Jahr und werden dafür nach ihren Wünschen bestattet.

Muslime sind für Bestatter eine interessante Kundengruppe in einem wachsenden Markt, ein „Zukunftsgeschäft“, sagt Coskun. Sein Ziel ist es, bis 2010 rund 20 000 Vorsorgeversicherungen für islamische Bestattungen abzuschließen.

Dabei muss sich Coskun mit unangenehmen Fällen auseinandersetzen. Etwa diesen: Eine alte Mutter ist unbemerkt gestorben. Um die Familienehre wiederherzustellen, wird eine Beerdigung gemäß den rituellen Vorschriften in Auftrag gegeben, obwohl der Leichnam schon halb verwest ist. Dann muss Coskun erklären, warum eine Waschung nicht mehr möglich ist. Die Würde des Verstorbenen kommt noch immer vor dem Wunsch des zahlenden Kunden.

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