Zeitung Heute : Ohne Richtlinie

Der Tagesspiegel

Irland. Erstmals in Europa machte Anfang der neunziger Jahre auf der Insel Kindesmissbrauch durch Kleriker Schlagzeilen. Das Problem hat offenbar ein erhebliches Ausmaß. Ende Januar erklärten sich alle irischen Ordensgemeinschaften bereit, die Opfer mit insgesamt 128 Millionen Euro zu entschädigen. Die irische Bischofskonferenz berät über eine gemeinsame Richtlinie. Sie sollen 2003 verabschiedet werden.

Großbritannien. Die Kirche von England und Wales hat 1994 als erste Kirche in Europa eine gemeinsame Richtlinie gegen Kindesmissbrauch erlassen. Trotzdem gab es zwischen 1995 und 1999 weitere 21 Fälle unter den 5600 Priestern, die von staatlichen Gerichten für solche Taten verurteilt wurden. Mehrere Bischöfe sahen sich öffentlich Vorwürfen ausgesetzt, gegen klerikale Täter nicht entschlossen genug durchgegriffen zu haben. Selbst Kardinal Cormac Murphy-O´Connor, Erzbischof von Westminster und Vorsitzender der Bischofskonferenz, geriet unter Druck. Er hatte in den achtziger Jahren einen pädophilen Priester an eine andere Stelle versetzt, an der er weitere Straftaten begehen konnte.

Inzwischen hat die englische Bischofskonferenz ihre ersten, nicht sehr wirkungsvollen Richtlinien von 1994 deutlich verschärft. Die Maxime des im November 2001 verabschiedeten Papiers lautet: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Erstmals wird eine anonyme Anlaufstelle für Opfer mit geschultem Personal geschaffen, die unabhängig von der Bischofskonferenz arbeitet. Beschuldigte müssen sofort suspendiert werden, bis die Vorwürfe geklärt sind. Priester, denen Pädophilie vorgeworfen wird, dürfen nicht mehr in der Arbeit mit Kindern eingesetzt werden. Wird ein Priester zu einer Haftstrafe von über zwölf Monaten verurteilt, muss das Laisierungsverfahren eingeleitet werden.

Frankreich. Nach Angaben der französischen Bischofskonferenz sind „in den letzten Jahren" von den rund 25 000 Priestern 30 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden, die meisten zu Bewährungsstrafen. Gegen 19 weitere ist ein Strafverfahren anhängig. Der Bischof von Bayeux, Pierre Auguste Pican, wurde von einem Gericht zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er Berichte über einen später verurteilten pädophilen Priester unter den Teppich gekehrt und den Mann nicht angezeigt hatte. Im Herbst 2001 haben die französischen Bischöfe eine gemeinsame Richtlinie für alle Bistümer erlassen.

Deutschland. Jeder der 27 Diözesanbischöfe handhabt Fälle von Kindesmissbrauch nach eigenem Ermessen. Es gibt keine gemeinsame Statistik der Bischofskonferenz. In den letzten drei Jahren soll es zwölf Fälle gegeben haben. Am Montag beschäftigten sich der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz erstmals mit dem Thema. Es soll vorerst keine gemeinsame Richtlinie erlassen werden.

Polen. Der Erzbischof von Posen, Juliusz Paetz, trat kurz vor Ostern zurück. Ihn hatten Mitpriester und Seminaristen beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Über das Ausmaß des Missbrauchs durch Kleriker gibt es ansonsten keine Informationen.

Österreich. Mitte der neunziger Jahre tauchten Vorwürfe auf gegen den damaligen Wiener Erzbischof, Kardinal Hans Hermann Groer. Er hatte sich als Religionslehrer an Kindern vergangen. Nach einigem Zögern und erst auf massiven Druck des Vatikan trat Groer zurück. Martin Gehlen

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