Zeitung Heute : Ohne Worte

Der stumme Papst erschüttert die Gläubigen – nun setzt Johannes Paul II. noch mehr als bisher auf Symbole

Paul Kreiner[Rom]

Trotz verzweifelter Anstrengung ist es Papst Johannes Paul II. am Ostersonntag nicht gelungen, den Segen „Urbi et Orbi“ zu sprechen. Wie stellen sich Papst und Vatikan auf ein womöglich dauerhaft stummes Kirchenoberhaupt ein?

Johannes Paul II., sagt Kardinal Joseph Ratzinger, „handelt in absoluter geistiger Klarheit. Er hat die Fähigkeit, das Wichtige auszuwählen und zu regieren, mit zwar wenigen, aber wesentlichen Entscheidungen.“ Nun – der Graben zwischen diesen offiziellen Beschwichtigungen und den Zweifeln der Öffentlichkeit wird immer tiefer, gerade nach dem Auftritt des Papstes am Ostersonntag. Wer nicht einmal zehn Sekunden lang sprechen kann, soll in der Lage sein, die katholische Kirche zu leiten? Eine Weltvereinigung mit 1,2 Milliarden Mitgliedern?

Warum nicht? Ein Rückblick auf die mehr als 26-jährige Amtszeit von Johannes Paul II. zeigt, dass dieser Papst von Anfang an – und entschieden stärker als alle seine Vorgänger – sein Amt mindestens genauso wirkungsvoll über Zeichen wie über Worte ausgeübt hat. In seiner Jugend hat er sich fürs Theater begeistert und Sinn für die Schauspielerei entwickelt. Und als Papst weiß er genau, wie er mit den Medien umzugehen hat. Ihm kam es stets durchaus auch auf möglichst bunte Fernsehbilder an, auf die Wirkung öffentlicher Auftritte. Und das wird so bleiben.

Schon bei der ersten Reise in seine polnische Heimat, ein Dreivierteljahr nach der Wahl zum Papst, waren Ereignis, Bilder und Schlagzeilen bedeutsamer als der Inhalt jeder Rede. Im Jahr 1979 konnte Karol Wojtyla, dem realsozialistischen Regime nicht mehr unterworfen, zwar stärkere Worte finden als seine bisherigen Bischofskollegen. Frei sprechen aber konnte im Ostblock selbst er noch nicht. Die bloße Mobilisierung Hunderttausender allerdings, die auch im staatlichen Fernsehen nicht durch die Zensur zu unterdrückenden Bilder der großen Papstmessen – das war Wirkung genug: Der Anfang vom Ende der alten Weltordnung.

Mit seinen Reisen, mit dem Millionenpublikum in aller Welt, hat Johannes Paul II. Politik gemacht. Fernsehbilder zeigten ihn als einen starken, jugendlichen, unkonventionellen, sportlichen, lockeren und heiteren Oberhirten, wie ihn die katholische Kirche zuvor noch nie hatte. Nicht zuletzt darin äußert sich das eigentliche Amtsverständnis Johannes Pauls II. Seinen Willen zu solchen symbolischen Akten musste er oft genug gegen eine widerstrebende, abratende Kurie durchsetzen. Auch zuletzt noch, als er alle Hebel der vatikanischen Diplomatie in Bewegung setzte, um den Irakkrieg zu verhindern , zuckte mancher im Vatikan zurück: „Wir hängen uns zu weit aus dem Fenster. Der Krieg lässt sich nicht verhindern, der Heilige Vater beschädigt nur sein Ansehen, wenn er so laut protestiert“, hieß es.

Der Papst hat also immer getan, was er für richtig hielt. Doch was hält er für richtig? Was ist sein Wille? Wer kann das wissen, wenn er nicht sprechen kann? Wer „dolmetscht“, was er auf andere Weise mitteilt? Und tut er es redlich?

Da tut sich viel Raum auf für misstrauische Spekulationen, Zweifel, Gerüchte. Denn fest steht nur: Die faktische Kirchenleitung liegt bei den führenden Kardinälen, Joseph Ratzinger, Angelo Sodano, Camillo Ruini, Giovanni Battista Re. Selbst ob sie alles wissen, wird in Rom bezweifelt. Mancher, so berichten italienische Zeitungen, werde gar nicht mehr zum Papst vorgelassen. Über Aus- und Eingang im Privat-Appartement wacht der Pole Stanislaw Dziwisz. Ihm wird auch die Regie für die öffentlichen Auftritte Johannes Pauls II. zugeschrieben. Und dabei lässt sich längst nicht mehr immer ganz trennscharf entscheiden, was dem Willen des Papstes oder dem Willen Dziwiszs entspringt.

Sicher ist nur, dass Johannes Paul II. immer schon sehr ernst und tief über das Martyrium meditiert hat. In der beispielhaften, also durchaus öffentlichen Aufopferung für Christus sieht er die Vollendung des Menschseins und ein „leuchtendes Zeichen für die Heiligkeit der Kirche“. Durchaus möglich, dass Johannes Paul II. seine Krankheit als das Martyrium sieht, zu dem er sich berufen fühlt. „Christus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen“, sagte er, als ihn die ersten Rücktrittswünsche erreichten. Und in der Moralenzyklika „Der Glanz der Wahrheit“, in der er den Gläubigen seine strengsten Gebote auferlegt, zitiert er einen Kirchenlehrer: „Lasst mich das Leiden und Sterben meines Gottes nachahmen.“

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