Zeitung Heute : Oki

Spanferkel mit Bergpfeffer

Bernd Matthies

Ja, Westler, nehmt es zur Kenntnis: Die kulinarische Experimentierstube Berlins liegt in Mitte und Prenzlauer Berg. Zwar hat der Westen noch ein winziges Übergewicht, was die Spitzenbetriebe angeht, doch gleich dahinter ändert sich die Lage. Und wer in der Economy-Class essen will, der findet ein reiches Angebot in allen Teilen der Stadt. Doch im Westen läuft nur noch Nummer sicher, im Osten dagegen zum Beispiel, zum Beispiel… norddeutsch-japanische Küche. Keine Ahnung, wie es dazu kommt. Aber im Oki in der Oderberger Straße, einem winzigen, modern japanisch eingerichteten Restaurant, kocht der (deutsche) Chef diese skurrile Mixtur, nur so aus Passion. Der Geschmack ist fernöstlich orientiert, die Kochtechnik dagegen halbe-halbe: Zu den Hauptgängen gibt es Reis und Wok-Gemüse, aber im ganzen gebratene Fleischstücke mit euroasiatischen Saucen, zur Vorspeise Salate und Sushi.

Wild, das Ganze. Aber es funktioniert. Was hier an Sushi- und Sashimi-Varianten geboten wird, kann den Vergleich mit der authentisch japanischen Berliner Konkurrenz gut bestehen, zumal dort Zander oder Jacobsmuscheln kaum angeboten werden. Alles ist frisch, der Reis bestens präpariert, die Anrichtung höchst dekorativ. Als Alternative gibt es eine Fischsuppe, die gewiss eine Art Resteverwertung des Sushi-Programms ist, doch eine intelligente: Jasmintee als Basis und knackige Gemüse und Shiitake-Pilze ergeben einen runden, angenehmen Geschmack (8,50 Euro).

Die Hauptgerichte, wie alles andere nur auf großen Papierrollen an der Wand aufgeschrieben und um 15 Euro kalkuliert, machen gleichermaßen Freude. Das Maishähnchen „in japanischer Panade“ ist zwar weniger knusprig, als die Ankündigung vermuten lässt, und auch die Entenbrust ist nicht so kross, wie wir es aus besseren asiatischen Restaurants gewohnt sind. Doch dafür ist das Fleisch selbst auch nicht so ausgezehrt, sondern hübsch zart und saftig, was die euro-asiatische Methode in diesen Fällen durchaus rechtfertigt – bei der Ente standen sich die gedünsteten Cranberries und die Kumquats mehr im Weg, als sich gegenseitig zu ergänzen, aber das ist kein sehr gravierender Einwand. Sehr schön zart auch das gedämpfte Spanferkel mit Bergpfeffer, das wiederum mit einer leicht geänderten Variante des Wok-Gemüses auf den Tisch kam.

Generell sind die Hauptgerichte allerdings so bausteinhaft konzipiert, dass sie in dieser Ein-Mann-Küche keine übermäßigen Komplikationen verursachen; Wartezeiten sind dennoch nicht vermeidbar, und wer an den üblichen Fernost-Restaurants vor allem deren Geschwindigkeit schätzt, wird hier eher nicht glücklich werden. Statt Dessert stehen in einer Vitrine ein paar selbstgemachte Kuchen bereit, die sich äußerlich ähneln, aber geschmacklich durchaus unterschiedlich ausfallen, Schoko-Amaretto, Schoko-Himbeer, Mascarpone-Limette, in dieser Richtung.

Keinesfalls normal ist auch die kleine, sachkundig zusammengestellte Weinauswahl mit stark deutschem Schwergewicht: Stodden, Reichsrat v.Buhl, Wöhrle, Schneider (Kaiserstuhl). Eine Karte gibt es nicht, aber wer sich den auf einem Regal ausgebreiteten Flaschen interessiert nähert, wird vom Chef unweigerlich in ein Fachgespräch verwickelt.

So weit, so gut. Aber Achtung! Wir betreten jetzt die Dienstleistungswüste Berlin. Dieses Restaurant nimmt nämlich nur Bargeld. Nicht einfach keine Kreditkarten, was ja in Deutschland leider normal ist, sondern auch keine EC-Karte, weder mit noch ohne Geheimzahl, nichts. Nun wäre auch das nicht weiter schlimm, würde man den Gästen notfalls anbieten, sie könnten die Zeche ja anderntags überweisen. Doch auch das ist hier nicht vorgesehen, jedenfalls hat es uns niemand angeboten. So bin ich denn auf der Suche nach einem Geldautomaten bei eisiger Kälte eine halbe Stunde durch das nächtliche Prenzlauer Berg geirrt, während die Familie in Geiselhaft saß - wo man ihr natürlich kein Glas Wein und keinen Kaffee zur Überbrückung der peinlichen Situation anbot.

Na ja, sagte der Chef, als das Bare dann auf dem Tisch lag, das sei halt Pech, aber er habe ja auch keinen von diesen Kreditkarten-Aufklebern an der Tür, nicht wahr? Tja, Pech. Wenn ich als Gast (bei einer dreistelligen Zeche) aber so behandelt werde, nur weil der Wirt technisch nicht im 21.Jahrhundert anzukommen wünscht, dann sieht er mich nicht wieder. So einfach ist das.

Bernd Matthies

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