Zeitung Heute : Ohne vier

Die geschwollenen Gesichter mit Mull verbunden – so nehmen sie in Frankenberg Abschied von den in Kabul ermordeten Kameraden. Wir werden jetzt alle mächtig erwachsen, sagt ein Hauptmann. Und es ist nicht ganz klar, ob er seine Soldaten meint oder das ganze Land.

Constanze Bullion[Frankenberg]

Sie halten es wirklich lange aus, sitzen aufrecht und so dicht beieinander, als könnte nichts und niemand sie auseinander treiben. Aber als dann dieses Lied kommt und die Strophe mit der „Sonne der Gerechtigkeit“, die aufgehen soll in schwerer Zeit, da kommt mit einem Mal Bewegung in die grauen Uniformjacken. In den vorderen Bänken der Liebfrauenkirche vor allem, wo Soldaten mit braun gebrannter Haut und dick geschwollenen Gesichtern sitzen, direkt vor den Trauerkränzen. Manche von ihnen sind über und über mit Pflastern zugeklebt, andere haben weißen Mull über Ohren und Händen, und sie alle haben diesen Ausdruck im Gesicht, den man wohl schwer loswerden kann nach einem solchen Schock. Bis dieses Lied einsetzt und die Starre den Tränen weicht. Manche können kaum wieder aufhören.

So also sieht die neue Bundesrepublik aus. Ein Land, das aufgewacht ist aus der gemütlichen Friedfertigkeit der Nachkriegszeit, in der Bundeswehrsoldaten ein bisschen Verteidigung übten und ein wenig halfen, wenn andere den Kopf hinhielten, aber nie kämpfen mussten und schon gar nicht sterben. Und jetzt sind vier deutsche Soldaten tot und 29 verletzt, und das nicht durch einen Unfall, sondern durch das Attentat, das am Samstag einen Bundeswehrbus auf dem Weg zum Flughafen von Kabul zerfetzte. 33 Soldaten saßen darin, alle auf dem Weg nach Hause und die meisten vermutlich froh, einen Auslandseinsatz zu beenden, der riskanter war als die früheren der Bundeswehr. Bis dieses Taxi sich auf einer dicht befahrenen Straße in ihren Fahrzeugkonvoi drängte und ein Attentäter gut 100 Kilogramm Sprengstoff zündete. Nicht einer im Bus ist unverletzt geblieben.

Endlose Zwischenzeit

„Die Globalisierung ist Realität, und die Weltverantwortung ist unteilbar“, sagt der evangelische Pfarrer in der Liebfrauenkirche von Frankenberg, als sich am Donnerstagmorgen hunderte Bundeswehrsoldaten unter gotischen Kreuzbögen in den Bänken drängen, Schulterstück an Schulterstück, und Abschied nehmen von vier Kameraden und einigen Illusionen.

Vorn am Altar stehen große Fotos mit Trauerflor, die getöteten Soldaten stammen alle aus dem Umfeld des Bundeswehrbataillons 932 – zuständig für elektronische Aufklärung bei Isaf- und Sfor-Einsätzen –das im hessischen Frankenberg stationiert ist. „Wir sind aufgeschreckt durch den Gedanken, dass wir nirgends sicher sind“, sagt der Pfarrer, bevor er Verletzten und Familien noch wünscht, „dass das Attentat in Kabul nicht auf Dauer ihr Leben verwüstet“.

Bis wieder Normalität einkehrt im Leben der Männer, die das Attentat überlebt haben, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Als die Orgel das letzte Lied gespielt hat und sich eine lange Reihe von Kondolierenden vor den Angehörigen staut, stehen die Verpflasterten und Verwundeten schon draußen vor der Kirchentür und halten sich lange, lange in den Armen. Reden will hier keiner, zumindest nicht mit der Presse, und etliche können es auch nicht. „Ich höre Sie nicht“, sagt einer und macht eine hilflose Geste. Vielen hat der Knall das Trommelfell zerrissen. Doch, wird Oberstleutnant Peter Richert später sagen, als er wieder in der Burgwaldkaserne von Frankenberg sitzt, es ist schon eine Premiere für alle hier, und keine einfache.

