Zeitung Heute : Ohne Moos geht’s los

Der Tagesspiegel

Sigrid Schöppe-Müller steht in der Nähe eines Kleiderständers. Mit professioneller Zurückhaltung beobachtet sie die Kundin und ist zur Stelle, als sie gerufen wird. Im Angebot sind ein paar Herrenhemden, Damen-Pullis und T-Shirts – das meiste aus zweiter Hand. Nichts, was man in einer Boutique teuer bezahlen würde. Aber hier, beim monatlichen Treffen des Kreuzberger Tauschrings, floriert das Geschäft. Die Frauen, die Sigrid Schöppe-Müller Sachen abnehmen, stellen ihr dafür Schecks im Wert von je 30 „Kreuzern“ aus. Die arbeitslose Bürokauffrau kann damit auf die ersehnten Reflexzonen-Massagen sparen.

Alternativ-Medizin, maßgeschneiderte Kleider, professionelle Hilfe beim Renovieren und im Haushalt, gar eine Köchin fürs stressfreie Familienfest? Für Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Rentner mit niedrigem Monatseinkommen und sonstige Geringverdienende sind solche Dienste eigentlich unerschwinglich, sagt die Mitbegründerin des Tauschringes Klara Brendle.

Damit das Motto „Ohne Moos geht’s los“ funktioniert, müssen sie nur ihre eigenen Fähigkeiten oder entbehrlichen Besitz in das Netz der lokalen, alternativen Ökonomie einbringen. Die funktioniert wie die gute alte Nachbarschaftshilfe, nur dass der Tausch nicht unter Zweien, sondern unter mittlerweile 300 Mitgliedern vonstatten geht.

Vor sieben Jahren waren die Kreuzberger die Ersten. Heute gibt es 20 Tauschringe in Berlin. Bundesweit sind es 200. Sie bieten mehr als geldwerte Leistungen für engagierte Einkommensschwache. Die Leute können sich ausprobieren: Nach der Shiatsu-Ausbildung üben sie die therapeutischen Griffe an geduldigen Nachbarn, beim Kinderhüten entdecken sie ihre soziale Ader. „Viele Mitglieder“, sagt Klara Brendle, „haben bei uns schon ein neues Berufsbild entwickelt.“ Für andere sei es enorm ermutigend, dass ihre eigene Leistung, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt wird, plötzlich doch begehrt ist.

Dazu kommt eine gleichermaßen hohe Wertschätzung für alle Qualifikationen, egal wie gut sie in der Volkswirtschaft da draußen bezahlt würden: Kartoffelpuffer-Braten in fremder Küche ist beim Tauschring genau so viel wert wie Computer-Coaching – 20 Kreuzer die Stunde.

Die gelernte Bürokauffrau Sigrid Schöppe-Müller ist seit drei Jahren arbeitslos. Ihr Wunsch, „etwas Kreatives zu machen“, sollte jeden Vermittler beim Arbeitsamt zur Verzweiflung bringen. Nicht so in Berlin. Die heute 51-Jährige konnte zwei Existenzgründer-Seminare besuchen. Jetzt ist es soweit: Schöppe-Müller eröffnet im März einen Laden für indische Mode und selbst entworfene Kleidung.

Dem Tauschring ist sie beigetreten, nachdem sie eine „schwierige Phase“ überwunden hatte. Scheidung, Streit um die Unterhaltskosten, Arbeitslosigkeit – irgendwann habe sie sich gesagt: „Jetzt will ich alleine zurechtkommen.“

In der einmal monatlich erscheinenden Tauschring-Zeitung „Straßenkreuzer“ veröffentlicht Sigrid Schöppe-Müller das Angebot, Kleider zu schneidern. Die große Nachfrage macht ihr Mut, den Traum vom eigenen Laden zu verwirklichen. Und beim sonntäglichen „Tausch-Rausch“, einem Flohmarkt mit angeschlossenem Basar-Café im Nachbarschaftshaus Urbanstraße, übt sie den Umgang mit nicht ganz so kritischen Kundinnen.

Der nächste „Tausch-Rausch“ mit Infos für Neulinge aus Kreuzberg beginnt am Sonntag, dem 24. März, um 14 Uhr (telefonische Nachfragen unter 692 2351). Amory Burchard

Tauschwillige aus anderen Bezirken finden ihr Forum im Internet unter:

www.tauschringe-berlin.de

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