Zeitung Heute : Ohropax gegen Rock ’n’ Roll

Cheerleader, Joe-Cocker-Double, Nebel: Schmeling-Halle bedeutet Show – nicht allen Fans gefällt das.

It’s Showtime. Volleyball wird in der Schmeling-Halle ausgiebig inszeniert. Die Meinungen darüber sind bei den Fans geteilt. Foto: Eckhard Herfet
It’s Showtime. Volleyball wird in der Schmeling-Halle ausgiebig inszeniert. Die Meinungen darüber sind bei den Fans geteilt. Foto:...

Nebelschwaden wabern, grell angeleuchtet von einem Spotlight, aus dem Nebel lösen sich hochgewachsene Spieler, aus den Hallenboxen dröhnt ein Status-Quo-Klassiker, kleine Leuchtstäbe fliegen durch die Dunkelheit, das Spielfeld sieht aus, als wäre es von einem Heer überdimensionierter Glühwürmchen übersät. Davor hatte schon ein Joe-Cocker-Double ins Mikrofon gekrächzt, eine Rock 'n'Roll-Gruppe fetzig getanzt, ein riesiger Zeppelin mit dem Logo des Hauptsponsors war durch die Luft geschwebt. Und natürlich dröhnen Trommelschläge durch die Halle.

So laufen Heimspiele bei den BR Volleys jetzt ab, willkommen in der neuen Zeit, willkommen bei der Show. Willkommen auf der Bühne Schmeling-Halle.

„Diese Atmosphäre ist exzellent, das ist doch ein super Gefühl auf der Tribüne“, sagt Bernd Paul. Er ist Chef der Fangruppe „7. Mann“. Er findet die neue Zeit „geil“.

Rock'n'Roll, Cheerleader? „Das passt vielleicht zum Basketball, aber nicht zum Volleyball“, sagt Christine Bildstein. Und dann noch das Joe-Cocker-Double? Oder überhaupt, diese ganzen Rockstar-Imitatoren, die auftreten? „Furchtbar.“ Christine Bildstein besucht seit Jahren die Spiele. Für die neue Zeit hat sie sich Ohropax gekauft.

Die alte Zeit, das war die Sömmeringhalle, der biedere Zweckbau in Charlottenburg mit der Atmosphäre einer Aussegnungshalle. Die alte Zeit dauerte bis Saisonbeginn. Aber der Umzug in den Prenzlauer Berg, der hat Gräben aufgerissen. Traditionalisten, Fans, die sich zurück in den Zweckbau sehnen, gegen die Konsumenten der Party-Time. Weltbilder prallen aufeinander.

Bernd Paul ist jetzt 58, Fan seit 2001, ein Unternehmer. „Der Umzug ist der richtige Weg“, sagt er. Was wollen die Fans denn sehen?, fragt er dann. „Sie wollen attraktiven, tollen Volleyball, sie wollen eine erfolgreiche Mannschaft, sie wollen eine tolle Stimmung.“ Kurz gesagt: Sie wollen die Show. Die Sömmeringhalle, das war die unbeachtete Plattform des Berliner Spitzenvolleyballs. Sagt Paul. „Mit 1000 Zuschauern bekommt man keine Aufmerksamkeit.“ Aber Aufmerksamkeit, die wollen sie, die Fans, die so denken wie Paul. „Mehr Zuschauer bedeutet mehr Interesse der Medien, das bedeutet mehr Interesse von Sponsoren.“ Mehr Einnahmen bedeutet mehr Geld für gute Spieler. Und damit die Aussicht auf mehr Erfolg. Ein Kreislauf. Auf dem Reißbrett zumindest.

Paul und seine Gruppe sitzen immer hinter dem Vip-Bereich, drei-, viermal pro Spiel wickeln sie ihr riesiges Transparent aus, es läuft über den ganzen Block, „Attacke - Fanclub 7. Mann“ ist dann zu lesen. Paul war auch dabei, als 8045 Zuschauer das Spiel gegen den VfB Friedrichshafen verfolgten, das war noch in der vergangenen Saison, aber diese Stimmung, die wird er in seinem Leben nicht mehr vergessen.

Er hatte auch gerne in der Sömmeringhalle gesessen, so ist es ja nicht, aber dort „war allein schon die Akustik grauenhaft“. Den Hallensprecher hatte er kaum verstanden. Beim „7. Mann“, sagt er, da gebe es nicht einen, der den Umzug für falsch halte. Nur die neue Dominanz der Teamfarbe, dieses leuchtende Orange, an diese Signalfarbe, die der neue Namenssponsor so liebt, mussten sie sich erst gewöhnen. Orange, das erinnert an Müll, das löst genau jene Assoziationen aus, die der Sponsor möchte. Er lebt ja von Müllentsorgung. Aber Müll, das Orange, das erinnert nicht an mitreißenden Sport. Bei Auswärtsspielen höhnten gegnerische Fans: „Was macht denn die Müllabfuhr hier?“ Inzwischen sehen sie beim „7. Mann“ Orange als „Alleinstellungsmerkmal“. Jetzt, sagt Paul, „wollen wir diese Farbe nicht mehr missen“.

Christine Bildstein ist selber Volleyball-Trainerin, das ist wichtig. Sie spricht für die Fans, die in erster Linie Sport sehen wollen, aus dem Expertenblickwinkel. „Viele bei uns haben keine Saisonkarte mehr gekauft“, sagt sie. Die 51-Jährige trainiert eine Mannschaft des TSV Tempelhof-Mariendorf, sie sitzt am Stammtisch mit anderen Volleyballern, sie liebt auch Hallenatmosphäre – wenn die so ist wie in der Sömmeringhalle.

In Charlottenburg saßen sie und ihre Begleiter direkt am Spielfeldrand, fünf Meter vor ihr schlugen sich die Spieler ein. Sie konnte sehen, wie die sich aufwärmten, wie sie schlugen, wie sie ihre Armzüge machten, sie könnte hören, was der Trainer sagte, solche Sachen. Sie nahm viele Anregungen für ihr Training mit. „Volleyball zum Anfassen“, sagt Bildstein. In der Schmeling-Halle schlagen sich die Mannschaften in einer Nebenhalle ein, das Spielfeld braucht man für die Joe-Cocker-Doubles.

Manchmal konnte sie nicht in die Sömmeringhalle, und „dann ging meine Saisonkarte sofort weg“. Jetzt nicht mehr. Sie besorgt regelmäßig für alle in der Gruppe die Saisonkarten; seit dem Umzug ist das Interesse abgeflaut. Sie hat ihre Saisonkarte, selbstverständlich, sie freut sich ja, wenn sie spannende Spiele sieht und die Volleys Top-Spieler verpflichten. Es geht nicht um Frontalopposition, es geht um das Gefühl, dass zu viel Sport der Show geopfert wird. In einer E-Mail hat sie Volleys-Geschäftsstellenleiter Matthias Klee geschrieben, „weshalb ich nur noch mit halbem Herzen in die Schmeling-Halle gehe“.

Aber sie geht, zur Show und zum Spiel. Sie sitzt genau gegenüber den Fans vom „7. Mann“. Drei-, vier Mal pro Spiel kann sie an dem riesigen Transparent erkennen, wie toll Bernd Paul und seine Freude das alles hier finden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben