Zeitung Heute : Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum!

Von Esther Kogelboom

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Neulich hatte ich einen Einfall. Man müsste mal wieder etwas von Grund auf lernen, Algebra oder ein Instrument.

Ich hatte den Einfall, als ich einen alten Schulfreund besuchte. Er wohnte in einem sehr schönen Haus, in einem Zimmer stand ein Klavier. „Spiel doch mal was“, sagte ich. Mein alter Schulfreund, der Musik studiert hatte, lachte. Er machte ein übertrieben dramatisches Gesicht, als er die ersten Töne von „New York State of Mind“ anstimmte. Ich weinte innerlich. Und mir fiel auf, was mir gefehlt hatte: Musik. Algebra jetzt nicht so.

Meine Plattensammlung bestand bis zu diesem Zeitpunkt aus den 60ern, den 70ern und dem besten von heute. Sie brauchte dringend Auffrischung. Meine Freundin empfahl die Band We are Scientists. Ich gehorchte.

Beim nächsten Besuch auf der Seite eines Internetversandhandels leuchtete mir folgender Satz entgegen: „Kunden, die We are Scientists gekauft haben, interessieren sich auch für The Strokes, The Feeling, The Editors, The Bravery, The Rakes, The Futureheads, The Libertines, The Rifles und The Magic Numbers.“

Ich bestellte eine kleine Auswahl per Übernachtkurier, und schon nach kürzester Zeit bildete ich mir ein, die Bands auseinanderhalten zu können. Ich besuchte ihre Konzerte. Dann kaufte ich mir an einem sonnigen Samstag in Schöneberg eine Gitarre, ein elektrisches Stimmgerät und eine Spielanleitung für Kinder. Der Verkäufer sagte: „So wie du aussiehst, brauchst du eine Westerngitarre mit Stahlseiten.“

Nach einer Woche hingen mir Hautfetzen von den Fingerkuppen der linken Hand, und ich konnte fünf Akkorde spielen. Ein ungeheures Gefühl der Befriedigung erfüllte mich. Ich stellte meinen Lebensrhythmus total auf Rock’n’Roll um, vereinsamte zunehmend. Selbst meine Freundin wandte sich von mir ab, nachdem ich ihr in der Küche ein paar Takte vorgespielt und sie wieder und wieder zum Mitsingen aufgefordert hatte. Ich stellte mich auf den Balkon und rief: „Berlin, can you hear me?“ Aber niemand antwortete. Niemand.

Gestern Nacht habe ich geträumt, dass ich einen Anruf bekomme. „Hi, hier ist die Tanja von Universal Music. Mick wäre jetzt so weit.“ – „Wie, Mick?“ – „Wir haben dir zwei Stunden für ein Interview mit Mick Jagger freigeschaufelt.“

Mick Jagger wartete in einem Strandkorb in den Katakomben des Olympiastadions auf mich. Er trug eine Hose und ein Hemd aus Butterbrotpapier. Ich hatte keine Ahnung, was ich ihn fragen sollte. Erstens war ich (anders als sonst) überhaupt nicht vorbereitet, und zweitens versuchte er immer wieder, mich während des Gesprächs sugardaddymäßig auf seinen Schoß zu ziehen, und drittens begann er ab und zu unvermittelt damit, „Wild Horses“ zu singen. Als die zwei Stunden endlich vorbei waren, kam Tanja von Universal Music und sagte: „Ok, du hast Glück. Charlie Watts hat auch noch mal zwei Stunden Zeit.“ Da bin ich schweißgebadet und mit der festen Überzeugung aufgewacht, von Mick Jagger schwanger zu sein.

Ich fragte mich: Kann man es mit der Musik auch übertreiben? Wenn Musik die Kraft hat, vorhandene Gefühle scherenschnittartig hervortreten zu lassen, was waren das bitte für beknackte Gefühle?

Ich suchte die Antworten auf der Seite des Internetversandhandels. Ein mir bis dahin unbekanntes Gefühl der Erkenntnis durchzuckte mich wie der Blitz ACDC. Da stand es: „Wenn Sie nicht Esther Kogelboom sind, klicken Sie bitte hier.“ Das musste es sein.

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