Zeitung Heute : Ohne Moos nix los

SUSANNA NIEDER

"Für eine Existenzgründung braucht man einen Anzug und ein Konzept", sagt Karsten Voelker.Das stimmt natürlich nicht ganz.Wer keine Kontakte hat, dem nützt der schönste Anzug wenig, und ohne handfestes Know-how läßt sich kein vernünftiges Konzept erstellen.Voelker, Hauptinitiator und Geschäftsführer des seit vier Jahren heftig expandierenden Softwareverlags Tivola, hatte beides - erworben während seiner Tätigkeit im Bereich Privatisierung von Verlagen bei der Treuhand und anschließend als Geschäftsführer des Kinderbuchverlags Meisinger.

Was Voelker 1995 an Voraussetzungen für seine Existenzgründung nicht mitbrachte, steuerten die beiden anderen Gründungsmitglieder Barbara Landbeck und Mil Thierig bei - sie als Grafikerin und Computeranimateurin, er als Fernsehredakteur.Zusammen entwickelten die drei ehemaligen Schulkameraden (alle Jahrgang 1962) das Konzept für einen Verlag für interaktive Kindersoftware.Das Ausgangsproblem bestand darin, daß ein Softwareunternehmen in Urheber- und Nutzungsrechte, also in immaterielle Güter investiert, die banküblich nicht beleihungsfähig sind.In einer Branche, in der die Entwicklung eines Titels zwischen 200 000 Mark und 500 000 Mark kostet, mußte von einem Startkapital von rund fünf Millionen Mark ausgegangen werden.Da die Bank Eigenkapital verlangte, das nicht vorhanden war, zog Karsten Voelker seinen Anzug an, steckte das Konzept in seine Aktentasche und ging bei Privatleuten akquirieren.Offenbar hat er überzeugend gewirkt.Zunächst kam über eine Million Mark zusammen, bei einer zweiten Akquisitionsrunde schossen die bereits gewonnenen Gesellschafter noch einmal insgesamt eine Million zu.Dieses Vertrauen verlanlaßte schließlich auch die Banken, die Geschäftsanteile von Voelker, Landbeck und Thierig zu finanzieren.

Damit konnte es losgehen; im Januar 1995 wurde Tivola gegründet.Rückblickend hält Karsten Voelker die rund zehnmonatige Vorbereitungszeit für einen wesentlichen Baustein im Erfolg des Unternehmens.Die Grundlagen der inhaltlichen Ausrichtung, der Positionierung im Markt und der Gesellschafterstruktur des Verlags haben sich als ebenso tragfähig und sinnvoll erwiesen wie die frühzeitige Definition langfristiger Ziele.Tivola will ein führender Anbieter von Kindersoftware werden, und um diesen Weg weiterzuverfolgen, mußte zwei Jahre nach der Firmengründung die nächste Finanzierungsklippe umschifft werden.Voelker ist der Überzeugung, daß Tivola seine Investoren von einer weiteren Expansion nicht hätte überzeugen können, wären die Zielsetzungen der Verlagsleitung weniger klar umrissen gewesen.

"1997 war ein schwieriges Jahr für die Branche", berichtet er.Man hatte sich nach dem Boom von 1995 und 1996 zuviel von dem neuen Markt versprochen, der noch zu jung war für die große Menge an angebotenen Produkten.Doch während andere Anbieter sich zurückzogen, entschloß sich Tivola, "die Ellenbogen breitzumachen".Trotz eines Wachstums von 80 Prozent im Kerngeschäft konnte der Verlag diesen Schritt nicht aus eigener Kraft finanzieren, denn für die angestrebten neuen Produktionen wurde erhebliches Kapital gebraucht.Die Hausbank machte einen Rückzieher; neben der Berliner Investitionsbank stellten vor allem wieder die Gesellschafter, zu deren Kreis die britische venture capital-Gesellschaft 3i Group stieß, die nötigen Mittel zur Verfügung.

"Venture capital ist im angelsächsischen Bereich ein völlig übliches Instrument zur Finanzierung von Wachstumsunternehmen", erklärt Voelker.Die 3i Group gibt es seit 1945; die drei "i" stehen für investing in industry.In Deutschland ist 3i erst seit 1996 aktiv.Ein solches Unternehmen lebt davon, daß es in zukunftsträchtige Firmen investiert; sein Erfolg hängt ab von der Qualität der Projekte, in die Geld gesteckt wird.Das Prinzip ist im Grunde genommen dasselbe, nach dem auch Tivolas private Gesellschafter handeln.

Die Investition lohnte sich, bereits im folgenden Jahr 1998 belief sich das Wachstum von Tivola auf über 300 Prozent.Mittlerweile beschäftigt der Verlag 25 Mitarbeiter und bietet neben 37 Software-Titeln Bücher und Plüschtiere an; weitere Produkte sind in Vorbereitung.International agiert Tivola über ein Tochterunternehmen in Großbritannien und Vertragspartnerschaften in Europa und Asien.

Der nächste Schritt wäre der Sprung über den Atlantik."Da sind wir vorsichtig", sagt Voelker."In den USA gibt es erhebliche Konkurrenz, außerdem wird dort mit enormen Geldsummen gearbeitet." Um in den USA Erfolg zu haben, muß man die richtige Gelegenheit abwarten und geeignete Partner finden.Das könnte offenbar bereits geschehen sein, aber spruchreif ist noch nichts.Denn: "Die Herausforderung, alle Wachstumspotentiale wahrzunehmen und uns gegen die internationale Konkurrenz zu behaupten, ist mindestens so groß wie die der Gründung und des Aufbaus."

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