Zum ersten Mal mussten hier Todesnachrichten überbracht werden, mussten verzweifelte Familienangehörige über Stunden mit dürren Informationen hingehalten werden. „Am Samstagmorgen um acht kamen die ersten Nachrichten, dass unser Kontingent betroffen ist“, sagt der Bataillonskommandeur, „am frühen Abend konnten wir allen endgültige Informationen über den Zustand der Verwundeten geben.“

Bei Todesfällen und mittleren oder schweren Verletzungen schickt die Bundeswehr ein persönliches Kommando bei den Angehörigen vorbei, eigentlich den Kommandeur. In Frankenberg haben sie Hauptmann Kotthoff mit zwei Mann Verstärkung losgeschickt, vielleicht, weil er so ein sachlicher Typ ist, der seine Emotionen zu zügeln weiß – und die Regeln kennt. „Nie alleine hingehen, man weiß nie, was man vorfindet“, sagt er. „Dann erst mal das Umfeld klären und die Leute wieder ins Haus bringen.“ Viele stünden ja da wie versteinert, wenn an einem Samstagnachmittag Uniformierte im Dorf aufkreuzten. Die Nachricht über Tod oder Verletzung wird dann diskret im Wohnzimmer übermittelt. Wie macht man das am besten? „Da muss man gleich mit der Wahrheit raus“, sagt Kotthoff , „und dann kommt das Beben.“ Aber „eine wirkliche Sicherheit hat man da nicht.“

Sicherheit, das ist so ein Wort, das hier jetzt oft von einem Schulterzucken begleitet wird. Sicherheit ist relativ bei Einsätzen wie in Afghanistan, sagt Carsten Berger, auch er ein Hauptmann, der früher mal in Bosnien war und zu Weihnachten in Afghanistan und irgendwann vermutlich auch wieder dorthin muss. Als er von dem Anschlag hörte, da sei er erst entsetzt gewesen und dann wütend. „Ich wollte denen die Eier hochbinden“, sagt er, „wir tun da, was wir können, und dann so ein Angriff.“ Berger hat vieles gelernt in Afghanistan, am Anfang war es nicht leicht dort. „Man steigt da aus dem Flugzeug aus und ist erschlagen“, sagt er. Erschöpft wegen der über 2000 Höhenmeter, der 50 Grad Hitze im Schatten, dann die Armut und die Trümmer Kabuls. 99,99 Prozent der Menschen dort sind von überbordender Herzlichkeit, erzählt er. Die übrigen sind echte Feinde. Und die, gesteht Berger, versucht man gern zu vergessen, wenn man hinterm Steuer des Aufklärungsfahrzeugs sitzt.

Ausrüstung: unzulänglich

Berger war Chef der letzten Aufklärungskompanie in Kabul, und es verging kein Tag, an dem ihm nicht mulmig dabei war, seine Leute in nahezu ungepanzerten Fahrzeugen auf die Straße zu schicken. „Ich hatte immer Angst“, sagt er, „dass die in einen Hinterhalt oder auf eine Mine fahren.“ Insofern sei der Angriff auf den Bus nicht wirklich überraschend. Und doch. Es hat sich ein „verdammt ungutes Gefühl“ eingestellt jetzt, sagt Berger. Nicht nur bei seiner Frau, sondern auch bei ihm selbst. „Der Anschlag war für mich wie ein großer Reset-Knopf, alles noch mal auf null“, sagt er. Nur noch mit Panzern durch Kabul zu fahren, das sei Unsinn bei all den Marktbuden dort. Aber die Routine abzustreifen, die sich einschleicht bei solchen Einsätzen, das wäre schon ein großer Gewinn. „Jetzt wissen die Leute wieder, warum sie bei der Hitze eine schusssichere Weste tragen sollen, die 18 Kilo wiegt“, sagt er. Die Männer im Bus hatten keine Westen an.

Natürlich hat sich noch kein Soldat gemeldet in der Burgwaldkaserne von Frankenberg, der jetzt nicht mehr raus will in die Welt oder der sich weigert, am Auslandseinsatz in Afghanistan teilzunehmen, einem Einsatz, der womöglich immer weiter ausgedehnt wird, ohne dass es dafür aber mehr Geld aus dem Bundeshaushalt gibt. Hauptmann Kotthoff will hier keine unbotmäßigen politischen Forderungen stellen. „Dass ich meine Männer mit unzulänglicher Ausrüstung da hinschicke, das ist klar“, sagt er leichthin. Sicher, sagt Hauptmann Berger, manchmal frage man sich schon, was das alles bringt. „Wir werden alle mächtig erwachsen, so viel steht fest“, sagt er. Es ist nicht ganz klar, ob Berger seine Soldaten meint. Oder das ganze Land.

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