Zeitung Heute : Ohne Zahnbürste in Erfurt

Über Nacht wurde Bernhard Vogel Landeschef von Thüringen – und blieb es elf Jahre

Jens Voigt[Erfurt]

René Laqua wird sich umstellen müssen. Nicht, dass der Leibwächter von Bernhard Vogel Angst haben müsste um seinen Job. Ministerpräsident bleibt Ministerpräsident, auch wenn er in Thüringen von morgen an Dieter Althaus heißt. Doch ob mit dem Neuen die Fotos so prominent besetzt sein werden, die Laqua immer für seinen Chef geschossen hat, scheint zweifelhaft: Vogel mit Schimon Peres, Vogel mit dem indischen Außenminister, mit Lord Heseltine, mit Friede Springer. Der „Alte“ kannte alle, und alle kannten ihn.

Geboren in Göttingen, zur Schule gegangen am Münchner Max-Gymnasium, promoviert in Heidelberg. Jüngster deutscher Kultusminister mit 35 Jahren. Einziger Ministerpräsident in zwei Ländern, Rheinland-Pfalz und Thüringen. Rekordhalter mit 8590 Tagen im Chef-Amt. Freund von Helmut Kohl, auch wenn es immer eine Freundschaft ohne Innigkeit war.

Es ist über elf Jahre her, dass Vogel mit Mitarbeitern der Konrad-Adenauer-Stiftung in einer Münchner Wirtschaft saß und die Bedienung rief: „Gibt’s hier an Vogel, den will oaner am Telefon.“ Vogel ging zum Telefon im Gang neben Küchen-Durchreiche und Toilette. Helmut Kohl war am Apparat. „Bernd“, sagte der, „es geht nicht anders. Du musst das machen in Erfurt.“

In Thüringen hatte es quer durch CDU und Landesregierung gekriselt, Ministerpräsident Josef Duchac war zurückgetreten. Reformer und Altkader bekriegten sich. Vogel fuhr nach Erfurt. Dort musste er warten, eine ganze Nacht lang. Er telefonierte herum, sprach mit seiner alten Freundin Hanna-Renate Laurien. „Lauriensche“, sagt er, „ich bin in Erfurt und habe nicht einmal eine Zahnbürste und auch keinen Schlafanzug bei mir.“

Der Politiker, der eigentlich lieber Professor werden wollte, nahm den neuen Job mit fast 600 Aufbauhelfern aus Mainz an. Seine Kreisbereisungen, mit denen er im Stil eines Expeditionsleiters Feldforschung betrieb, dienten auch der Selbstversicherung für das richtige Aufschwung-Instrumentarium. Immer wieder wurden dabei die rheinland-pfälzischen Muster deutlich: Gebiets- und Verwaltungsreform, Justiz- und Polizeiumbau, Straffung des Schulsystems, Ausbau und Profilierung der Hochschulen. Nicht zuletzt die frühe Renaissance der Thüringer Ost-Beziehungen nach Russland, Polen und Ungarn sowie die neuen Partnerschaften mit Litauen und Regionen in Frankreich und Großbritannien tragen Vogels Handschrift.

Aber nicht alles gelang ihm so gut. Der Interventionismus, mit dem die Landesregierung auf den wirtschaftlichen Kollaps unter dem Motto „Thüringen brennt“ reagierte, brachte vielen geretteten Unternehmen Probleme bis heute. Spätestens seit Vogels Bemerkung von den „Sesselfurzern in Brüssel“ auf dem CDU-Parteitag vor zwei Jahren gilt das Verhältnis zur EU-Kommission als zerrüttet. Und erst jetzt wird der Dschungel der Förderprogramme gelichtet, rückt man ab vom Niedriglohn als Allheilmittel.

Vogels Rolle als Elder Statesman der Union ist ein wichtiger Teil dessen, was er frei nach Herbert Wehner als sein Selbstverständnis formuliert: Den Karren ziehen, solange der will. Für Thüringen hatte er den nächsten Kärrner mit der Übergabe des Parteivorsitzes an Althaus schon vor zwei Jahren bestellt. Seither ackerte Vogel bevorzugt auf Bundes-Feldern. Im CDU-Präsidium sei er jetzt „der Stubenälteste.“ Einer, der sagt, wann geputzt werden muss, gekloppt und gearbeitet. Letzteres sieht er derzeit bei der Union etwas unterentwickelt. Harte Kritik an der Bundesregierung sei zwar richtig, aber: „Wir müssen den Menschen auch Alternativen anbieten können.“ Nicht im Sinne von Beliebigkeit oder hastigen Kurswechseln. Erneuerung der Politik heißt für ihn Evolution des Bestehenden, möglichst bruchlos.

Mit seiner Arbeit in Thüringen ist er zufrieden. Die Autobahnen, die Infrastruktur insgesamt, die HochschulLandschaft und die rund 30 größeren Unternehmensansiedlungen seien Erfolge. „Ich bin zufrieden und dankbar für diese Zeit“, sagt Vogel, „ich hinterlasse das Haus gut bestellt.“ Schließlich, auch das gehört zum Grundinventar seiner Reden, steuere Thüringen nun auf den Platz zu, „den wir ohne die Teilungsgeschichte Deutschlands seit langem einnehmen würden“.

Er hat sich schwer getan mit dem Gehen. Hat sich zwingen müssen, dem Nachfolger Spielraum zu geben, ihm zuzugestehen, dass er die Partei nicht so führt wie er selbst. Er, der nur schwer nachvollziehen kann, dass andere keine Akten fressen bis zum letzten Punkt. Der sich schon ärgert, wenn in Reden auch nur ein Zahlendreher rutscht und in Briefen ein Komma fehlt. Bernhard Vogel war kein Überflieger; er musste mit Ausdauer und Zähigkeit bestehen, im Lernen wachsen, im Perfektionieren Sicherheit gewinnen. Vogel, immer bereit, immer im Dienst. Er kann nicht anders, sagt er, und er würde Kollegen, die sich zum politischen noch ein Privatleben leisten, gerne beneiden. Nur, er kennt kaum einen, bei dem es funktioniert.

Reisen will er, wenn Althaus seinen Stuhl einnimmt im Büro neben dem Barocksaal der Staatskanzlei. „Südfrankreich“, fällt ihm als erstes Ziel ein. Die Bücher lesen, die sich in seinem Haus in Speyer stapeln. Selbst eins schreiben, über den Bundesrat vielleicht, den er so lange kennt wie kaum einer sonst. Endlich sonntags ausschlafen. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung durch die Welt düsen, als Botschafter der CDU.

Vielleicht wird er ja auch Bundespräsident. Sein Name ist im Spiel, wenn über den Unionskandidaten für die Nachfolge von Johannes Rau spekuliert wird. Und, Herr Vogel? „Das Amt des Bundespräsidenten ist keines, um das man sich bewirbt.“ So spricht der Stubenälteste, der weiß: Beim letzten Gefecht entscheidet die Taktik.

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