Oktoberfest : Sittenwächter im Hofbräu-Festzelt

Helmut Schümann

Dass nirgends so viel gesoffen wird wie überall, ist ein hinlänglich bekanntes Faktum. Ab Samstag wird es wieder in München bewiesen, wenn auf dem Oktoberfest, der Wiesn, traditionell bis zum Stillstand der Augen eingelitert wird. Diesmal aber gesittet. Wenn der Initiationsritus „O’Zapft is!“ beendet ist – und, kleiner Nebenschauplatz: Schafft er’s wieder mit zwei Schlägen, oder braucht er drei? Oder wird er am Ende sogar nass, der Oberbürgermeister Ude, der den Wechsel schon zweimal!, 2005! und 2008! mit nur zwei! Schlägen in den Hirschen trieb, als erster! Oberbürgermeister überhaupt, sapperlot, der Saubär, der pfundige? Äh, für die, die sich nicht so im bajuwarischen Wesen auskennen, der Wechsel heißt anderenorts Zapfhahn, und unter dem Hirschen ist ein Fass zu verstehen, das 200 Liter reinsten Bieres fasst, eine Menge, die aufs Ganze gesehen auf der Wiesn einem Aperitif gleichkommt – aber zurück zu den Usancen bei diesem Gelage. Wenn also der Ruf „O’Zapft is!“ erschallt ist und Ministerpräsident Horst Seehofer die erste, ihm zustehende, Maß anhebt, dann soll es gesittet weitergehen.

Wenigstens im Hofbräu-Festzelt. Dort gibt es einen Pressesprecher. Der heißt Stefan Hempl. Der hat gesagt, dass es keine stark Betrunkenen geben wird und auch keine Nackten. Zur Erklärung: Zum Ritual gehört, dass vornehmlich Damen aus Neuseeland, Italien, aber auch aus Sachsen-Anhalt, nach der ersten Maß auf die Tische springen und die T-Shirts lüpfen. Hempl hat sich anders ausgedrückt, Hempl hat gesagt: „Ich will keine Nackten, ich will keine Ti…“, aber das schenken wir ihm und seinem bayerischen Charme jetzt mal ohne Wiederholung. Tut uns leid für die Neuseeländerinnen, die Italienerinnen und auch für die weiblichen Gäste aus Sachsen-Anhalt. Das wird es schon mal nicht geben. Und stark betrunkene Personen auch nicht. Was eine stark betrunkene Person nicht ist, wissen wir von Seehofers Vorgänger Günther Beckstein, der im Vorjahr zur Vorbereitung einer zünftigen Autofahrt dem Fahrer den Genuss von zwei Maß Bier empfahl. Stark betrunkene Personen sind demnach Personen mit sechs Maß aufwärts intus. Wird es auch nicht geben. Weil Hempl nämlich den Pressefotografen untersagt hat, solche Motive abzulichten. Und was man nicht sieht, ist auch nicht. Schließlich, so Hempl, sorge er sich ums Image des Hofbräuzeltes und der Brauerei. Das ist ja dann gewahrt. Gott mit dir, du Land der Bayern!Helmut Schümann

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