Zeitung Heute : Ohne Namen, ohne Fragen, ohne Kind

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

Als die Frau im Spandauer evangelischen Waldkrankenhauses ankam, war sie schon in den Wehen. Sie sei von ihnen überrascht worden, sagte sie. Deswegen habe sie keine Krankenkassenkarte dabei. Ihr Mann werde sie später nachreichen. Zwei Tage nach der Entbindung war sie verschwunden. Der Name, den sie bei der Aufnahme angegeben hat, war falsch. Ihr Baby schlief in seinem Kinderbettchen. Sie hat es nie abgeholt. Die anonyme Geburt praktiziert das Spandauer Krankenhaus seit Jahren – unbeabsichtigt. „Einmal in zwei Jahren kommt es vor, dass eine Frau ihr Baby hier lässt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet“, sagt Pflegedienstleiterin Oberin Ute Dormeier. Jetzt möchte das Krankenhaus die anonyme Geburt offiziell einführen. „Wir könnten sofort anfangen“, sagt Verwaltungsleiter Axel Feyerabend. Und begibt sich damit auf die Schwelle zur Gesetzlosigkeit.

Einerseits sind Krankenhäuser verpflichtet, Hilfe zu leisten, auch bei schwangeren Frauen, die ihren Namen nicht nennen wollen. Andererseits ist das Krankenhaus auch verpflichtet, die Geburt mit Angaben zu Mutter und Kind beim Standesamt anzuzeigen. Ansonsten verstößt das Krankenhaus gegen die Persönlichkeitsrechte des Kindes – eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Ordnungsgeld geahndet wird. „Wir würden auch heute keine Frau abweisen“, sagt Feyerabend. „Nach unserem Verständnis ist das keine Ordnungswidrigkeit.“ Schließlich sei das Krankenhaus nicht verpflichtet zu überprüfen, ob eine Frau ihren richtigen Namen nennt. Außerdem hofft er auf das Verständnis der Politiker. Nicht zu unrecht, wie Beispiele aus andleren Städten zeigen. In Hamburg oder Nürnberg zum Beispiel, wo es die anonyme Geburt seit einigen Jahren gibt, verzichten die Behörden darauf, dies zu verfolgen.

„Damit ein Kind seine Persönlichkeitsrechte einklagen kann, muss es leben“, sagt Feyerabend. Das Argument der Kritiker, dass durch die anonyme Geburt der Kinderhandel durch Adoptionsringe gefördert werde, halten Dormeier und Feyerabend für haltlos. Keine Frau werde freiwillig schwanger mit einem Kind, das sie nicht haben will.

Jährlich werden in Deutschland etwa 40 bis 50 tote Säuglinge gefunden – im Wald, an Bahngleisen oder wie gerade in Lichtenberg im Müllcontainer. Die Dunkelziffer liegt zehn- bis zwanzigmal höher. Der Grundgedanke der anonymen Geburt sei, Leben zu schützen, sagt Feyerabend. Man wolle Frauen in Not einen Ausweg bieten. Um die anonyme Geburt finanzieren zu können, ist das Krankenhaus auf Spenden angewiesen. 2000 Euro kostet eine einfache Geburt. „Die werden wir schon irgendwie auftreiben“, sagt Oberin Dormeier.

Bis auf die Finanzierung ist die anonyme Geburt im Waldkrankenhaus bis ins Detail geplant. „Die Frauen melden sich bei uns, nennen irgendeinen Namen, mit dem sie dann auch angesprochen werden“, sagt Dormeier. Nach der Entbindung bleiben sie dann noch drei Tage zur Erholung da. Wenn sie möchten, können die Frauen einen Brief für ihre Kinder im Krankenhaus lassen. Die Kinder bleiben dann solange im Krankenhaus, bis das Jugendamt eine Pflegefamilie gefunden hat. Aber auch hier gilt, genau wie bei der Babyklappe: Bis zu acht Wochen hat die Frau Zeit, sich doch noch für ihr Kind zu entscheiden und es zu sich zu nehmen. Dann allerdings muss sie ihren Namen nennen.

Auch eine Babyklappe will das Waldkrankenhaus an der Stadtrandstraße bis zum Herbst einrichten, weit weg vom Haupteingang, damit die nötige Anonymität gewahrt ist. Drei gibt es schon in Berlin, keine von denen sei jedoch für verzweifelte Mütter aus dem Umland leicht zu erreichen, sagt Oberin Dormeier. In Spandau kommt dagegen ein Fünftel der Patientinnen aus Brandenburg.

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